Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union | dpa

Junge Union und Jusos Die Parteijugend macht Druck

Stand: 29.11.2020 08:19 Uhr

Nach dem Bundeskongress der Jusos gestern findet heute der Deutschlandtag der Jungen Union statt. Die Botschaft der Nachwuchs-Politiker ist hier wie dort klar: Sie wollen mehr Einfluss nehmen.

Von Kristin Schwietzer und Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Jung, weiblich, digital? Huch, wird sich manch einer fragen, ist das wirklich die Junge Union? Die Jugendorganisation von CDU und CSU, die bei parteipolitischen Themen oft konservativer wirkt als ihre Mutterparteien, hat sich ein klares Motto gegeben: Weiblicher und digitaler will sie werden. Neun von 22 Posten im Bundesvorstand der Jungen Union (JU) sollen beim Parteitag in München mit Frauen besetzt werden.

Kristin Marie Schwietzer ARD-Hauptstadtstudio
Moritz Rödle ARD-Hauptstadtstudio

JU-Bundesvorsitzender Tilman Kuban hat offenbar erkannt, dass die Partei längst anders tickt als noch vor Jahren. Widerstand gegen die Frauenquote war gestern. Im Sommer trug er den entsprechenden Vorschlag der Satzungskommission seiner Partei mit - und bekam dafür nicht nur Applaus aus der JU. Auch in München wird es dazu sicherlich noch Diskussionen geben. Das könnte Kuban am Ende ein paar Prozentpunkte bei seiner Wiederwahl kosten.

Babybrei am Laptop statt Bier am Stammtisch

Dabei hat Kuban einiges erreicht für die jungen Politiker in der Union. So ist es auch seinem Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass die CDU eine politische Elternzeit einführen will. Künftig sollen sich junge Mütter und Väter trotz Auszeit keine Sorgen davor machen müssen, dass ihr Parteiamt flöten geht. Außerdem soll es, wie in Corona-Zeiten erprobt, auch in Zukunft die Möglichkeit geben, an Besprechungen digital teilzunehmen. Statt Bier am Stammtisch gibt es also Babybrei am Laptop.

Digital heißt auch das Zauberwort in München: Der Parteitag findet zwar in der bayerischen Landeshauptstadt statt - außer dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, JU-Chef Kuban, JU-Vorstand Philipp Amthor und dem bayerischen JU-Vorsitzenden Christian Doleschal wird aber niemand anwesend sein. Der Parteitag wird digital übertragen und es wird auch digital gewählt. Die Mitglieder bekommen einen Code aufs Handy, mit dem sie sich authentifizieren müssen.

JU sieht sich als Pionier in der eigenen Partei

Auch dieser digitale Parteitag ist eine klare Botschaft an das Adenauer-Haus in Berlin: Die Junge Union sieht sich als Pionier in der eigenen Partei. "Man muss nicht erst warten, bis man sich wieder mit 1000 Menschen in einer Halle treffen kann", sagt Kuban. "Als Motor der Unionsparteien gehen wir mit gutem Beispiel voran." Dabei weiß Kuban genau, dass es für die JU einfacher ist, sich digital zu organisieren, als für die CDU: "Wir wissen, dass wir eine Vereinigung und keine Partei sind. Für uns gelten einfachere rechtliche Rahmenbedingungen. Aber es ist eine Frage des Willens, diese auch für Parteien zu schaffen."

Die Botschaft des JU-Chefs ist klar. Und so sagt er es auch mit Blick auf den Parteitag der CDU: "Eine erneute Verschiebung über den 16. Januar hinaus ist mit der Jungen Union nicht zu machen." Punkt. Ausrufezeichen.

Kühnert feiert tränenreichen Juso-Abschied

Unterschätzen sollte man die Junge Union nicht, auch wenn die Parteijugend der Union bei weitem nicht so laut auftritt wie die Jusos der SPD. Hier hat sich gerade ein wortgewandter Charismatiker verabschiedet. Auch bei seinem letzten Auftritt als Juso-Vorsitzender zeigte Kevin Kühnert noch einmal, dass er ein rhetorisches Talent ist. Während sich Parteimanager aller Farben die Köpfe darüber zerbrechen, wie man in hybride, digitale Parteitage Emotionen reinbringt, macht Kühnert das einfach mit seiner Rede: Er ist schon fast durch, da erwischt es ihn. Bei den Danksagungen übermannen ihn seine Gefühle. Er muss sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht wischen, ringt um Fassung. Geplant ist das offensichtlich nicht. Glaubt man seiner Reaktion, hat er es eher befürchtet.

Doch der emotionale Abschied zeigt noch einmal, warum Kühnert in den vergangenen drei Jahren so eine rasante Karriere machen konnte: Er ist authentisch, in dem was er tut. Und wenn ihm bei seiner Abschiedsrede die Tränen kommen, kann er sogar noch seinen Eltern danken, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Sein Erbe an die Jusos ist wertvoll. Er hat den Verband wieder zu einem wirkmächtigen Akteur auch über die Mutterpartei SPD hinaus gemacht. Nach der kommenden Bundestagswahl soll das auch für die SPD-Bundestagsfraktion gelten. Denn Kühnert macht klar: Er setzt auf die zahlreichen Juso-Kandidatinnen und Kandidaten, um die Machtstruktur in der Fraktion zu verändern.

Juso-Chef Kevin Kühnert muss bei seinem Abschied auf dem Bundeskongress der Jusos weinen. | dpa

Scheidender Juso-Chef Kühnert: Tränen zum Abschied Bild: dpa

Kühnerts Nachfolgerin will ohne die Union regieren

Wie geht es weiter für die Jusos nach dem Kühnert-Hoch? Seine designierte Nachfolgerin Jessica Rosenthal wird es schwerer haben als er. Der Ex-Vorsitzende ist stellvertretender Parteivorsitzender. Er wird weiter als die junge Stimme der SPD wahrgenommen werden. Rosenthals Chance liegt hingegen darin, dass sie als Juso-Chefin Dinge klarer beim Namen nennen kann als die Vertreter der Mutterpartei.

Und genau damit fing Rosenthal gleich in ihrer Bewerbungsrede an: Die ersten Sätze waren ein Frontalangriff auf die Grünen. Deren Parteivorsitzenden stellten den Willen zur Macht über grüne Ideale. In SPD-Kreisen befürchtet man, dass das favorisierte Modell der Grünen nach der Wahl eine schwarz-grüne Koalition ist. Das will Rosenthal verhindern. Ihr Ziel: Die nächste Bundesregierung müsse ohne CDU und CSU auskommen. Dafür hat sich Rosenthal sogar mit Olaf Scholz, dem Kanzlerkandidaten der SPD, arrangiert. Es lohne sich zu kämpfen, sagt sie, "mit der SPD und in der SPD". Die Jusos seien bereit.  

Kein Wahlkampf ohne Parteijugend

Auch die Junge Union ist bereit. Tilman Kuban will den Damen und Herren in Berlin beharrlich auf die Füße treten. Immerhin 100.000 JU-Mitglieder, die sollte jeder neue Parteivorsitzende hinter sich haben wollen. Wahlkampf ohne die Parteijugend ist nur schwer vorstellbar. Und wie Karrieren verlaufen können, zeigt Paul Ziemiak: Zum Parteitag in Hamburg war er 2018 als JU-Chef angereist - als designierter Generalsekretär der CDU reiste er wieder ab. So weit ist es bei Tilman Kuban noch nicht. Er hofft heute erstmal auf ein gutes Wahlergebnis.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. November 2020 um 09:00 Uhr.