Bushaltestelle vor dem ehemaligen katholischen Piusheim, das seit 2006 geschlossen wurde. | Bildquelle: dpa

Missbrauchsverdacht Piusheim - "eine höllische Einrichtung"

Stand: 06.04.2020 15:55 Uhr

Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen ein katholisches Kinder- und Jugendheim bei München haben weitere Betroffene Anschuldigungen erhoben. Ein Opferverband spricht wegen der Schilderungen von einer "höllischen Einrichtung".

Nachdem am Sonntag massive Missbrauchsvorwürfe gegen das ehemalige katholische Piusheim in Baiern bei München bekannt geworden sind, haben sich weitere Betroffene geäußert. "Es haben sich beim 'Eckigen Tisch' bis jetzt sieben Betroffene und Zeitzeugen gemeldet. Offenbar aufgewühlt von der Nennung der Einrichtung kam die Erinnerung wieder. So schnell und in dem Umfang habe ich das nicht erwartet", sagte der Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch. "Nach den Schilderungen, die mich erreichen, war das eine höllische Einrichtung."

Ein Angeklagter klagt an

Die Vorwürfe gegen das ehemalige Heim, in dem bis 2006 schwer erziehbare Jungen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren betreut wurden, waren am Sonntag öffentlich geworden. Auslöser war die Aussage eines Mannes, der selbst wegen schweren Missbrauchs angeklagt ist. Der heute 56-Jährige hatte vor Gericht angegeben, in seiner Kindheit und Jugend unter anderem im Piusheim von mehreren Männern missbraucht worden zu sein. Zudem steht der Vorwurf im Raum, Jungen aus dem Heim seien zur Prostitution gezwungen worden.

"Das ist ja ein zweites Ettal"

Die Verteidigerin des Angeklagten, Anja Kollmann, hält die Aussage ihres Mandanten für absolut authentisch. Er habe ihr gegenüber im Vorfeld der Gerichtsverhandlung einmal angedeutet, was ihm in seiner Jugend passiert sei. Dass er vor Gericht so ausführlich darüber berichtete, habe sie selbst überrascht, die Dimension des Ganzen habe sie schockiert. "Das ist ja ein zweites Ettal."

In der Benediktinerabtei Ettal wurden über Jahrzehnte Schüler geschlagen und missbraucht, was 2010 an die Öffentlichkeit kam. Es war einer der schwersten bislang bekannt geworden Missbrauchsfälle der Kirche in Deutschland.

Konkret nachprüfen lassen sich die Vorwürfe des 56-Jährigen noch nicht. Es handle sich um Vorermittlungen, betonte Staatsanwältin Karin Jung. Ein formelles Ermittlungsverfahren ist damit noch nicht eingeleitet.

Kirche wusste von neun Verdachtsfällen

Das Piusheim wurde 2006 geschlossen. Es lag in Bayern - etwa auf halbem Weg zwischen München und Rosenheim. Dort wurden schwer erziehbare Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren betreut. In der breiten Öffentlichkeit war bislang nichts über Missbrauchsvorwürfe in dem Heim bekannt - innerhalb der Kirche aber schon.

Das Erzbistum München und Freising bestätigte der Nachrichtenagentur dpa, dass im Zusammenhang mit der Einrichtung seit 2010 neun Verdachtsfälle wegen sexueller Übergriffe oder körperlicher Gewalt gemeldet wurden. Diese sind mit einer einzigen Ausnahme bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Bushaltestelle vor dem ehemaligen katholischen Piusheim, das seit 2006 geschlossen wurde. | Bildquelle: dpa
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Das Gebäude des ehemaligen Piusheims. Es liegt in der Gemeinde Baiern.

Kirche zahlte in anderem Fall

Alle Fälle ereigneten sich nach Angaben der Katholischen Jugendfürsorge von den 1950er-Jahren bis Mitte der 1970er. In zwei Fällen seien "Zahlungen zur Anerkennung des Leids" geleistet worden, sagt Bistumssprecher Christoph Kappes.

Einmal sei es um einen Priester gegangen, den das mutmaßliche Opfer aber nicht namentlich benennen konnte. Die Vorwürfe seien so glaubhaft gewesen, dass das Bistum trotzdem zahlte. In einem zweiten Fall habe die Katholische Jugendfürsorge die Zahlung übernommen, weil es sich beim mutmaßlichen Täter nicht um einen Priester, sondern um einen Erzieher handelte.

Reformbewegung: Kirche mehr an sich selbst interessiert

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" reagierte auf das Bekanntwerden der neuen Vorwürfe mit scharfer Kritik. Nach wie vor scheine es so zu sein, "dass die Kirchen mehr am Schutz der eigenen Institution interessiert sind als an der Benennung konkreter Täter und Vertuscher sowie an der Aufdeckung der Vertuschungsstrukturen", sagte "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner.

Opfervertreter Katsch forderte das Erzbistum München und Freising auf, den Vorwürfen nachzugehen und sich vor allem um die mutmaßlichen Opfer zu kümmern. "Wir hoffen jetzt auf die baldige Einsetzung einer Untersuchungskommission, die die Vorwürfe untersucht und die Meldungen aufnimmt", sagte er.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. April 2020 um 23:02 Uhr.

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