Das Gebäude des ehemaligen katholischen Piusheims, das seit 2006 geschlossen wurde. | Bildquelle: dpa

Vorwürfe gegen katholisches Heim Ein Missbrauchsskandal wie in Ettal?

Stand: 05.04.2020 16:50 Uhr

Prostitution im katholischen Jugendheim? Ein Angeklagter hat in einem Prozess schwere Vorwürfe gegen Erzieher eines früheren Heims in Oberbayern geäußert. Bewiesen ist noch nichts, doch die Kirche wusste von anderen Verdachtsfällen.

Ein ehemaliges katholisches Kinder- und Jugendheim in der Nähe von München ist wegen Missbrauchsvorwürfen ins Visier der Justiz geraten. Die Staatsanwaltschaft München II bestätigte, dass Vorermittlungen gegen einen früheren Erzieher des Jugenddorfes Piusheim sowie einen damals angehenden Priester eingeleitet wurden.

Auslöser sind Vorwürfe eines Mannes, der selbst wegen schweren Missbrauchs angeklagt ist. Der heute 56-Jährige hatte vor Gericht angegeben, in seiner Kindheit und Jugend unter anderem im Piusheim von mehreren Männern missbraucht worden zu sein. Zudem steht der Vorwurf im Raum, Jungen aus dem Heim seien zur Prostitution gezwungen worden.

"Das ist ja ein zweites Ettal"

Die Verteidigerin des Angeklagten, Anja Kollmann, hält die Aussage ihres Mandanten für absolut authentisch. Der 56-Jährige habe ihr gegenüber im Vorfeld der Gerichtsverhandlung einmal angedeutet, was ihm in seiner Jugend passiert sei. Dass er vor Gericht so ausführlich darüber berichtete, habe sie selbst überrascht, die Dimension des Ganzen habe sie schockiert. "Das ist ja ein zweites Ettal."

In der Benediktinerabtei Ettal wurden über Jahrzehnte Schüler geschlagen und missbraucht, was 2010 an die Öffentlichkeit kam. Es war einer der schwersten bislang bekannt geworden Missbrauchsfälle der Kirche in Deutschland.

Konkret nachprüfen lassen sich die Vorwürfe des 56-Jährigen noch nicht. Es handle sich um Vorermittlungen, betonte Staatsanwältin Karin Jung. Ein formelles Ermittlungsverfahren ist damit noch nicht eingeleitet.

Kirche wusste von neun Verdachtsfällen

Das Piusheim wurde 2006 geschlossen. Es lag in Baiern - etwa auf halbem Weg zwischen München und Rosenheim. Dort wurden schwer erziehbare Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren betreut. In der breiten Öffentlichkeit war bislang nichts über Missbrauchsvorwürfe in dem Heim bekannt - innerhalb der Kirche aber schon.

Das Erzbistum München und Freising bestätigte der Nachrichtenagentur dpa, dass im Zusammenhang mit der Einrichtung seit 2010 neun Verdachtsfälle wegen sexueller Übergriffe oder körperlicher Gewalt gemeldet wurden. Diese sind mit einer einzigen Ausnahme bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Bushaltestelle vor dem ehemaligen katholischen Piusheim, das seit 2006 geschlossen wurde. | Bildquelle: dpa
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Das Gebäude des ehemaligen Piusheims. Es liegt in der Gemeinde Baiern.

Kirche zahlte in anderem Fall

Alle Fälle ereigneten sich nach Angaben der Katholischen Jugendfürsorge von den 1950er-Jahren bis Mitte der 1970er. In zwei Fällen seien "Zahlungen zur Anerkennung des Leids" geleistet worden, sagt Bistumssprecher Christoph Kappes.

Einmal sei es um einen Priester gegangen, den das mutmaßliche Opfer aber nicht namentlich benennen konnte. Die Vorwürfe seien so glaubhaft gewesen, dass das Bistum trotzdem zahlte. In einem zweiten Fall habe die Katholische Jugendfürsorge die Zahlung übernommen, weil es sich beim mutmaßlichen Täter nicht um einen Priester, sondern um einen Erzieher handelte.

Reformbewegung: Kirche mehr an sich selbst interessiert

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" reagierte auf das Bekanntwerden der neuen Vorwürfe mit scharfer Kritik. Nach wie vor scheine es so zu sein, "dass die Kirchen mehr am Schutz der eigenen Institution interessiert sind als an der Benennung konkreter Täter und Vertuscher sowie an der Aufdeckung der Vertuschungsstrukturen", sagte "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner.

Der Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, hofft, dass sich nun ehemalige Bewohner des Piusheims melden. Er befürchtet, dass man in diesem Zusammenhang noch "einige Überraschungen" erleben werde.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. April 2020 um 23:02 Uhr.

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