Leere Schaukel in Bewegungsunschärfe | Bildquelle: picture alliance / Rolf Kremming

Studie der Hochschule Koblenz Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln

Stand: 14.05.2018 05:01 Uhr

Zu viele Fälle, zu wenig Personal, schlechte Ausstattung: Viele Jugendämter sind für den Kampf gegen Misshandlung zu schlecht ausgestattet. Eine Studie macht das Ausmaß der Defizite deutlich.

Von Petra Boberg und Frederik von Castell, hr

13.355 Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) in Deutschland sind bei den Jugendämtern angestellt - und etlichen von ihnen fehlt es an Zeit, Wissen, Raum und oftmals auch Erfahrung. Das belegt eine repräsentative Studie der Sozialwissenschaftlerin und Politologin Kathinka Beckmann. Die Professorin an der Hochschule Koblenz hat deutschlandweit 652 Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste befragt.

Das Ergebnis ist erschreckend, denn die Studie zeigt: Sozialarbeiter in deutschen Jugendämtern können Kinder und Familien oft nicht so helfen, wie es nötig wäre. Daher misslinge der Kinderschutz, sagt Beckmann.

Misshandlung beginnt bei der Ohrfeige

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2016 rund 22.000 Kinder und Jugendliche von Familienmitgliedern körperlich und psychisch misshandelt, teilweise sogar sexuell. Misshandlung beginne schon bei der Ohrfeige oder dem Klaps auf dem Po, sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe, die die Studie der Hochschule Koblenz finanziert hat.

Er berichtet aber auch von gefesselten, verbrühten, verbrannten Kindern: "Oder das eiskalte Abduschen bei Kindern. Wir haben Fälle, in denen den Kindern Brandverletzungen zugefügt werden, in denen ihnen Säurereiniger eingeflößt werden, in denen sie im Winter auf dem Balkon ausgesetzt werden." Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland seit 18 Jahren gesetzlich verboten, gehört aber noch immer zum Erziehungsalltag. Für 143 Kinder endete diese Gewalt im Jahr 2017 tödlich.

Vielen Jugendämtern fehlt das Personal

"Gewalt gegen Kinder hat es immer gegeben und wird es leider immer geben. In der Regel schlagen Eltern ihre Kinder, weil sie überfordert sind. Nur wenige Eltern sind Sadisten, der Großteil ist mit dem Stress überfordert", erklärt Sozialwissenschaftlerin Beckmann. Doch in vielen Jugendämtern fehlt das Personal, um Kinder und Familien die Unterstützung zu geben, die sie bräuchten.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst fordert seit Jahren, dass sich Vollzeitkräfte des Jugendamtes/ASDs zum Schutz der Kinder zeitgleich um maximal 35 Fälle kümmern sollten. Doch Kathinka Beckmanns Studie zeigt: Nur in 68 Prozent der Ämter kann diese empfohlene Obergrenze eingehalten werden.

Für Hausbesuche mangelt es an Zeit

In manchen Städten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachen, Schleswig-Holstein, Berlin und Sachsen soll eine Vollzeitkraft des Jugendamtes sogar über 100 Familien betreuen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: 63 Prozent der Arbeitszeit verbringen die Mitarbeiter nicht mit den Klienten - also den Familien - sondern mit der Dokumentation ihrer Arbeit. Und selbst die bleibt viel zu häufig liegen. Nur jeder fünfte Sozialarbeiter schafft es, die für Fallübergaben und Verfahren wichtigen Protokolle während oder noch am Tag des Gesprächs auszufüllen, bei 58 Prozent bleiben sie mindestens eine Woche liegen. Die fehlende Zeit wirkt sich auf die seltenen Hausbesuche in den Familien aus, 58 Prozent der Mitarbeiter verbringen weniger als eine Stunde in den Familien.

Fluktuation bei Berufseinsteigern groß

Auch für das Einarbeiten neuer Mitarbeiter, die oft frisch von der Uni kommend plötzlich mitverantwortlich sind für die Zukunft von Kindern und ganzen Familien, bleibt kaum Luft. Beckmann spricht von einer "desolaten Einarbeitungssituation in einem Bereich, in dem sie entscheiden müssen: Nehme ich das Kind aus der Familie oder kann ich es verantworten, es noch drin zu lassen?".

Das führe dazu, dass gerade bei den Berufseinsteigern die Fluktuation groß sei. Generell wollen viele Jugendamtsmitarbeiter ihren Job unter den herrschenden Bedingungen nicht dauerhaft ausüben. Die Folge: Die Fälle werden von Mitarbeiter zu Mitarbeiter weitergereicht. Nach Angaben der Befragten wechselt die Zuständigkeit für eine Familie in nur 20 Prozent aller Fälle nie. In 52 Prozent aller Fälle dagegen werden die Familie sogar mehr als einmal weitergereicht.

Städte verantwortlich für Ausstattung der Jugendämter

Kinderschutz kann nicht funktionieren, wenn die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, wie sie sind, sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe.

Für die Ausstattung der Jugendämter und damit des Allgemeinen Sozialen Dienstes sind die Städte verantwortlich, an die das jeweilige Jugendamt angebunden ist. Es sei klar, dass Städte, die kein Geld hätten, kein weiteres Personal einstellen könnten, so Sozialwissenschaftlerin Beckmann. "Die Sozialarbeiter im ASD werden durch die Strukturen behindert, wirklich professionelle pädagogische Arbeit so zu leisten, wie das Kinder- und Jugendhilfegesetz es sich 1991 auf die Fahnen geschrieben hat."

Dort ist klar geregelt, dass die Hilfen für Kinder immer bedarfsgerecht sein müssen. "Durch die Anbindung an die kommunale Kassenlage, das haben 54 Prozent der Befragten bestätigt, werden Entscheidungen nicht nur nach pädagogischen, sondern häufig nach finanziellen Gesichtspunkten getroffen."

"Kinderschutz eine gesellschaftspolitische Angelegenheit"

Beckmann fordert deshalb von der Bundesregierung, die Kommunen von der Finanzierung der Jugendämter zu befreien. "Diese Verzahnung muss endlich aufgelöst werden. Ich bin ganz klar der Ansicht, dass Jugendhilfe- und Kinderschutz eine gesellschaftspolitische Angelegenheit ist." Und die gehöre in die Hand des Bundes, die Verantwortung nicht an die Kommunen abgeschoben werden, die häufig nicht genügend Ressourcen hätten, sagt Beckmann.

Eine Einschätzung, die der Deutsche Städte- und Gemeindebund auf Anfrage des Hessischen Rundfunks bestätigt: Allein im Jahr 2015 seien die öffentlichen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe auf knapp 41 Milliarden Euro gestiegen - so viel wie nie zuvor, rechnet der Interessenverband der Kommunen vor. Davon fließen aber bundesweit nur 7,3 Milliarden in die Hilfen zur Erziehung, also die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Die restlichen Milliarden fließen vor allem in die Kitas. Eine "erhebliche Belastung der Kommunalhaushalte", so der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Er fordert: Der Bund solle sich an den steigenden Kosten beteiligen, da ansonsten die Kommunen bei den weiter steigenden Kosten überfordert wären.

Einrichtung einer Kinderschutzbeauftragten?

Es geht aber nicht nur um Geld. Verbesserungen seien auch in der Kommunikation zwischen Familiengerichten, Polizei und Jugendämtern notwendig, die oft nicht ausreichend informiert würden.

Deshalb fordert die Sozialwissenschaftlerin Beckmann als eine Konsequenz aus ihrer Studie: Deutschland braucht dringend die Einrichtung eines Kinderschutzbeauftragten. "Jemanden mit Kompetenzen und Befugnissen, der sich auf oberster Ebene einmischt."

Zu dem Thema läuft heute Abend um 20.15 Uhr die Story im Ersten: "Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln".

Zur Methodik der Studie

Die bundesweite Studie "Zur Situation des ASD im Jugendamt" wurde von Prof. Dr. Kathinka Beckmann, Thora Elting und Sophie Klaes (alle: Fachbereich des Sozialwesens an der Hochschule Koblenz) durchgeführt und lag dem Hessischen Rundfunk und der ARD zur exklusiven Auswertung vor Veröffentlichung bei der Bundespressekonferenz am 14.05.2018 vor.
Als Stichprobe für die 13.355 Sozialarbeiter im Bereich ASD haben 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern deutschlandweit den Fragebogen mit 120 Variablen in drei Befragungswellen zwischen März und August 2017 ausgefüllt. Zudem wurden vertiefende Leitfadeninterviews mit zwölf Sozialarbeitern aus unterschiedlichen Bundesländern durchgeführt.

Repräsentativität und Streuung:
Die Befragten entsprechen rund 4,9 Prozent aller ASD-Mitarbeiter in Deutschland.
Alle Bundesländer konnten berücksichtigt und mit einer Streuung von -5,5 bis +4 Prozent des Rücklaufes im Bezug zur Grundgesamtheit einbezogen werden. Beispiel: Nordrhein-Westfalen stellt mit 168 von 563 Jugendämtern in Deutschland einen Anteil an der Grundgesamtheit von 30 Prozent. In der Stichprobe (175 Jugendämter) ist NRW mit 50 Jugendämtern vertreten, entspricht 29 Prozent. Die Differenz zur Verteilung in der Grundgesamtheit beträgt entsprechend 1 Prozent.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Mai 2018 um 12:00 Uhr. Um 20:15 Uhr lief dazu "Die Story im Ersten: Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln".

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