Berlin: Angela Merkel spricht beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden. | dpa

70 Jahre Zentralrat der Juden Merkel beklagt mehr Antisemitismus

Stand: 15.09.2020 15:34 Uhr

Der Zentralrat der Juden in Deutschland feiert sein 70. Bestehen. Kanzlerin Merkel äußert sich dankbar über ein "blühendes jüdisches Leben" im Land. Dennoch bereite ihr der zunehmende Antisemitismus Sorgen.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Hauptstadtstudio

Dass es nach den Schrecken des Holocaust überhaupt noch eine Zukunft für jüdische Bürger in Deutschland geben könnte, war 1945 kaum vorstellbar. Dass es heute wieder mehr als 100 jüdische Gemeinden in Deutschland gibt, ist vor allem dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Mit einem Festakt in Berlin erinnerte die Organisation heute an ihre Gründung vor 70 Jahren. Vor Gästen aus Politik, Religion und Gesellschaft hielten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die Festreden.

Martin Ganslmeier ARD-Hauptstadtstudio

Als der Zentralrat der Juden in Deutschland vor 70 Jahren in Frankfurt gegründet wurde, hatte die Organisation vor allem ein Ziel: überlebende Jüdinnen und Juden bei ihrer Ausreise zu unterstützen. Nach dem Horror der Schoah wollten die meisten von ihnen einfach nur weg aus Deutschland.

Zentralrat vertritt 100 jüdische Gemeinden

Dass es den Zentralrat der Juden in Deutschland nun seit 70 Jahren gebe, sei "alles andere als selbstverständlich", betonte Merkel. "Vor 70 Jahren erschien es völlig abwegig, darauf zu hoffen, dass Juden in Deutschland einen Neuanfang wagen und hier wieder ein Zuhause finden könnten", so Merkel. Möglich gewesen sei dies nur durch einen "riesigen Vertrauensvorschuss", den die jüdischen Bürger damals Deutschland gegeben hätten.

Aus der provisorischen Organisation wurde im Laufe der Jahrzehnte eine Institution und wichtige moralische Instanz. Derzeit vertritt der Zentralrat mehr als 100 jüdische Gemeinden mit rund 100.000 Mitgliedern. Heute dürfe sich Deutschland wieder über "blühendes jüdisches Leben freuen", so die Bundeskanzlerin. Allerdings bereite ihr der wachsende Antisemitismus "große Sorge". Viele Jüdinnen und Juden fühlten sich nicht mehr sicher in Deutschland.

Merkel: "Rassismus tritt enthemmter auf"

"Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in unserem Land in diesen Zeiten äußern. Es stimmt: Rassismus und Antisemitismus waren nie verschwunden. Doch seit geraumer Zeit treten sie sichtbarer und enthemmter auf", sagte Merkel.

Beleidigungen, Drohungen und Verschwörungstheorien richteten sich längst offen gegen jüdische Bürger. Der Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle im vergangenen Jahr habe auf besonders schreckliche Weise gezeigt, "wie schnell Worte zu Taten" werden.

"In den sozialen Medien triefen viele Äußerungen geradezu vor Hass und Hetze. Dazu dürfen wir niemals schweigen", so Merkel. Sie kündigte an, die Bundesrepublik werde Antisemitismus entschieden bekämpfen. Ebenso wichtig sei es, jüdische Einrichtungen in Deutschland zu schützen.

Zentralratspräsident äußert "Unbehagen"

Auch der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Schuster, beklagte ein "Unbehagen" in der jüdischen Gemeinschaft. Dies führe etwa dazu, dass man eine Kette mit dem Davidstern lieber unter dem Pullover trage. Angesichts von mehr als 2000 antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr stelle sich die Frage, wie sicher Juden in Deutschland noch leben könnten.

Zugleich wisse man jedoch, dass die Mehrheit der Bundesbürger hinter den jüdischen Gemeinden stehe. "Heute 75 Jahre nach der Schoah ist die jüdische Gemeinschaft erneut bereit, Deutschland, unserem Zuhause, einen Vertrauensvorschuss zu geben", sagte Schuster.

An dem Festakt zum 70. Jahrestag des Zentralrates der Juden konnten wegen der Corona-Pandemie nur rund 130 geladene Gäste teilnehmen. Unter ihnen zahlreiche Mitglieder der Bundesregierung, ehemalige Bundespräsidenten und frühere Bundeskanzler, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Repräsentanten aus Religion und Gesellschaft.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. September 2020 um 16:00 Uhr.