Philipp Jenninger bei seiner Rede am 9. November 1988 | Bildquelle: picture alliance / Martin Athens

Gedenkrede im Bundestag 1988 Als Jenningers Rede das Land erschütterte

Stand: 09.11.2018 12:39 Uhr

Die würdige Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gelingt nicht immer: Vor 30 Jahre löste Bundestagspräsident Jenninger im Bundestag mit seiner Rede einen Eklat aus.

Von Wolfgang Müller, NDR

Bereits nach zwei Minuten wurde die Rede Philipp Jenningers durch einen Zwischenruf unterbrochen, später verließen etliche Abgeordnete während der Rede des damaligen Bundestagspräsidenten das Parlament. Die Kameras zeigten Ida Ehre, die greise jüdische Theaterchefin, wie sie ihr Gesicht in den Händen verbarg.

Und in der Tat hatte es eine Gedenkrede dieser Art im deutschen Parlament noch nicht gegeben: Da war nicht nur von Hitlers Opfern die Rede, sondern auch - so wörtlich - von seinen "Erfolgen", dem "Faszinosum" seiner ersten Jahre. Der CDU-Politiker sagte: "Machte nicht Hitler wahr, was Wilhelm II. nur versprochen hatte? Nämlich den Deutschen herrlichen Zeiten entgegenzuführen? War er nicht wirklich von der Vorsehung auserwählt?"

Rücktritt einen Tag später

Zwar enthielt Jenningers Rede auch ganz andere Passagen, unter anderem einen ergreifenden Augenzeugenbericht über jüdische Familien, die kurz vor ihrer Ermordung voneinander Abschied nahmen. Dennoch gingen kurz darauf die ersten Meldungen in die Welt, der deutsche Parlamentspräsident habe Sympathien für das Hitler-Regime gezeigt.

Die CDU ließ ihn fallen. Schon am Tag nach seiner Rede trat Jenninger zurück.

Philipp Jenninger nach seiner Rede. Rechts neben ihm sitzt Ida Ehre.
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Diese Aufnahme zeigt Jenninger kurz nach seiner Rede. Neben ihm sitzt Ida Ehre.

Zwischenrufe waren nicht spontan

Für die Opposition stellte Hans-Jochen Vogel von der SPD fest: "Philipp Jenninger hat eine angemessene Konsequenz aus der Tatsache gezogen, dass er in einem Zusammenhang, der an das gedankliche und sprachliche Einfühlungsvermögen und die Sorgfalt der Darstellung besondere Anforderungen stellte, diesen Anforderungen nicht gerecht geworden ist."

Jutta Oesterle-Schwerin (Hier im Bundestag 1989) | Bildquelle: picture alliance / Tim Brakemeie
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Oesterle-Schwerin (Foto von 1989) hatte die Störung der Rede geplant.

Und doch zeigte sich bald, dass die Dinge nicht ganz so einfach lagen. Die Zwischenruferin beispielsweise, die Grünen-Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin, hatte sich die Störung schon vor Beginn der Rede vorgenommen. Dem NDR-Journalisten Werner Hill, der die Abläufe später rekonstruierte, erzählte sie, dass sie Feierstunden dieser Art grundsätzlich heuchlerisch fand, weil die praktische Politik ganz anders aussähe: "Insofern war mein Zwischenruf ein vorbereiteter Zwischenruf. Ich hatte mir im Zug noch überlegt, was sagst du jetzt, der sich eigentlich nicht auf die Rede bezogen hat."

Ida Ehre wiederum hatte gar nicht zugehört, sondern ganz einfach Kopfschmerzen gehabt.

Das Stilmittel der "erlebten Rede"

Anlass für Irritationen bot Jenningers Rede durchaus. Er hatte den Ehrgeiz, keine glatte Gedenkrede zu halten, sondern einen Aspekt herauszuarbeiten, der ihm wichtig schien: wie es kommen konnte, dass so viele Deutsche damals der Nazi-Ideologie zustimmten.

Um dies anschaulich zu machen, benutzte er - so erklärten es Rhetorik-Fachleute später - das Stilmittel der "erlebten Rede", bei der sich der Sprecher in die Gedanken Anderer hineinversetzt. Er sagte: "Was die Juden anging: Hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt - so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?"

Diese Einfühlung in den Zeitgeist der Hitler-Jahre wurde viel kritisiert. Andere fanden gerade diese Passagen - trotz rhetorischer Schwächen - wichtig, um das damalige Geschehen zu verstehen. Zumal Jenninger zugleich betonte, das Wesentliche über die Nazi-Verbrechen hätten die Deutschen gewusst.

"Vielleicht habe ich ein bisschen zu viel gelesen"

Aus seinen späteren Äußerungen wurde deutlich, dass er die vielbeschworene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gerade in den Wochen vor der Rede betrieben hatte, allerdings erstmals so intensiv. "Ich bin erschrocken über das, was ich da alles gefunden habe, bis hinein in die Protokolle der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse. Das hat mich sehr bewegt, vielleicht habe ich ein bisschen zu viel gelesen", so Jenninger.

Die historische Selbstfindung mochte also nicht in jeder Hinsicht ausgereift sein. Zugleich allerdings offenbarte die Jenninger-Affäre viel über einen Politik- und Medien-Betrieb, der reflexhaft reagiert und teilweise vorschnell urteilt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. November 2018 um 09:20 Uhr.

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