Imam in einer Stuttgarter Ditib-Moschee | Bildquelle: picture alliance / dpa

Vor Islamkonferenz Ausgebildet in Deutschland

Stand: 10.11.2020 05:05 Uhr

Die "Deutsche Islamkonferenz" will sich für mehr Imame einsetzen, die in Deutschland ausgebildet werden. Im kommenden Jahr startet der erste Lehrgang in Osnabrück. Aber ist es damit getan?

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Bei der heutigen "Deutschen Islamkonferenz" kann Innenminister Horst Seehofer zumindest einen kleinen Erfolg verbuchen: Ab April soll es eine unabhängige, wissenschaftlich fundierte Imam-Ausbildung in deutscher Sprache geben. Und zwar in Osnabrück - beim Islamkolleg Deutschland, kurz IKD. Das Projekt wird vom Bundesinnenministerium und dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium finanziert.

Der Einfluss auf die vielen Moschee-Gemeinden in Deutschland wird allerdings wohl erst einmal gering bleiben: Nach Angaben des wissenschaftlichen Direktors Bülent Ucar werde das Modellprojekt zwar vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken und dem Zentralrat der Marokkaner unterstützt.

Die großen Dachverbände - wie etwa die türkische Ditib - halten sich allerdings fern. In den meisten deutschen Moscheen werden also weiterhin Imame predigen, die ihre Ausbildung im Ausland gemacht haben.

Ganzheitliche Ausbildung

Zwar bieten deutsche Universitäten das Studienfach Islamwissenschaften an. Dieses Studium allein befähigt aber noch nicht zum Amt des Imam, der eben nicht nur aus dem Koran zitieren können und Wissen über die islamische Religion haben muss. Imame sollen auch Ansprechpartner in den muslimischen Gemeinden sein. Das heißt: Sie sollen die Sprache der einfachen Gemeindemitglieder sprechen und etwa im Todesfall eines Mitglieds die richtigen Worte finden.

Bislang bildet lediglich der Verband Ditib Imame in Deutschland aus. 26 Männer und Frauen erhalten seit Anfang des Jahres in Dahlem in der Eifel eine ganzheitliche Ausbildung als Religionsbeauftragte, so die Leiterin der Ditib-Akademie Seyda Can.

Kritik an Ditib

Die Ditib vertritt allerdings vor allem türkische Muslime, ist nicht unabhängig, sondern gilt als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan - also ausgerechnet des Staatsmannes, der im jüngsten Streit über Mohammed-Karikaturen bestimmten Ländern eine Neuauflage der Kreuzzüge vorgeworfen hat. Sich gegen Angriffe auf den Propheten Mohammed zu stemmen, sei eine Frage der Ehre, so Erdogan.

Damit heizte der türkische Präsident die ohnehin angespannte Situation nach der Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty in Paris bewusst an. Auch in Deutschland stellen Mohammed-Karikaturen für viele gläubige Muslime eine Kränkung dar, die sie Umfragen zufolge häufig nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt sehen.

Der aktuelle Streit zeigt, wie wichtig eine unabhängige Imam-Ausbildung in Deutschland wäre, bei der auch diese heiklen Fragen diskutiert würden. Der Streit um die Mohammed-Karikaturen etwa bei der Imam-Ausbildung habe beim Ditib-Verband bislang keine Rolle gespielt habe, so Can auf Nachfrage. Dass sich in muslimischen Gemeinden in Deutschland dringend etwas ändern muss, wurde spätestens ab 2015/2016 deutlich.

Salafisten nützen die Situation

Gerade die junge Generation der Muslime fühlte sich von den Imamen in den Moscheegemeinden ihrer Eltern häufig nicht angesprochen. Der wissenschaftliche Direktor des Islamkollegs, Bülent Ucar, beschreibt es so: Der Koran werde oft wörtlich vorgetragen. Anstatt zu erklären, dass Muslime einen Teil ihres Vermögens an Arme spenden sollten, sprechen Imame oft in der klassischen Bildsprache, etwa von Schafen, die verschenkt werden müssten. Radikalen Salafisten nutzten diese Situation aus. Ihnen gelang es ab 2015, die Sprache der jungen Muslime zu sprechen.

Ucar nennt sie "Rattenfänger". Anfällig dafür: Junge Muslimen, denen ohnehin der Halt in der deutschen Gesellschaft fehlte. Sie gerieten entweder im Internet oder in unabhängigen, sogenannten "Hinterhof"-Moscheen in die Fänge der radikalen Salafisten. Die traurige Bilanz: Hunderte junge Muslime schlossen sich der Terrormiliz IS an und zogen freiwillig ins Kriegsgebiet nach Syrien und in den Irak.

Islamkonferenz: Ausbildung muslimischer Geistlicher in Deutschland
tagesschau 12:00 Uhr, 10.11.2020, David Zajonz, WDR

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Die Lehren aus der Vergangenheit

Dass es nun ab April eine unabhängige Imam-Ausbildung in Deutschland geben wird, reicht nach Ansicht des Islam-Experten Ahmad Mansour als Lehre aus den vergangenen Jahren bei Weitem nicht aus. Der Fokus müsse stärker darauf gerichtet werden, welche Inhalte bei der Imam-Ausbildung vermittelt würden. Mansour kritisiert, dass der Ditib-Verband ideologisch die Inhalte aus der Türkei weitergebe, ohne sie zu hinterfragen. Auch beim Islamkolleg in Osnabrück fehle bislang eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Religion und Meinungsfreiheit, mit den Fragen von Gleichberechtigung oder die Vermittlung eines mündigen Umgangs mit der Religion.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. November 2020 um 08:30 Uhr sowie das ARD-Morgennmagazin.

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