Koranausgaben in verschiedenen Sprachen stehen am Tag der offenen Moschee in der Ditib Zentralmoschee in einem Regal | Bildquelle: dpa

Die Neuen bei der Islamkonferenz Ein "deutscher Islam"?

Stand: 28.11.2018 16:04 Uhr

Wie könnte ein "deutscher Islam" aussehen? Um bei dieser Frage voranzukommen, nehmen an der Islamkonferenz diesmal auch liberale Experten teil. Können sie ein echtes Gegengewicht zu den großen Verbänden bilden?

Von Ayca Tolun, WDR

Erol Pürlü ist der turnusmäßige Sprecher des Koordinationsrates der Muslime. Das ist der Zusammenschluss der vier großen Islamverbände, darunter auch die umstrittene Ditib. Die Verbände wissen natürlich, dass die Neuordnung in der Islamkonferenz vor allem dazu dienen soll, ein Gegengewicht aufzubauen. Doch "einen liberalen deutschen Islam", den könne es sowieso nicht geben, sagt Verbandssprecher Pürlü und erklärt es so:

"Es gibt die Religionen: Das Christentum, den Islam, das Judentum. Und wir sprechen nicht vom deutschen Christentum, vom deutschen Judentum. Das gleiche gilt auch im Zusammenhang mit dem Islam."

Erol Pürlü | Bildquelle: picture alliance / Bernd von Jut
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Erol Pürlü hält nichts von der Idee eines "deutschen Islam".

"Aus deutschen Gesellschaftsfragen zurückgezogen"

Neu bei der Islamkonferenz ist die Alhambra Gesellschaft. Laut Vereinsstatut ist sie ein "Zusammenschluss von Muslimen, die sich als Teil der europäischen Geschichte und als Teil der Länder, in denen sie leben, verstehen." Das verheißt einen "deutschen Islam". Ali Bas, Vorsitzender dieses Vereins, bestätigt: "Für uns ist die Frage sehr wichtig: Wie kann ein deutscher Islam aussehen? Wir wollen auch deutlich machen, dass es für uns kein Widerspruch ist, sich als deutsche Muslime zu identifizieren - gerade bei jungen Leuten."

Allerdings gibt es gerade an der Alhambra Gesellschaft heftige Kritik. Einige Gründungsmitglieder sind ehemalige Funktionäre aus den großen Islamverbänden. Aufgefallen sind diese in der Vergangenheit aber durch vehemente Ablehnung eines liberalen oder gar eines deutschen Islams.

"Ja, wir haben bei uns Mitglieder, die aus den klassischen Verbänden kommen, und die haben auch eine Zeit lang eine andere Linie vertreten", räumt Bas ein. Aber da habe sich "was gewandelt". Dazu habe auch eine Entwicklung der vergangenen zwei, drei Jahre beigetragen. In dieser Zeit hätten sich die klassischen Islamverbände aus deutschen Gesellschaftsfragen zurückgezogen und sich mehr in Richtung Herkunftsländer orientiert. "Umso erfreulicher ist es, dass man jetzt gemeinsam für einen deutschen Islam streitet."

Stichwort: Deutsche Islamkonferenz

Die Deutsche Islamkonferenz wurde 2006 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) als Forum für den Dialog zwischen Staat und Muslimen ins Leben gerufen. Der derzeitige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und sein Staatssekretär Markus Kerber wollen in dieser Wahlperiode insbesondere beim Thema Finanzierung aus dem Ausland vorankommen.

Bisher tagte die Islamkonferenz in unterschiedlichen Besetzungen und in variierenden Formaten in bisher drei Phasen - jeweils parallel zu den Legislaturperioden. In den Bereichen Religionsunterricht und Ausbildung islamischer Theologen an deutschen Unis hat sie bereits wichtige Grundlagen erarbeitet. Die Anerkennung der muslimischen Religionsgemeinschaften scheitert vor allem an ihrer unklaren Mitgliederstruktur.

Die allermeisten Muslime sind nicht organisiert

Es besteht aber die Gefahr, dass dies ein ungleicher Kampf werden könnte. Schließlich sind "die Neuen am Tisch" zwar namhafte Experten - aber eben Einzelpersonen - oder wie die Alhambra Gesellschaft kleine Vereine mit nur wenigen oder gar keinen eigenen Gemeinden. Damit stellt sich die Frage, ob sie die Muslime überhaupt vertreten können.

Die großen Islamverbände sagen: nein. Ihr Sprecher Pürlü antwortete auf diese Frage: "Wenn Sie jetzt von den Kulturmuslimen sprechen, müssten diese eine eigene Theologie haben, ihre Moscheen haben. Wir haben Mitglieder, wir haben unsere Theologie - und letztendlich sehen wir uns als Ansprechpartner des Staates."

Die Frage, ob es einen liberalen deutschen Islam geben kann, stellt sich aber trotzdem. Denn die allermeisten Muslime sind überhaupt nicht organisiert. Die stets umstrittenen, aber inzwischen politisch äußerst mächtigen Islamverbände repräsentieren - bei großzügiger Hochrechnung - nur um die 20 Prozent der Muslime in Deutschland. Die übrigen gelten als sogenannte Kulturmuslime. Für sie ist Religion eher Privatsache.

Lale Akgün | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Lale Akgün hält es für wichtig, dass nicht nur die großen Verbände die Richtung bestimmen.

"Wir müssen mit dem Tabu brechen"

In den Debatten kommen die "Kulturmuslime" aber überhaupt nicht vor. Dabei ruhen alle Hoffnungen für einen liberalen deutschen Islam eigentlich auf ihren Schultern. Lale Akgün, ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, nimmt auch an der Islamkonferenz teil - als Vertreterin eben jener nicht organisierten Kulturmuslime. "Eine Diskussion, an der neben den orthodoxen Muslimen auch liberale Muslime, kritische Muslime, auch Kulturmuslime teilnehmen, bricht ein Tabu - und das ist wichtig", sagt Akgün. "Wir müssen mit dem Tabu brechen, dass nur die Verbände etwas zum Islam zu sagen haben, und dass sie die Richtung bestimmen."

"Es gibt nicht die islamische Haltung"

Auch Susanne Schröter nimmt an der Islamkonferenz teil. Sie ist die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt/Main. Die Teilnahme liberaler Muslime an der Islamkonferenz - ob nun mit oder ohne Gemeinde - findet sie richtig und wichtig, denn sie würde andere Ansätze ermöglichen:

Susanne Schröter | Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotop
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Susanne Schröter findet die Teilnahme liberaler Muslime an der Islamkonferenz - ob nun mit oder ohne Gemeinde - findet sie richtig und wichtig.

"Nicht alle Eltern glauben, dass die Geschlechtertrennung in der Schule ein islamisches Gebot ist. Nicht jeder glaubt, dass die Kinder schon in der Schule fasten müssen und deshalb auch die Klassenarbeiten verschoben werden müssen. Es gibt nicht die islamische Haltung zu den Alltagsdingen, sondern dazu gibt es ganz viele Haltungen. Und manche sind schon sehr entspannt. Und ich wünsche mir, dass diese Stimmen lauter werden."

Islamkonferenz: Debatte um einen deutschen Islam
Ayca Tolun, WDR
28.11.2018 14:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 im Morgenecho am 28. November 2018 um 06:39 Uhr.

Korrespondent

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