Interview

Interview zu islamistischem Terrorismus "Al Kaida ist eine Art Geisteshaltung"

Stand: 22.11.2010 13:21 Uhr

Hamed Abdel-Samad war bei der ägyptischen Muslimbruderschaft, heute arbeitet er als Publizist in Deutschland. Im Interview mit tagesschau.de warnt er vor der weltweiten Gefahr durch Anschläge der "Do-it-yourself-Al-Kaida". Und er plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen.

tagesschau.de: Wie hängen Religion und Terrorismus zusammen?

Abdel-Samad: Die Ursache für Gewalt und Terror kann man nicht allein auf den Koran zurückführen. Es gibt weltweit politische Unruhen und soziale Probleme. Dazu kommen persönliche Merkmale des Terroristen, die wichtig sind. Dennoch darf man der Religion auch keinen Persilschein ausstellen. Denn erst die Religion ermöglicht es dem Attentäter, einer kalkulierten politischen Tat eine sakrale Dimension zu verleihen. Die Bezeichnung der Ungläubigen im Koran als Vieh macht es für einen Radikalen möglich, seine Opfer zu entmenschlichen. In der öffentlichen Debatte wird die Religion entweder alleine für Anschläge verantwortlich gemacht, oder man sagt, der Islam habe nichts damit zu tun, er sei die Religion des Friedens. Beides ist falsch.

tagesschau.de: Warum?

Abdel-Samad: Wenn die Religion allein ausschlaggebend wäre, hätten wir in Deutschland mehrere Millionen potenzielle Attentäter. Das haben wir nicht. Wenn die Religion nichts damit zu tun hätte, würden sich auch Terroristen aus Mexiko oder Vietnam in die Luft jagen. Das tun sie aber nicht.

tagesschau.de: Die Bundesregierung will Programme gegen Islamismus auflegen, ähnlich denen gegen Rechtsextremismus. Wie können solche Projekte sinnvollerweise aussehen?

Abdel-Samad: Die richtigen Akteure müssen am Werk sein. Wenn man rein deutsche Anlaufstellen für Aussteiger anbietet, wird es schwierig. Da sind die Moscheevereine ein wichtiger Faktor. Sie  haben bislang nicht ihre Aufgabe erfüllt, gegen radikale Tendenzen an ihren Rändern vorzugehen. Auch als Anlaufstelle für Aussteiger fungieren sie bislang nicht. Dafür müssen sie sich vollkommen von der Gewaltrhetorik verabschieden, mehr Vertrauen in Sicherheitskräfte und in die deutsche Gesellschaft aufbauen. Immerhin hat man nun begonnen, Imame hier auszubilden. Es ist ein langer Weg.

tagesschau.de: Kann Integration ein Schutz vor Terrorismus sein?

Abdel-Samad: Man darf die Phänomene nicht vermischen. Terrorismus und Integration sind unterschiedliche Sachen. Mit Ganztagsschulen und Sprachförderung kann man nicht den Terrorismus besiegen. Mohammed Atta sprach perfekt Deutsch, hatte gute Chancen auf eine Karriere und bezahlte seine Rundfunkgebühren. Armut und Mangel an Bildung verursachen keinen Terrorismus, sondern Eskapismus. Das sind Jugendbanden, die im sozialen Elend keine Perspektive finden. Sie lösen sich von ihren ultrakonservativen Familien und werden kriminell.

Sprachkurs- und Integrationskurs für Imame
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Sprachkurs- und Integrationskurs für Imame: "Terrorismus und Integration sind unterschiedliche Sachen", betont Abdel-Samad.

In Deutschland werden verschiedene Formen der Radikalisierung vermischt und als islamisch bezeichnet: Der Eskapismus, aber auch der archaische Konservatismus, der sich durch "Ehrenmorde" oder Zwangsehen zeigt. Unser Problem ist aber der religiöse Avantgardismus. Die meisten Biografien von Attentätern zeigen: Es sind entweder Konvertiten oder Re-Konvertiten, also Muslime, die ihre Religion wieder entdecken - oder welche, die von außerhalb kommen und päpstlicher sein wollen als der Papst.

tagesschau.de: Wie sieht es denn aus mit den Verbindungen von potenziellen Terroristen zum Terrornetzwerk Al Kaida?

Abdel-Samad: Die zentralistische Al Kaida, die wir aus dem Jahr 2001 kennen, gibt es in dieser Form nicht mehr. Wir haben mittlerweile eine "Do-it-yourself-Al-Kaida". Das ist eine Art Geisteshaltung. Jeder kann im Internet die Anleitung zum Bau einer Bombe herunterladen. Eine Gruppe junger Muslime kann sich zusammenfinden - ohne direkten Kontakt zur Mutterorganisation. Kleingruppen agieren oft auf eigene Faust, daher sind sie auch nicht mehr so präzise. Aber die Gefahr ist da - weltweit.

tagesschau.de: Zurück von der weltweiten Bedrohung zu Ihrer eigenen Geschichte: Welche Lehren haben Sie aus den Erfahrungen in islamistischen Kreisen gezogen?

Abdel-Samad: Ich habe gelernt, dass jeder Mensch durstig ist nach Anerkennung und sozialer Wärme. Wenn dies in der Familie oder in der Gesellschaft fehlt, besteht Gefahr, dass Individuen von Radikalen vereinnahmt werden. Und ich habe gelernt, mich niemals mit vorgefertigten Antworten und Wahrheiten zufrieden zu geben. Außerdem muss man allen Menschen in allererster Linie als Menschen begegnen - und nicht als Christen, Juden, Atheisten oder was auch immer.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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