Der damalige Bundespräsident Wulff während seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 | Bildquelle: picture alliance / Winfried Roth

Zehn Jahre nach Wulff-Rede Wo steht der Islam in Deutschland?

Stand: 03.10.2020 12:14 Uhr

Vor zehn Jahren sorgte der damalige Bundespräsident Wulff mit dem Satz "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland" für heftige Debatten. Und heute? Wie unabhängig sind Muslime von ausländischem Einfluss?

Von Ulrich Pick, SWR

Seit dem umstrittenen Zitat des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland" ist die islamische Community deutlich gewachsen. Lebten Ende 2010 schätzungsweise 3,2 bis 3,5 Millionen Muslime in Deutschland, dürften es heute mehr als fünf Millionen sein. Exakte Zahlen gibt es nicht.

Gleichzeitig scheint die Akzeptanz des Islams innerhalb der Gesamtbevölkerung nach der Flüchtlingskrise und dem Terror des sogenannten "Islamischen Staates" rückläufig zu sein.

Die Politik spricht mittlerweile von einer zunehmenden Islam- und Muslimfeindlichkeit. Woher sie genau kommt, bedarf zwar noch einer genauen Klärung. Bundesinnenminister Horst Seehofer aber hält das Thema für so wichtig, dass er Anfang September einen zwölfköpfigen "Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit" ins Leben gerufen hat, der Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung erarbeiten soll.

Der damalige Bundespräsident Wulff während seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Der damalige Bundespräsident Wulff während seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Wer ist Ansprechpartner?

Kennzeichnend für den Islam in Deutschland ist die Frage nach einem repräsentativen Ansprechpartner für die Politik - beispielsweise, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. Zwar beanspruchen die großen islamischen Dachverbände diese Rolle für sich. Doch nach wie vor ist die Frage offen, für wen sie letztlich genau sprechen.

Einige Experten gehen davon aus, dass sie lediglich 20 bis 25 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vertreten. Zudem propagieren die meisten großen Verbände einen sehr konservativen Islam, der darüber hinaus stark von den Herkunftsländern beeinflusst ist. Viele Organisationen beziehen sowohl ihre Imame als auch Geld aus dem Ausland, womit Abhängigkeiten manifestiert werden, die eine echte Integration in Deutschland unterlaufen.

Wer repräsentiert die Liberalen?

Bei der Frage, wer die unabhängigen und liberalen Muslime repräsentiert, zeigt sich ein Dilemma. Denn die drei Viertel der in Deutschland lebenden Muslime, die offenbar keinem Verband angehören, verfügen über keine adäquate Vertretung in der Gesellschaft. Zwar gibt es den Liberal-Islamischen Bund, das progressiv ausgerichtete Muslimische Forum Deutschland sowie zahlreiche versierte Einzelpersonen. Doch können sie zahlenmäßig keinen wirklichen Kontrapunkt zu den großen islamischen Verbänden setzen, die häufig die öffentliche Debatte bestimmen.

Abhängigkeiten vom Ausland

Wie schwierig diese Konstellation ist, zeigt sich am größten islamischen Verband Ditib. Er ist quasi der deutsche Arm des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet). Gerade nach dem Putschversuch in der Türkei vom Sommer 2015 wurde deutlich, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan die Organisation als Sprachrohr für seine Politik benutzt. Dazu werden fast alle Ditib-Imame aus Ankara entsandt und auch bezahlt. Da der Verband aber mehr als 900 der insgesamt rund 2600 Moscheen in Deutschland betreibt, ist es - trotz der problematischen politischen Ausrichtung - kaum möglich, eine wirklich repräsentative Religionspolitik ohne Ditib zu betreiben.

Immer noch stuft das Bundesamt für Verfassungsschutz einige muslimische Verbände als politisch gefährlich ein. Zudem fiel Zwielicht auf die Dachverbände, als das Auswärtige Amt im Juli dieses Jahres die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Nurhan Soykan, zur Beraterin innerhalb des Projektes "Außenpolitik und Religion" ernannte.

Kritiker wiesen nämlich darauf hin, dass die ZMD-Vize die jährliche anti-israelische Al-Quds-Demonstration verteidigt sowie Sympathien für Verschwörungstheorien und die Israel-Boykottbewegung BDS gehegt haben soll. Moniert wurde ebenfalls, dass der ZMD zu seinen Mitgliedern auch das Islamische Zentrum Hamburg sowie die Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (Atib) zähle, die beide im Verfassungsschutzbericht erwähnt werden.

Der Umbruch in der Community

In der islamischen Community ist derzeit ein Umbruch zu beobachten. Denn im Gegensatz zur älteren Generation, die nach wie vor eine Bindung an die Herkunftsländer sucht, versuchen jüngere Muslime vermehrt neue Wege zu gehen. So betont Dennis Sadiq Kirschbaum vom Netzwerk "JUMA - jung, muslimisch aktiv", dass immer mehr junge Musliminnen und Muslime darauf Wert legen, unabhängig von den Verbänden zu sein und Deutschland als ihr Zuhause zu bezeichnen. Auch die Göttinger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus beobachtet, dass eine neue Generation heranwächst, "die sich in Deutschland verortet".

Über das eigene Selbstverständnis debattieren

Beispiele hierfür sind die Alhambra-Gesellschaft in Köln und die Initiative "Teilseiend" in Heidelberg. Die Kölner, zu deren Gründern auch zwei ehemalige Funktionäre der umstrittenen Verbände Ditib und Islamischer Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) gehören, verstehen sich als "Muslime für ein plurales Europa". Die knapp zwei Dutzend jungen Frauen und Männer aus Heidelberg arbeiten zudem am Aufbau einer unabhängigen muslimischen Akademie.

Das Projekt, das sich an den christlichen Akademien im Land orientiert, soll ein Forum werden, in dem die islamische Community offen debattiert und sich über ihr eigenes religiöses Selbstverständnis austauscht. Daran mangele es nämlich bislang, heißt es aus der Initiative - teils aufgrund fehlenden Willens innerhalb der etablierten Verbände, teils aufgrund fehlender Örtlichkeiten. Unterstützt wird die Initiative bereits von namhaften Geldgebern.

Muslimisches Engagement

Besonders die Gründung der Muslimischen Akademie Heidelberg, die bald ihre Arbeit aufnehmen will, zeigt, wie weit unabhängiges muslimisches Engagement in Deutschland inzwischen geht. Sie zeigt darüber hinaus - ebenso wie die wachsende islamische Seelsorge in Kliniken, die Mitgliedschaft einer islamischen Theologin im Deutschen Ethikrat sowie die Gründung islamischer Pfadfinder und eines muslimischen Karnevalsvereins in Düsseldorf - dass islamisch geprägtes Leben inzwischen ein immer festerer Bestandteil der deutschen Gesellschaft wird. Ob und in wieweit dies von der Mehrheit der Bevölkerung goutiert wird, dürfte stark davon abhängen, wie glaubhaft Muslime zeigen, dass sie sich gerne und engagiert für dieses Land und seine Werte einsetzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk "Hintergrund" am 12. Januar 2020 um 18:40 Uhr.

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