Interview

20 Jahre vereintes Deutschland "Die Treuhand war die Zielscheibe für Frust und Zorn"

Stand: 01.10.2010 13:37 Uhr

tagesschau.de: Es gibt ja sogar Stimmen wie die des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, der jetzt im September 2010 von „organisierter De-Industrialisierung“ in Bezug auf die Wiedervereinigung sprechen. Teilen Sie dieses harte Urteil?

Seibel: Die Frage ist ja, wie man mit den Folgen der Währungsunion umging. Man hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass der Erhalt "industrieller Kerne" garantiert wurde, zum Beispiel EKO-Stahl im Bundesland von Ministerpräsident Platzeck, das Chemie-Dreieck in Sachsen-Anhalt und die Werftindustrie in Mecklenburg-Vorpommern. Das waren rein politische Entscheidungen der Bundesregierung und der Treuhand, die bewusst gegen eine De-Industrialisierung der ostdeutschen Wirtschaft getroffen wurden.

tagesschau.de: Doch im Prinzip hat man doch der Marktwirtschaft freien Lauf gelassen und alles daran gesetzt,  für das einst volkseigene Vermögen – nahezu zu jedem Preis – neue Eigentümer zu finden. Hätte man nicht mehr genossenschaftliche Elemente zulassen können?

Die Treuhandanstalt in Berlin im Jahr 1993
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Berlin 1993: Die Treuhand-Zentrale in Berlin, Leipziger/Ecke Otto-Grothewohl-Straße, war eine der bekanntesten Adressen Deutschlands gewesen sein. Mit 12.000 DDR-Betrieben war sie die größte Industrieholding der Welt.

Seibel: Es ging ja gerade um die Bewältigung der wirtschaftlichen Geschichte der DDR, die die Geschichte des Niedergangs einer einstmals blühenden Industrielandschaft namens Mitteldeutschland war. Sicher hätte man in Einzelfällen über Alternativen nachdenken können, aber für 8000 und nach Aufspaltungen mehr als 12.000 Betriebe in Treuhandbesitz jeweils einen eigenes Unternehmenskonzept aufzustellen, das tragfähig gewesen wäre, das war völlig ausgeschlossen. Also musste man selektiv vorgehen und hat die vernünftige Entscheidung getroffen, nicht alles dem Markt zu überlassen und die Schlüsselindustrien in bestimmten Regionen zu retten.

tagesschau.de: Trotzdem haben Millionen Menschen ihre Arbeitsplätze verloren und ganze Regionen lagen wirtschaftlich brach.  Gab es Alternativen zum Vorgehen der Treuhand, um flächendeckender die Wirtschaft zu stützen?

Seibel: Sicher im Einzelfall. Aber auf der strategischen Ebene hatte die Treuhand keinen Spielraum, die Folgen der politischen Kernentscheidungen  von 1990 rückgängig zu machen. Man hätte mit dem Wissen von fünf oder zehn Jahren später eine Politik betreiben können, die eher von unten nach oben als umgekehrt Entscheidungen getroffen hätte. Bedenken muss man jedoch, dass die ostdeutschen Landesregierungen in dem Zeitraum 1990 bis 1993 nur bedingt handlungsfähig waren. Sie waren häufig froh, dass es eine handlungsfähige Institution gab: die Treuhandanstalt. Die dezentrale Ebene – kommunal und auf Landesebene – wären also  noch  gar nicht in der Lage gewesen, stärker beteiligt zu werden.

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