Interview

Interview zu Sicherheitskonzepten "Es wird immer ein Restrisiko geben"

Stand: 27.07.2010 21:28 Uhr

Nordrhein-Westfalen will sich als Konsequenz aus der Tragödie bei der Loveparade für bundeseinheitliche Regelungen für Großveranstaltungen einsetzen. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schlägt vor, Massenevents künftig in die Obhut des Innenministeriums zu geben, da diese mehr Erfahrung mit Sicherheitskonzepten haben. Aber wie muss so ein Konzept überhaupt aussehen? Der hauptamtliche Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, Helmut Spahn, beantwortet im Interview mit tagesschau.de die wichtigsten Fragen rund um das Thema Sicherheit bei Großveranstaltungen.

tagesschau.de: Sie haben viel Erfahrung mit Großveranstaltungen, wie geht man an ein solches Sicherheitskonzept heran?

Helmut Spahn: Zunächst ist es ganz wichtig zu analysieren, um welche Veranstaltung es sich tatsächlich handelt. Ist es eine Konzertveranstaltung mit einer Musik, die mehr ins klassische geht, eine Rockveranstaltung oder ein Fußballspiel? Habe ich mehr junge Leute oder Leute, die mehr Alkohol konsumieren. Anschließend ist es wichtig auf die einzelnen Szenarien und Gefahrenpunkte einzugehen. Da darf man vor keinen Möglichkeiten Halt machen. Alles hinterlege ich auch ein Stück weit mit Wahrscheinlichkeiten. Aber auch bei unwahrscheinlichen Szenarien brauche ich trotzdem Handlungs- und Lösungsalternativen.

alt Helmut Spahn

Zur Person

Helmut Spahn ist hauptamtlicher Sicherheitsbeauftragter des Deutschen Fußball-Bundes und Abteilungsleiter "Prävention und Sicherheit". Er war außerdem Sicherheits-Chef bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt der Veranstaltungsort bei der Erstellung des Konzepts?

Spahn: Die Örtlichkeit ist das Entscheidende für die Erstellung eines Sicherheitskonzeptes. Nach dem Motto: "Ein Blick in das Gelände ist durch nichts zu ersetzen." Außerdem kommt es darauf an,  wer die Verantwortung für bestimmte Bereiche trägt. Beispiel Fußball: Da trägt der Veranstalter eines Fußball-Spiels im Stadion die Verantwortung für die sichere Abwicklung. Außerhalb des Stadions sind auch Personen, die am Bahnhof oder Flughafen ankommen. Das muss abgestimmt sein mit der Straßenverkehrsbehörde, dem Ordnungsamt und der Polizei. Diese Konzepte müssen kompatibel sein. Es nützt nichts, wenn man ein Konzept für das Stadion erarbeitet und es nicht mit den Konzepten der Feuerwehr und Polizei abstimmt.

tagesschau.de: Wie sehr wird bei der Art von Besuchern unterschieden?

Spahn: Das ist eines der wichtigsten Kriterien! Ein Konzert-Besucher von Elton John oder Pavarotti ist anders als ein Fußball-Fan. Wenn ein Derby stattfindet, ist das Spiel wieder ganz besonders. Genauso ist eine Loveparade eine besondere Veranstaltung, die sich über Jahre entwickelt hat. Da ist die Zusammensetzung und Anzahl der Besucher eine der wichtigsten Stellgrößen. Dazu gehören auch: Anreise, Abfluss, Räumungs- und Evakuierungswege. Brauche ich Parkplätze? Kommen viele Leute mit Bussen? Ein wesentlicher Faktor ist die Frage: Tickets ja oder nein. Gibt es also eine Personenkontrolle am Eingang, um eine Besucherzahl überhaupt zu verifizieren.

tagesschau.de: Wie wird denn das Wetter berücksichtigt?

Spahn: Es wird analysiert, wann und wo die Veranstaltung stattfindet. Findet sie im Freien statt, spielt das Wetter eine größere Rolle. Dann werden die Wetterprognosen und die Verläufe der letzten Jahre betrachtet: Was kann da überhaupt passieren? Könnte es ein Unwetter geben? Was macht man dann mit den Leuten: Kann man evakuieren, kann man eine solche Veranstaltung auch abbrechen?

Massen im Tunnel vor dem Festgelände-Eingang
galerie

Während sich die Gäste am Eingang des Loveparade-Geländes stauten, drängten Tausende durch den Tunnel nach. Die Polizei erklärte später, das Festgelände sei nicht überfüllt gewesen.

tagesschau.de: Wie flexibel muss so ein Konzept sein? Müssen alle Eventualitäten vorher durchdacht werden?

Spahn: Es hört sich in der Theorie einfach an, dass alle Szenarien angedacht werden müssen. Andererseits steht und fällt ein solches Konzept nur, wenn es flexibel ist. Man kann Sicherheit überstülpen und sagen:  Wir machen es 100 Prozent sicher. Dann sind bestimmte Veranstaltungen aber nicht mehr durchführbar. Beispiel: Ein Besucher bei einem Fußball-Spiel kann nicht wie ein Fluggast am Flughafen untersucht werden. Das dauert zu lange. Man muss auch flexibel reagieren können, wenn man nicht genau weiß wie viele Zuschauer kommen. Dann muss man Alternativen vordenken, wie man die Zuschauer umleitet und informiert.

tagesschau.de: Wer muss das Konzept überhaupt genehmigen?

Spahn: Zunächst muss der Veranstalter ein Konzept vorlegen und die Veranstaltung genehmigen lassen. Die Genehmigungsbehörde (Ordnungsamt oder Versammlungsbehörde) braucht die Zustimmung der anderen Beteiligten: Rettungsdienste, Feuerwehr, Polizei. Beispiel Fußball-Bundesliga: Wir haben ein Sicherheitskonzept für jedes Stadion. Das müssen alle Parteien unterschreiben. Wenn eine Unterschrift fehlt, wird es als nicht ausreichend beachtet. Der Fußball-Verein würde dann keine Lizenz bekommen.

tagesschau.de: Lässt sich im Voraus erkennen, ob ein Sicherheitskonzept eventuell versagt oder sieht man das erst wenn die Veranstaltung läuft?

Spahn: Man kann vorher erkennen, ob ein Konzept seriös und professionell erarbeitet wurde. Natürlich wird es bei Massenveranstaltungen ein Restrisiko geben. Wo Menschen zusammenkommen, ist immer mit Unvorhergesehenem zu rechnen.

tagesschau.de: Inwiefern kann so ein Konzept von allen Interessen - sei es wirtschaftlichen oder auch image-getriebenen - frei sein?

Spahn: Andere Interessen spielen immer eine Rolle. Es gibt für mich einen Leitspruch: "So viel Sicherheit wie möglich, bei so wenigen Einschränkungen wie möglich." Es ist immer eine Abwägung: Natürlich kann ich ein Sicherheitskonzept zu 100 Prozent durchdrücken, aber dann sind bestimmte Veranstaltungen nicht mehr durchführbar. Bestimmte Sicherheitsfeatures sind auch nicht unbedingt erforderlich. Bei der Fußball-WM 2006 hatten wir die Diskussion um personalisierte Tickets. Natürlich gibt es dann Bedenken, ob das nicht zu teuer ist.

Oft muss man dann ganz offen sagen: Wenn wir das so machen, gehen wir ein nicht zu akzeptierendes Risiko ein. Und dann habe ich noch keinen gesehen, der sagt: "Wir machen es trotzdem".

Die Fragen stellte Robert Kindermann für tagesschau.de.

Darstellung: