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Verkehrsberaterin Maria Leenen über das Bahn-Chaos Mitarbeiterpflege: Ungenügend!

Stand: 13.08.2013 18:33 Uhr

Seit Tagen legen Personalengpässe bei der Deutschen Bahn den Mainzer Hauptbahnhof lahm. Verkehrsberaterin Maria Leenen erklärt im Interview mit tagesschau.de, wie die Bahn ihre Mitarbeiter vergrault und wer Schuld an dem Chaos trägt.

tagesschau.de: Haben die Stellwerksprobleme in Mainz Sie überrascht?

Maria Leenen: Nein. Dass die Personaldecke dünn ist, ist bekannt. Die Deutsche Bahn hat sich nicht darauf vorbereitet, dass eine Grippewelle ausbrechen kann. An einer so wichtigen Stelle wie Mainz muss es Alternativen geben. Ich würde nicht ausschließen, dass es in Zukunft wieder zu einem Engpass an irgendeinem Stellwerk kommt.

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Zur Person

Maria Leenen, Diplom-Volkswirtin, ist Vorstandsvorsitzende der Consultingfirma SCI Verkehr. Seit 1992 berät sie Bahnvorstände, Bahnzulieferer und zuweilen auch Verkehrspolitiker.

tagesschau.de: Es war in Mainz nicht das erste Mal, dass das passiert ist. Der Bundesnetzagentur liegen Beschwerden privater Bahnbetreiber wegen Stellwerkengpässen in Zwickau, Bebra und Friedrichssegen vor. Warum ist das Thema jetzt plötzlich so groß?

Leenen: Wenn man so auf Kante genäht hat wie die Deutsche Bahn, dann braucht man im Krisenfall sehr loyale Mitarbeiter. Die Deutsche Bahn hätte sich sicherlich irgendwie mit ihrem Stellwerkspersonal arrangieren können. Dass sie es nicht geschafft hat, zeigt, dass es ein Defizit in der Kommunikation mit den Mitarbeitern gibt. Der Ruf des Arbeitsgebers ist schlechter geworden. Die Identifikation ist bei Weitem nicht mehr so hoch, wie sie mal war. Jedes private Unternehmen hätte doch die Rückkehr aus dem Urlaub vergoldet und die Sache wäre nie an die Öffentlichkeit geraten. Aber die Bahn hat zu wenig dafür getan, die Mitarbeiter zu pflegen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wichtig sind. Jeder Fahrgast hat schon Erfahrungen mit der schlechten Kommunikation der Bahn gemacht. Nach innen ist sie noch schlechter. In einer solchen Situation kommt das wie ein Bumerang zurück, es wirkt wie ein negativer Multiplikator.

"Alles auf den geplanten Börsengang zu schieben, ist falsch"

tagesschau.de: Wie konnte es denn überhaupt zu einer solch dünnen Personaldecke kommen?

Leenen: Der Grundstein für diese Fehlentwicklung wurde 1994 gelegt, als die Deutsche Bundesbahn mit der Reichsbahn der ehemaligen DDR fusionierte. Es gab damals einen extremen Personalüberhang. Bahn-Vorstand und Gewerkschaft machten sich daran, den Überhang ohne betriebsbedingte Kündigungen abzuschmelzen. Beispielsweise wurden Mitarbeiter, die in Rente gingen, nicht durch junge Kollegen ersetzt. Das führte zu einer Überalterung der Belegschaft und damit auch zu einem hohen Krankenstand. Die Deutsche Bahn hat dabei lange übersehen, dass es irgendwann zu wenig junge Mitarbeiter gab und Leistungsträger das Unternehmen verließen. Sie hätte Azubis Übernahmegarantien geben müssen und guten Mitarbeitern bessere Verträge.

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Maria Leenen schließt nicht aus, dass es in Zukunft wieder zu einem Engpass an irgendeinem Stellwerk kommt.

tagesschau.de: Ist, wie jetzt so viele sagen, auch der ehemals geplante Börsengang Schuld?

Leenen: Ja und nein. Der geplante Börsengang hat dazu geführt, dass man sich intensiv mit Kosten und Ineffizienzen beschäftigt hat, die reichlich vorhanden waren und auch teilweise noch sind. Nur hat es die Bahn stellenweise übertrieben. Wenn Nachhaltigkeit bei einem so nachhaltigen Geschäft wie der Bahn vernachlässigt wird, dann rächt sich das. An der Börse optimiert man das Geschäft und die Ergebnisse auf maximal fünf Jahre, ein herkömmliches Stellwerk hält über 50 Jahre. Ein nachhaltiger Umgang mit diesen teuren Investitionen steht oft im direkten Widerspruch zu kurzfristigem Gewinnoptimieren. Jetzt alles auf den geplanten Börsengang zu schieben, ist aber falsch, denn es ist ja nun schon fast drei Jahre her, dass er abgeblasen wurde. In der Zwischenzeit hätte man Leute einstellen und ausbilden können. Die Bahn hat nur ihre Köpfe insgesamt gezählt, aber nicht gemerkt, dass es an bestimmten Stellen zu wenig und an anderen zu viel gibt.

"Auf Außerplanmäßiges ist die Bahn nicht vorbereitet"

tagesschau.de: Betrifft der Personalengpass nur die Fahrdienstleiter oder auch andere Bereiche?

Leenen: Es ist ein allgemeines Problem bei der Bahn. Einen Personalmangel gibt es insbesondere dort, wo Spezialisten gefragt sind. Bei Wagenmeistern im Güterverkehr zum Beispiel. Diese Leute achten darauf, dass sich alle Wagen ordnungsgemäß an einem Zug befinden. Es ist ein sehr wichtiger und verantwortungsvoller Job. Diese Leute kann man nicht einfach von der Straße rekrutieren, die Ausbildung dauert lange. Auch in den Werkstätten gibt es punktuell Personalmängel. Für bestimmte Aufgaben oder spezialisierte Zugtypen gibt es trotz Überhängen anderswo zu wenig Experten. Wenn etwas Außerplanmäßiges passiert, ist die Bahn darauf nicht vorbereitet.

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"Wenn etwas Außerplanmäßiges passiert, ist die Bahn darauf nicht vorbereitet.", so Verkehrsberaterin Maria Leenen.

tagesschau.de: Ein Fahrdienstleiter hat eine ähnliche Funktion wie ein Fluglotse, nur eben auf der Schiene. Während der Bahnlotse nur 2200 bis 3000 Euro brutto im Monat verdient und einen wahnsinnig stressigen Job hat, bekommt der Fluglotse fast das Dreifache und hat zudem eine begrenzte Arbeitszeit von 25 Wochenstunden. Warum zahlt die Bahn so wenig?

Leenen: Die Bahn wird lernen müssen, dass sie angesichts der Verantwortung der Mitarbeiter mehr zahlen muss. Früher war das Prinzip der Bahn, dass sie zwar ein niedriges Gehalt zahlte, aber dafür viele Sonderleistungen wie zum Beispiel Pensionen erbrachte. Die Sonderleistungen hat sie gestrichen, die schlechte Bezahlung ist geblieben. Wenn die Bahn Leistungsträger gewinnen und behalten möchte, muss sie mehr bezahlen, denn sonst gehen sie zu besser zahlenden Unternehmen. Die Nachfrage nach Bahnverkehr wächst, die Bahn gewinnt mit den neuen Hochgeschwindigkeitszügen und einem guten Angebot im Nahverkehr an Attraktivität. Die wachsende Fahrgastzahl darf sie nicht durch solche Fehler verspielen.

tagesschau.de: Würde man die Gehälter anheben, würden doch sicherlich auch die schon jetzt nicht günstigen Bahnpreise steigen.

Leenen: Nicht zwingend. In der Schweiz oder Großbritannien sind die öffentlichen Zuwendungen pro Personenkilometer mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Ich sehe daher auch die Politik in der Pflicht, ihre Bahn finanziell besser auszustatten. In der Ära Ramsauer wurde die verkehrspolitische Priorität auf Investitionen in die Straße gelegt. Dabei ist die Bahn und ihre Infrastruktur zu kurz gekommen. Auf der anderen Seite kann Ramsauer aber auch nicht mehr Geld ausgeben, als er über die Haushaltsbeschlüsse des Bundestages genehmigt bekommt. So trägt die parlamentarische Mehrheit im Parlament auch eine Verantwortung für den Kostendruck bei der Bahn, nicht allein Herr Grube, der zu spät auf Neueinstellungen gesetzt hat.    

Das Interview führte Friederike Ott, tagesschau.de.