Interview

50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen "Als Türke ist man hier immer noch fremd"

Stand: 30.10.2011 05:10 Uhr

Am 28. Oktober 1961 stieg der damals elfjährige Baha Güngör in Istanbul in einen Zug - drei Tage später kam er in Aachen an. Er ist nun so lange in Deutschland, wie es das Anwerbeankommen mit der Türkei gibt. Über Einwanderer und Einwanderung damals und heute spricht tagesschau.de mit dem Journalisten.

tagesschau.de: Herr Güngör, wie war es, im Jahr 1961 türkischer Einwanderer in Deutschland zu sein?

Das Klassenbild aus seinem ersten Jahr in Deutschland
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"Hosgeldin Efendim" - "Willkommen, mein Herr" - so begrüßte ihn sein Schuldirektor an der Volksschule in Aachen. Klassenfoto aus dem Jahr 1961.

Baha Güngör: Überall waren noch die zerbombten Häuser zu sehen, der Krieg war noch nicht lange her. Damals waren die Deutschen froh, dass überhaupt Menschen zu ihnen kamen und mit ihnen sprachen. Außerdem verbanden die Deutschen damals mit Türken eine historische, traditionelle Partnerschaft, sogar Freundschaft. Mein erster Schuldirektor in Aachen begrüßte mich sogar auf Türkisch. Da war ich baff, als er sagte, "Hosgeldin Efendim" - das heißt "Willkommen, mein Herr". Sofort hatte ich ein warmes Gefühl.

Außerdem war es ja so, dass die Türken kamen, um den Deutschen zu helfen. Es war damals ganz normal, dass ich viele Einladungen in deutsche Familien bekam.

alt Journalist Baha Güngör

Zur Person

Baha Güngör kam vor mehr als 50 Jahren nach Deutschland. 1976 wurde er als erster Türke in Deutschland in deutscher Sprache zum Journalisten ausgebildet, in einem Volontariat bei der Kölnischen Rundschau. Später ging er als Türkeikorrespondent für WAZ und dpa für 15 Jahre nach Istanbul zurück. Er ist Autor des Buches "Die Angst der Deutschen vor den Türken und ihrem Beitritt zur EU" und Träger des deutsch-türkischen Freundschaftspreises. Heute leitet er die türkische Redaktion der Deutschen Welle in Bonn.

"Man muss sich immer rechtfertigen"

tagesschau.de: Wie ist das heute mit dem Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein?

Güngör: Man muss sich heute immer rechtfertigen. Als Türke ist man in Deutschland immer noch fremd - obwohl hier mittlerweile drei Millionen Türken leben. Das liegt auch daran, dass die Deutschen lange dachten, dass die Türken irgendwann zurückgehen. Und auch die Türken haben sich nicht sonderlich um Integration bemüht, weil sie das gleiche geglaubt haben: Wir gehen ja weg, wir bleiben ja nur auf Zeit hier.

Als dann 1980 plötzlich die Zahl der Bausparverträge unter türkischen Namen die Hunderttausendermarke überschritten, da mussten beide Seiten erkennen: Sie sind ja doch hiergeblieben. Seitdem gibt es ein Aufwachen, allerdings zeigt das nur sehr langsam Konsequenzen.

tagesschau.de: Was muss Deutschland lernen im Umgang mit Einwanderern?

Güngör: Dass man sie auf Augenhöhe akzeptiert. Denn diese Augenhöhe stimmt oft nicht, weil es da auch politisch immer wieder Stürme gab. Wenn man eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ablehnt wegen ihrer Religion und ihren kulturellen Wurzeln - und die deutsche Bundeskanzlerin ist eine wichtige Gegnerin eines EU-Beitritts der Türkei - dann kann man nicht gleichzeitig von in Deutschland lebenden Türken verlangen: Integriert euch ohne wenn und aber.

Der Pass von Baha Güngör aus dem Jahr 1961.
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Mit diesem Pass kam Baha Güngör am 31.10.1961 nach Deutschland.

Deutschland muss lernen, dass es nicht mehr Gastgeber der Türken ist. Die sind mittlerweile hier geboren, das sind genauso Münchner, Berliner, Kölner oder Hamburger. Und ich beobachte, dass Türken in Deutschland sich oft an ihre Region anpassen, in der sie leben. Ein Türke in Köln wird Rheinländer, ein Türke in München tickt bayrisch.

"Als würde man von Deutschland nur Ballermann-Touristen wahrnehmen"

tagesschau.de: Wie empfinden Sie die Debatten über Integration und Einwanderung, die hier geführt werden?

Güngör: Wissen Sie, Integration sieht man nicht. Die integrierten Türken fallen nicht auf, auch ich falle nicht auf. Man sieht immer nur die kleinen Gruppen tiefreligiöser Menschen oder die schwierigen Jugendlichen. Aber damit tut man den hier lebenden Türken Unrecht. Das wäre so, als würde man von den vielen verschiedenen Deutschen nur die Ballermann-Touristen wahrnehmen.

tagesschau.de: Aber nicht alle Türken haben alles richtig gemacht. Es gibt nachweislich Gruppen, die weniger integriert sind als Sie.

Der Ausreisestempel von Baha Güngör
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Drei Tage zuvor war er in Istanbul aufgebrochen - der Ausreisestempel vom 28.10.1961

Güngör: Dass es Probleme mit gewissen Ausländergruppen gibt, ist auch ein Resultat aus den Fehlern der Siebzigerjahre, als man hier geglaubt hat, die würden ohnehin wieder nach Hause gehen. Und deshalb hat man in Deutschland auch vieles von dem ignoriert, was in irgendwelchen Hinterhöfen passiert ist.

"Auch Einmischung hat mit Augenhöhe zu tun"

tagesschau.de: Was hätte man tun sollen?

Güngör: Der deutsche Staat und die deutsche Politik hätten sich damals stärker einmischen müssen. Auch das hat übrigens mit Augenhöhe zu tun: dass man gegen Dinge, die man bei Deutschen nicht duldet, auch bei Türken vorgeht. Das ist aber nicht passiert. Stattdessen hat der Staat dabei zugesehen, dass Kinder noch vor der Schule zu Korankursen gehen und nach der Schule ihre Geschwister betreuen, statt Hausaufgaben zu machen. Den Preis dafür bezahlt man heute.

tagesschau.de: Heute ist es so, dass ausgerechnet junge, hochqualifizierte Einwanderer zurück in die Türkei gehen - also gerade diejenigen Kräfte, die Deutschland gerne halten würde. Woran liegt das?

Güngör: Es gibt hier immer noch eine Sperre in den Köpfen. Bewerber mit türkischen Namen werden eher abgelehnt - unabhängig von ihrer Qualifikation. In der Türkei hingegen gibt es einen deutlichen Bedarf. Etwa 4000 deutsche Unternehmen sind dort aktiv, gleichzeitig öffnen sich die türkischen Firmen sowohl in den Westen als auch nach China. Sie brauchen also gute Fachkräfte. Die türkischen Fachkräfte werden in der Türkei besser bezahlt als in Deutschland. Dazu kommt: In der Türkei müssen sie nicht permanent beweisen, dass sie ein guter Mensch mit hoher Integrationsbereitschaft sind, dass sie gerne in dem Land leben. Deshalb gehen sie in die Türkei - und ich kann das verstehen. Schade ist das vor allem für Deutschland, weil es Fachkräfte verliert.

50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen
tagesthemen 22:45 Uhr, 30.10.2011, Siegrid von Fintel, BR

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"Diese Vertrautheit habe ich nicht mit deutscher Kultur"

tagesschau.de: Haben Sie selbst mit dem Gedanken gespielt, zurück zu gehen?

Güngör: Ich habe 15 Jahre als Journalist für deutsche Medien in der Türkei gearbeitet, von 1984 bis 1999. Ich kann den Leuten nachfühlen, dass sie dort glücklicher sind als hier.  Und ich habe immer wieder Gedanken, zurück zu gehen. 

tagesschau.de: Nach 50 Jahren - fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Türke? Oder ist diese Unterscheidung veraltet?

Baha Güngör als Clown
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"Ich bin ein Karnevalsjeck in Kölle am Rhein" - Baha Güngör als Clown.

Güngör: Diese Unterscheidung ist von der Person abhängig. Ich habe seit 1978 den deutschen Pass, und seit 1982 bin ich kein türkischer Staatsbürger mehr. Dennoch bin ich Türke geblieben - aber mit Sicherheit einer, der sich in Deutschland sehr gut zurechtfindet, und der sich hier gut integriert hat. Ich habe sehr viele deutsche Freunde, ich bin ein Karnevalsjeck in Kölle am Rhein, ich bin ein sehr aktiver Fan des 1. FC Köln. Wenn im Fußball Deutschland gegen die Türkei spielt, dann bin ich für die Türkei - aber sonst immer für Deutschland. Ich bin hier zu Hause. Aber dass ich ein Türke geblieben bin merke ich daran: Wenn ich mit anderen Türken zusammen bin, schiebt sich das Türkische in den Vordergrund.

tagesschau.de: Wie zeigt sich das?

Güngör: Wenn ich mit türkischen Freunden zusammen bin, dann kenne ich alle Lieder, die wir dann alle zusammen singen. Ich kenne die türkischen Witze und Geschichten, die erzählt werden, die geflügelten Worte. Da empfinde ich eine Vertrautheit, die ich mit deutscher Kultur nicht in dieser Dimension habe.

Das Gespräch führte Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

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