Ryanair-Flugzeug | AFP
Interview

Experte zu Ryanair-Ausfällen "Es steckt viel mehr dahinter"

Stand: 19.09.2017 18:01 Uhr

Ryanair begründet die Streichung Tausender Flüge mit Problemen bei der Urlaubsplanung. Plausibler seien allerdings Szenarien wie Pilotenmangel oder Vorbereitungen auf ein plötzliches Air-Berlin-Aus, sagt ARD-Experte Michael Immel im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Die Billig-Airline Ryanair streicht bis Ende Oktober rund 2000 Flüge. Die offizielle Begründung: Schwierigkeiten bei der Urlaubsplanung der Piloten. Ist das plausibel?

Michael Immel: Das klingt schon ein bisschen kurios. Wenn man ein bisschen Geld in die Hand nähme und das den Piloten in die Hand drückt, hätte man das Problem sicher auch so lösen können. Ich glaube, dass viel mehr dahinter steckt als eine verkorkste Urlaubsplanung.

Ryanair will sich zum Netzwerk ausbauen

tagesschau.de: Was sind da mögliche Szenarien? Ursprünglich hieß es ja von Ryanair, die Airline wolle mit den Streichungen ihre Pünktlichkeit verbessern…  

Immel: Das ist nicht unwahrscheinlich, denn Ryanair will künftig mit Umsteigeverbindungen punkten, das heißt, nicht nur einzelne Flüge von einem Ort zum anderen anbieten, sondern auch Anschlussflüge. Um dahin zu kommen, muss man natürlich pünktlich sein und das war bei der Airline in den letzten Monaten nicht immer der Fall. Möglicherweise fehlen der Airline aber auch die Piloten.  

tagesschau.de: Warum das?

Immel: Mir wurde zugetragen, dass Ryanair-Chef O'Leary in einer Telefonkonferenz mit Analysten darüber gesprochen haben soll, dass es Versuche gibt, Piloten abzuwerben. Dazu muss man wissen, dass gut ausgebildete Piloten aus Europa weltweit gerade sehr begehrt sind, weil wieder mehr geflogen wird. Da kann ich mir bei den umstrittenen Arbeitsbedingungen von Ryanair gut vorstellen, dass der eine oder andere Pilot sich überlegt, zu wechseln.

Michael Immel

ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel hält für wenig plausibel, dass Ryanair mit Urlaubsplänen kämpft.

Vorbereitungen auf ein Air-Berlin-Aus

tagesschau.de: Diese Meldung von Ryanair kommt ja auch mitten in den Verhandlungen über die Insolvenz von Air-Berlin. Ein Zufall?

Immel: Ich gehe davon aus, dass Ryanair sich auf die Möglichkeit eines "Groundings" bei Air Berlin vorbereitet hat - also auf den Fall, dass Air Berlin von heute auf morgen das Geld ausgeht und ihre Flieger nicht mehr starten können. Dann würde der Koordinator der Slotrechte von Air Berlin ganz rasch einen Teil der Slots - also der Start- und Landezeiten - neu verteilen müssen.

tagesschau.de: Und an denen hätte Ryanair Interesse?

Immel: Mit Sicherheit. Die Hälfte der Slots ginge zwar auf jeden Fall an Airlines, die an dem Flughafen bisher neben Air Berlin geflogen sind. Aber um um die andere Hälfte der Slots kann sich jede andere Fluglinie bewerben. Und Chancen hat natürlich nur, wer dann auch freie Maschinen zur Verfügung hat. Dass Ryanair mit den Streichungen ein paar Flugzeuge für diesen Fall vorhalten will, ist also durchaus denkbar. Denn den lukrativen deutschen Luftfahrtmarkt will man nicht allein den anderen überlassen. Deswegen plant Ryanair sicher selbst für diesen Fall - auch wenn es momentan keine konkreten Anzeichen gibt, dass er eintritt.

Slots, aber ohne Flugzeuge bitte

tagesschau.de: Warum hat sich Ryanair dann aus dem Bieterkampf um die insolvente Air Berlin zurück gezogen? Da werden doch auch Slots vergeben...

Immel: Das stimmt, aber die Slots gibt es dann nur im Paket mit den Maschinen von Air Berlin. Und das sind sehr viele Airbusmaschinen. Die kann O'Leary aber nicht gebrauchen, weil er nur Boeing fliegt.

tagesschau.de: Die Fluglinie TUI Fly hat heute angekündigt, dass sie 30 Millionen Euro einsparen muss, weil sie einen Teil ihrer Flotte an die nun insolvente Air Berlin vermietet hatte. Was heißt das jetzt für die Branche?

Immel: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Die Frage, die sich stellt, ist ja, ob TUI Fly diese Flieger wieder zurück nehmen muss. Sie werden natürlich hoffen, dass jemand anders die Mietverträge - sogenanntes "Wetlease" - übernimmt. Dies aber vermutlich zu deutlich schlechteren Konditionen für TUI Fly. Mehr werden wir aber erst nach der Bundestagswahl - also am 25. September - wissen. Dann verkündet der Aufsichtsrat von Air Berlin seine Entscheidungen.

Das Interview führte Marie Löwenstein, tagesschau.de

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. September 2017 um 22:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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claireannelage 19.09.2017 • 21:19 Uhr

@pankratius - Nicht aus heiterem Himmel

Wenn Ryanair Probleme hat, sollte man der Gesellschaft ein paar Tage geben, sie zu lösen. Grundsatzanschuldigungen sind in diesem Falle fehl am Platze. Das wäre dann so, wenn es zu unerwarteten Ereignissen kommt. Hier ist die Situation aber wohl eher so wie einst am Mainzer Bahnhof, wo man ständig Mitarbeiter aus dem Urlaub holte und sie Überstunden machen liess, bis an irgendeinem Punkt nichts mehr ging. Und im öffentlichen Nahverkehr gibt es kaum Verständnis bei den Kunden wenn auch nur an einzelnen Tagen gestreikt wird. Von Vereinigung Cockpit war hier auch nie die Rede. Es gibt nunmal Berufe die besser bezahlt sind als andere - diese haben genauso einen Anspruch auf angemessene Bezahlung ohne dass ihnen gleich eine Welle des Neids entgegenschlägt. Ist in einer Firma die Fluktuation sehr hoch spricht das schon für sich - jeder wechselt sobald er kann, aus welchem Grund sollten sie das tun außer zu geringe Bezahlung für die erbrachte Leistung ?