Martin Stürmer | imago images/teutopress
Interview

Omikron-Welle "Die Zahlen werden deutlich steigen"

Stand: 12.01.2022 13:40 Uhr

Die WHO-Prognose, dass sich bald die Hälfte der Bevölkerung in Europa mit dem Coronavirus infiziert hat, hält der Virologe Stürmer für durchaus realistisch. Im tagesschau24-Interview plädiert er für strengere und einheitlichere Maßnahmen.

tagesschau24: Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt unter Berufung auf Hochrechnungen, dass sich in zwei Monaten schon mehr als die Hälfte der Menschen in Europa mit Omikron infiziert haben könnte. Was ist da dran?

Martin Stürmer: Omikron verbreitet sich sehr effektiv - noch deutlicher als Delta. Auch mit Impfung und mit Booster-Impfung ist man nicht optimal vor dieser Variante geschützt. Insofern ist es durchaus eine Einschätzung, die möglich werden kann. Je nachdem, wie stringent man jetzt mit den Booster-Impfungen vorankommt - oder mit Kontaktbeschränkungen dafür sorgt, dass das Ganze eben nicht so heftig wird.

Zur Person

Martin Stürmer leitet ein Labor zur Sequenzanalyse in Frankfurt, er ist Facharzt für Mikrobiologie und Dozent am Institut für medizinische Virologie an der Universität in Frankfurt am Main.

"Die Booster-Impfung ist nicht umsonst"

tagesschau24: Es infizieren sich ja nun auch Menschen mit Corona, die bereits eine Booster-Impfung erhalten haben. Umgeht Omikron die Impfung?

Stürmer: Ja, das tut sie zu einem gewissen Prozentsatz. Nicht zu 100 Prozent - gerade mit einer frischen Booster-Impfung ist man doch noch relativ gut gegen eine Infektion mit Omikron geschützt. Nicht ganz so gut wie gegen eine Delta-Infektion, aber eben auch deutlich besser, als wenn der Booster schon ein halbes Jahr zurückliegt. Insofern ist die Booster-Impfung nicht umsonst, sondern sie schützt eben am allerbesten vor einer Infektion mit Omikron. Dementsprechend kann ich auch nur dazu raten, die Angebote zu nutzen.

tagesschau24: Derweil infizieren sich ja so viele Menschen wie noch nie mit Corona. Mehr als 80.000 wurden positiv getestet. Was vermuten Sie? Werden die Zahlen in Deutschland weiter steigen?

Stürmer: Ja. Es ist zu befürchten, dass wir jetzt in den nächsten Tagen und Wochen noch einmal deutlich steigende Zahlen sehen werden. Die Omikron-Welle baut sich ja jetzt erst so richtig auf. Noch ist Omikron nicht überall die überragend dominante Variante. Ich gehe davon aus, dass es noch deutlich heftiger wird. Und dementsprechend müssen wir uns auf einiges einstellen.

tagesschau24: Was halten Sie von der vierten Impfung, so wie Israel es macht?

Stürmer: Das ist eine wichtige Diskussion, die man führen muss, auch wenn man in Israel von den Daten zu der vierten Impfung nicht ganz so überzeugt war. Man sollte aber darüber nachdenken, gerade bei Menschen mit hohem Risiko für schwere Verläufe - bei denen der Booster vielleicht auch schon deutlich länger zurückliegt - noch mal eine Zwischen-Impfung zu machen, bevor wir den an Omikron angepassten Impfstoff zur Verfügung haben.

tagesschau24: Wann wird Ihrer Meinung nach dieser angepasste Impfstoff auf dem Markt sein?

Stürmer: Ich denke, dass die Schätzungen in Richtung Frühjahr - also März, April, Mai - durchaus realistisch sind. Da werden wir sicherlich noch mal eine neue Situation erleben. Wir werden sehen, wie gut das Ganze tatsächlich in der Realität funktioniert. Und ich bin Optimist, dass wir es damit und in Kombination mit der wärmeren Jahreszeit schaffen werden, eine deutlich entspanntere Situation generieren zu können.

"Ich wünsche mir ein einheitliches Vorgehen"

tagesschau24: Sie vermuten, die Zahlen werden weiter in die Höhe gehen. Halten Sie die Maßnahmen, die nun in den einzelnen Bundesländern gelten, noch für angemessen?

Stürmer: Das ist eine ganz schwierige Situation. Ich denke schon, dass man die Chance gehabt hätte, mit restriktiveren Kontaktbeschränkungen die Welle etwas abzumildern. Was wir jetzt tun, ist nachzuschärfen, der Welle so ein bisschen hinterherzurennen.

Natürlich könnte man zum Beispiel in den Geschäften die zulässige Höchstmenge an Kunden reduzieren und noch einiges an Maßnahmen verschärfen. Das würde sicherlich etwas dazu beitragen, dass sich Omikron nicht ganz so heftig ausbreitet. Da ist noch Luft nach oben.

Ich wünsche mir ein einheitliches Vorgehen in den Ländern. Ich sehe jetzt bei vielen Maßnahmen und Regelungen wieder einen Flickenteppich oder ein Durcheinander. Das ist für alle Beteiligten nicht wirklich optimal.

tagesschau24: Das heißt, die epidemische Notlage, die ja ausgelaufen ist, müsste wieder in allen Ländern gelten?

Stürmer: Das würde es sicherlich einheitlicher oder einfacher machen. Ich habe den Eindruck gehabt, dass mit der Bundesnotbremse doch die Akzeptanz in der Bevölkerung und die Umsetzung der Maßnahmen mit am besten gelaufen sind - weil einfach klar war, das Virus in Schleswig-Holstein ist das gleiche wie das Virus in Bayern. Warum sollen da unterschiedliche Regeln gelten? Man kann das immer abhängig von der Inzidenz steuern und damit regionale Unterschiede abbilden. Aber wir reden über das gleiche Virus, insofern bin ich für eine einheitliche Vorgehensweise.

Die Fragen stellte Kirsten Gerhard, tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Januar 2022 um 11:00 Uhr.