Intersexualität | Bildquelle: picture alliance / dpa

Beschluss zur Geschlechtsangabe Das dritte Geschlecht: Ich

Stand: 14.12.2018 01:59 Uhr

Luan ist nicht er oder sie - wie etwa 80.000 Menschen in Deutschland. Luan ist Luan und will selbst das Geschlecht bestimmen. Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Intersexualität könnte das bald im Alltag real sein.

Von Ingrid Bertram, WDR

Es sind diese kleinen Dinge im Alltag, die für Luan (Anmerkung: Name von der Redaktion geändert) keine Lapalie sind: zum Beispiel bei der Buchung eines Hotels zwischen "Herr" oder "Frau" auswählen zu müssen. Oder bei einem  Behördengang im Formular "männlich" oder "weiblich" ankreuzen.

Die Gesellschaft ist in zwei Geschlechter aufgeteilt: Luan findet da nicht statt. Luan ist 34 und hat erst vor zwei Jahren bei einem Arzt die Gewissheit bekommen, dass Luan intersexuell ist. Das heißt, Luan hat eine genetisch bedingte Abweichung von der Norm, durch die beide Geschlechtsmerkmale ausgebildet werden.

Schätzungsweise 80.000 Menschen in Deutschland sind intersexuell. Im Kopf war das Luan schon länger klar, denn Luan wollte das Geschlecht im Personenregister austragen lassen, so dass an dieser Stelle amtlich nichts steht. Aber kein Geschlecht? Das ist nur die zweitbeste Möglichkeit. Die beste ist ein drittes Geschlecht, so wie es der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts ermöglichen soll.

Zugewiesenes Geschlecht: weiblich

Luan war als Kind ein Mädchen, zumindest hatten das Mediziner mal so festgelegt. Viele Kinder, deren Geschlecht bei Geburt nicht eindeutig erkennbar ist, werden einem Geschlecht zugewiesen, oft mit Hilfe von Operationen oder hormonellen Behandlungen.

Noch heute sind es in Deutschland 300 bis 500 Kinder im Jahr, die im Kleinkindalter an den Genitalien operiert werden, um danach möglichst eindeutig einen Penis oder eine Vulva zu haben, so Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß von der Uni Merseburg. Oft seien es schwerwiegende Eingriffe, die mit mehreren Operationen verbunden sind.

Die Kinder sind meist zu klein, um nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Die Eltern würden noch immer oft von Ärzten zu einer Operation gedrängt, so Sexualforscher Voß. Für Luan sind es Zwangsoperationen, für den Sexualforscher Voß zumindest überflüssige Eingriffe, die später zu schweren psychischen Belastungen führen können.

Mädchen mit Brusthaaren

Luan weiß nicht, ob Luan tatsächlich als Kleinkind operiert oder vielleicht hormonell behandelt wurde. Die Krankenakten existieren heute nicht mehr, da sie nach 30 Jahren vernichtet wurden. Mit 31 fing Luan an, danach zu forschen. Zu den Eltern hat Luan keinen Kontakt mehr.

Manchmal fällt die Intersexualität im Säuglingsalter noch nicht auf, sondern zeigt sich erst in der Pubertät. Bei Luan fing spätestens mit der Pubertät die Hänselei in der Schule an: ein Mädchen, das wie ein Junge aussieht, keinen Busen, sondern Brusthaare bekommt und einen breiten Rücken. Zumindest im Sport bekam sie Anerkennung: Im Basketball war Luan die beste Sportlerin der Stadt, schaffte es bis in die zweite Bundesliga.

Was ist Intersexualität?

Intersexuelle Menschen können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf.

Es gibt viele Varianten: So haben Menschen mit kompletter Androgeninsensitivität (CAIS) einen XY-Chromosomensatz und bilden im Embryonalstadium Hoden aus. Die körpereigenen Rezeptoren reagieren aber nicht auf die ausgeschütteten Androgene, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt. Beim Androgenitalen Syndrom (AGS) dagegen werden bei Embryos mit weiblichem XX-Chromosomensatz wegen einer Fehlfunktion der Nebennierenrinde zu viele Androgene ausgeschüttet. Betroffene kommen oft mit vergrößerter Klitoris zur Welt.

Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen schien. Selbsthilfeverbände wie der Verein "Intersexuelle Menschen" verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung. Mittlerweile empfehlen neue Leitlinien größte Zurückhaltung bei der Behandlung und eine Einbeziehung der Kinder.

(Quelle: dpa)

Tabu für die Frauenärztin

Von Intersexualität wusste Luan lange Zeit nichts. Als Luan mit 14 zur Frauenärztin ging, weil Luan mit dem eigenen Körper unglücklich war, bekam Luan lediglich eine Pille verschrieben, die den Busen wachsen ließ und den Monatszyklus regulierte.

Noch heute empört es Luan, dass die Frauenärztin damals die Option Intersexualität nicht in Erwägung zog. Mit der Pille war Luans Problem vielleicht physisch behandelt, aber psychisch wurde es zu einer immer größeren Belastung. Luan outete sich als lesbisch, aber auch in der Lesbenszene sei Luan nicht akzeptiert worden.

Beschluss ist kleine Revolution

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts bietet genau die Chance, die sich Luan und viele Intersexuelle erhofft haben. Die Einführung eines dritten Geschlechts. Es ist ein Symbol dafür, "dass es uns gibt", sagt auch Moritz Schmidt von der "Dritten Option", die vor dem Bundesverfassungsgericht für die Anerkennung gestritten haben. Jeder müsse sich jetzt damit auseinandersetzen: Mann, Frau und intersexuell.

Aber wer darf das festlegen? Das muss eine neue Gesetzgebung bis Ende 2018 regeln. Für Luan ist klar, das kann nur der Intersexuelle selbst. In manchen Fällen sei es nämlich der Medizin noch gar nicht möglich, die Intersexualität eindeutig zu diagnostizieren, so auch Sexualforscher Voß. Deswegen könnten Argentinien, Malta oder Kuba ein Vorbild sein: Dort kann jeder Betroffene bestimmen, ob er als "inter" oder "divers" ins Personenstandsregister eingetragen wird. Und es muss ein neues Pronomen her. Vorschläge gibt es schon: "ersie" oder "mensch".

Über dieses Thema berichtete am 08. November 2017 die tagesschau um 20:00 Uhr.

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