Ein Arzt schaut auf den Monitor | Johanna Wahl

Intensivstationen Sorge vor der Belastungsgrenze

Stand: 05.11.2020 13:19 Uhr

Die Zahl der Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern steigt. Das stellt die Intensivstationen vor Herausforderungen. Kann Personal von anderen Stationen helfen?

Von Johanna Wahl, SWR

Christian Mönchs Zeit ist knapp bemessen - abgehetzt kommt der Ärztliche Direktor und Chefarzt am Westpfalz-Klinikum zum Interview. 27 Corona-Infizierte werden derzeit am Westpfalz-Klinikum behandelt. 22 auf der Normalstation, fünf Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Die steigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland beunruhigen auch Mönch: "Meine Sorge ist, dass so viele Patienten kommen könnten, dass die Intensivstationen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen könnten," sagt er.

Johanna Wahl

Deutschlandweit ist die Zahl der Corona-Infizierten, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen, zuletzt auf 2587 gestiegen. Und die Zahl steigt nach wie vor.

Der bisherige Höchststand aus dem April, als 2933 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt waren, wird nach Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) noch im Laufe dieser Woche überschritten. Bis Ende des Monats rechnet die DKG gar mit einer weiteren Verdopplung der Zahlen, also mit bis zu 6000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen.

50 freie Plätze

"Die größte Sorge ist sicherlich, dass wir an die Belastungsgrenze kommen und wir das Nebeneinander von Regelversorgung und Covid-Patienten meistern müssen", sagt der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß. In den Häusern des Westpfalz-Klinikums ist aktuell ein Großteil der insgesamt knapp 90 Intensivbetten, die eine invasive Beatmungsmöglichkeit bieten, belegt.

Freie Intensivbetten ohne die Möglichkeit der künstlichen Beatmung durch Intubation gibt es derzeit um die 50. Um zusätzliche Intensivkapazitäten freizuhalten, hat das Westpfalz-Klinikum bereits damit begonnen, planbare, medizinisch nicht zwingend notwendige Operationen zu verschieben. "Wir wissen um unsere Aufgabe", sagt der Geschäftsführer der Westpfalz-Klinikum GmbH, Peter Förster.

Freihaltepauschalen für Betten gefordert

Aber kein Krankenhaus dürfe durch die Bereitstellung für Covid-Patienten finanzielle Nachteile haben. Konkret geht es um die Wiedereinführung sogenannter Freihaltepauschalen für Betten, die nicht belegt werden. Eine entsprechende Regelung vom Frühjahr ist vor Kurzem ausgelaufen. Mit dieser Problematik ist das Westpfalz-Klinikum nicht allein. Damit die Intensivstationen in Deutschland nicht überlastet werden, fordern die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Zurückfahren des Regelbetriebs an Krankenhäusern, also planbare Operationen zu verschieben.

Damit Krankenhäuser dadurch aber nicht an ihre wirtschaftlichen Belastungsgrenzen kämen, müsste das von der Politik gegenfinanziert werden, betont DIVI-Präsident Uwe Janssens. Hier sei man schon im Gespräch mit dem Bundesgesundheitsminister, so DKG-Präsident Gaß, und Jens Spahns Ankündigung, dass kein Krankenhaus durch die Pandemie finanziellen Schaden erleiden soll, sei ein wichtiges Signal. Die Gefahr, Patienten in Deutschland könnten tatsächlich beispielsweise keine überlebensnotwendige Beatmung bekommen, sieht die Deutsche Krankenhausgesellschaft derzeit nicht. "Auf einzelne Engpässe werden wir durch Verlegungen und Zusammenarbeit der Kliniken reagieren können."

Pflegepersonal von anderen Abteilungen?

Der DKG-Präsident hält es im aktuellen Ausnahmezustand für nötig, Pflegepersonal von anderen Abteilungen in den Intensivstation-Teams einzusetzen. Innerhalb einer Woche könnten Pflegekräfte mit Intensiverfahrung aus anderen Abteilungen auf der Intensivstation einsatzfähig sein, davon geht die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) aus.

Ein Tag theoretische Schulung und sechs Tage praktische Einarbeitung wären dafür allerdings notwendig. Am Westpfalz-Klinikum gibt es zusätzlich zu den insgesamt 176 regulären Intensivbetten eine Notfall-Reserve von knapp 30 weiteren Intensivbetten. Um die im Ernstfall auch wirklich nutzen zu können, wurde bereits Personal von anderen Stationen geschult.

Die Pflegedirektorin des Klinikums, Andrea Bergsträßer, hält diese geschulten Fachkräfte für relativ kurzfristig auf der Intensivstation einsetzbar. Aber es wäre in jeden Fall eine Herausforderung, sagt der Ärztliche Direktor Mönch: "Das ist maximale Anstrengung und nur für den absoluten Katastrophenfall, aber wenn wir den haben, sind wir natürlich bereit."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. November 2020 um 11:00 Uhr.