Ayse Yeter (l), Krankenschwester und Stationsleitung der Intensivstation für Covid-19 Patienten des Klinikum Stuttgart, versorgt in einem Patientenzimmer einen Covid-19-Patienten, der im künstlichen Koma liegt und beatmet wird. | dpa

Anstieg der Zahlen bis Januar Ärzte erwarten noch mehr Intensivpatienten

Stand: 22.12.2020 17:32 Uhr

Mediziner gehen davon aus, dass die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten bis in den Januar weiter steigen wird. Sie fordern jetzt eine gesetzliche Regelung für eine Triage-Situation, in der Ärzte entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Auf Deutschlands Intensivstationen wird die Lage in der Corona-Pandemie ungeachtet des derzeitigen Lockdowns in den kommenden Wochen extrem angespannt bleiben. Es werde bis in den Januar hinein eine "fortgesetzte Grenzsituation auf den Intensivstationen" geben, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)), Uwe Janssens, bei einer virtuellen Pressekonferenz. Das Hauptproblem seien nicht fehlende Intensivbetten, sondern das knappe Personal.

Die Intensivmediziner zeigten sich besorgt, wie sich die Situation nach Weihnachten entwickeln könnte. Die Zahlen auf den Intensivstationen würden weiter steigen - "egal, wie gut der Lockdown funktioniert", sagte der Sprecher des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Sie rechnen mit etwa 6000 Patienten - und damit etwa 1000 Menschen mehr als momentan. Die Mediziner hoffen, dass die Zahlen nach diesem Anstieg dann aufgrund des derzeitigen Lockdowns wieder fallen, sagte Karagiannidis.

Gesetzliche Regelung für Triage gefordert

Steffen Weber-Carstens von der Charité Berlin hob hervor, dass es im Moment nicht die Situation einer so genannten Triage in Deutschland gebe. Dies gelte auch für Sachsen, wo die Ansteckungszahlen derzeit besonders hoch sind. Von dort würden Patienten aber in andere Bundesländer verlegt, sagte Weber-Carstens - zum Beispiel nach Mecklenburg-Vorpommern.

Unter einer Triage wird verstanden, wenn Ärzte entscheiden müssen, welche Patienten sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten bevorzugt behandeln. Bei Corona-Patienten müssten die Ärzte demnach etwa entscheiden, wer zunächst an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht.

DIVI-Präsident Janssens forderte jetzt eine gesetzliche Regelung für Triage-Situationen in der Corona-Pandemie. Die derzeitige Rechtsunsicherheit sei für Ärzte "nicht gut zu ertragen". Sollte eine Priorisierung von Patienten notwendig werden, müssten Ärzte zurzeit zwar nach einem Mehr-Augen-Prinzip, aber "schlimmstenfalls aus dem Bauch heraus entscheiden". Dass bei einer Entscheidung möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen drohen, führe im Extremfall zu Handlungsunfähigkeit, monierte Janssens. Darum habe die DIVI die Empfehlung ausgesprochen, hier Rechtssicherheit zu schaffen.

"Kontakte an Weihnachten reduzieren"

Die Intensivmediziner mahnten die Bevölkerung eindringlich, über Weihnachten die Kontakte so weit wie möglich zu begrenzen. Die Menschen sollten in dem geringsten Maß wie irgendwie möglich Weihnachten feiern, sagte Janssens. Es werde ein "sehr hartes Weihnachtsfest" auch für die Pflegekräfte in den Kliniken. Janssens zeigte sich aber zugleich überzeugt, dass alle Corona-Patienten in Deutschland versorgt werden könnten.

Verlegung nach dem Kleeblattprinzip

Aktiviert ist den Ärzten zufolge nun die bundesweite Verlegung von Intensivpatienten nach dem Kleeblatt-Prinzip. Dabei bilden mehrere Bundesländer zusammen jeweils eins von fünf Kleeblättern als eigene Planungseinheiten. Die beiden bevölkerungsreichsten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen bilden jeweils ein eigenes Blatt. Das seit April entwickelte Konzept soll dazu dienen, überlastete Regionen und Krankenhäuser zu unterstützen, indem Patientengruppen woandershin verlegt werden.