Flüchtlingsunterkunft in Hannover | Bildquelle: picture alliance/dpa

Flüchtlinge in Deutschland Wie Corona zur Integrationshürde wird

Stand: 21.11.2020 04:28 Uhr

Sie müssen trotz Corona in Sammelunterkünften leben, die Arbeitssuche ist noch schwieriger, und Integrationskurse finden oft nur virtuell statt: Die Pandemie trifft Zuwanderer und Geflüchtete besonders hart.

Von Alexander Moskovic, SWR Mainz

Menschen, die nach Deutschland kommen und kein Deutsch sprechen, belegen in der Regel einen Integrationskurs. Beim Mainzer Weiterbildungsträger "Arbeit und Leben" besuchen 14 Frauen einen Frauen-Integrationskurs. Sie kommen aus Ländern wie Somalia, Syrien oder der Türkei und sollen hier vor allem die deutsche Sprache lernen.

Vor der Corona-Pandemie waren es noch 23 Kursteilnehmerinnen. Trotz größerer Räumlichkeiten, die mehr Abstand zwischen den Frauen zulassen, müssen nun einige fernbleiben. Denn Platz für eine parallellaufende Kinderbetreuung wie früher gebe es jetzt keinen mehr, sagt die zuständige Bildungsberaterin Sevda Firat. "Die Frauenkurse wurden vorrangig von Teilnehmerinnen besucht, die auf eine Kinderbetreuung angewiesen waren. Der Wegfall von Betreuungsmöglichkeiten führt zum Kursabbruch oder zwingt Teilnehmerinnen, den Kurs zu pausieren."

Online-Kurse kein gleichwertiger Ersatz

Viele Sprach- und Integrationsangebote finden seit der Pandemie virtuell statt und werden auch in dieser Form von der Bundesregierung gefördert. Auch der Mainzer Bildungsträger hat ein Online-Angebot. Zum Beispiel werde ein Teil der Berufssprachkurse virtuell unterrichtet. "Insgesamt werden die neuen didaktischen Möglichkeiten des Online-Unterrichts von den Lehrkräften sehr positiv aufgenommen", sagt Firat.

Ein kompletter Umstieg auf die virtuelle Integration sei vor allem für die Teilnehmerinnen des Frauen-Integrationskurses jedoch schwierig. "Sollten unsere Kurse nur noch digital stattfinden können, so bleiben unweigerlich einige Teilnehmende auf der Strecke." Grund dafür seien zum einen die fehlenden technischen Voraussetzungen, also fehlende Geräte oder Kenntnisse. Zum anderen hätten nicht alle Frauen zu Hause einen ruhigen Raum, in dem sie ungestört dem Online-Unterricht folgen könnten.

Probleme für Kinder im Home-Schooling

Auch die Kinder von Migranten liefen häufiger Gefahr, durch Online-Unterricht in der Schule abgehängt zu werden, sagt Memet Kılıç, Vorsitzender des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates. "Viele Eltern sind überfordert, weil sie nicht die nötigen sprachlichen und technischen Kenntnisse haben, um ihre Kinder beim Home-Schooling ausreichend zu unterstützen."

Deshalb warb er unter anderem für mehr individuelle Unterstützung in diesem Bereich beim vergangenen Integrationsgipfel Mitte Oktober. Das Problembewusstsein in der Politik sei da, sagt er. "Trotzdem hat man sich in Bezug auf Schulen keine langfristigen Gedanken gemacht. Wenn der Unterricht zu Hause nicht aufrechterhalten werden kann, funktioniert Integration nicht mehr."

Digital-Offensive angekündigt

Beim Gipfel kündigte Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz eine "Digital-Offensive für die Integration" an. Damit wolle man die Integrationschancen für Eingewanderte in der Corona-Krise sicherstellen. "Dazu zählen digitale Integrationskurse, virtuelle Klassenzimmer und gezielte Beratung in sozialen Netzwerken, um insbesondere auch Frauen beim Berufseinstieg und der Arbeitsmarktintegration zu unterstützen", sagt Elena Singer, Sprecherin der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Denn die Corona-Pandemie treffe gerade Menschen mit Einwanderungsgeschichte und Geflüchtete hart.

"Sie arbeiten oft in Branchen, die besonders mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu kämpfen haben, wie Handel, Logistik oder dem Gastgewerbe."

Integration durch Arbeit fehlt

Dass insbesondere Geflüchtete zurzeit schlechter Arbeit finden und dadurch schlechter integriert werden, merken auch Beraterinnen wie Antonia Plötz-Bernhardt. Beim Bildungsträger ProfeS in Landau in der Pfalz vermittelt sie Flüchtlinge in Arbeit. "Die Integration von Geflüchteten in den Arbeits- oder Ausbildungsmarkt gestaltet sich derzeit langsamer und schwieriger.

In vielen Bereichen, vor allem in der Pflege, sind zum Beispiel Praktika aufgrund der bestehenden Hygienerichtlinien kaum mehr möglich. Dabei sind Praktikumsplätze ein wichtiges Mittel auf dem Weg in den Arbeitsmarkt - vor allem für Personen, die noch keine Berufserfahrung in Deutschland vorweisen können, sagt sie. Auch die Einstellungsbereitschaft der Betriebe sei derzeit verhalten. "Der herbstliche Teil-Lockdown ist ein klarer Vorbote eines harten Winters."

Statistiken zeigen, dass seit Beginn der Pandemie Flüchtlinge und Migranten stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Deutsche. Dies gelte vor allem für diejenigen, die zurzeit in gefährdeten Branchen arbeiten, erklärt Yvonne Giesing, Migrationsforscherin vom ifo-Institut in München. Menschen mit ausländischem Pass in systemrelevanten Berufen seien davon jedoch ausgenommen. Hier seien Migranten überrepräsentiert. "Die Kassierer im Supermarkt sind mit höherer Wahrscheinlichkeit Ausländer. Und auch im Pflegebereich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man Migranten antrifft."

Schlechtes Jahr für Integration

Aus Sicht der Migrationsforscherin war das Jahr 2020 ein schlechtes Jahr für die Integration. "So, wie für viele andere Bereiche." Besonders bei der Unterbringung von Flüchtlingen habe man gesehen, dass Sammelunterkünfte während einer Pandemie in vielerlei Hinsicht problematisch seien. Die Menschen dort seien isoliert, hätten keine feste Tagesstruktur und zu wenige Möglichkeiten, Integrationsangebote wahrzunehmen. "Deshalb brauche es in solchen Unterkünften einen unbürokratischen Zugang zu Internet und Laptops, zum Beispiel durch Computerräume", meint Giesing.

Auch Integration durch Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern oder gemeinsamer Sport mit Einheimischen im Verein fallen aufgrund der Kontaktbeschränkungen zurzeit weg. Langfristig würde das der Gesellschaft schaden, davon ist auch Kılıç vom Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat überzeugt. "Rassismus ist eine Krankheit, die man durch Begegnungen heilen kann. Wenn wir diese Begegnungsmöglichkeiten nicht schaffen, ziehen Menschen sich zurück und pflegen ihre Vorurteile. Das müssen wir gemeinsam verhindern."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. November 2020 um 13:00 Uhr.

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