Insekten sammeln sich auf der Blüte eines Doldenblühers. | dpa

Sonderprogramm Regierung will Insektensterben stoppen

Stand: 04.09.2019 14:51 Uhr

Die Regierung will mit einem Sonderprogramm dem dramatischen Insektensterben entgegenwirken. Unter anderem soll dafür Glyphosat in der privaten Anwendung verboten werden.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Eine lange Frühstückstafel ist im Garten des Bundesumweltministeriums aufgebaut. Doch einmal längs auf dem Tisch läuft ein Schnitt: auf der rechten Seite eine graue Plastikdecke, rohe Kartoffeln, Brot, Plastikblumen. Links ein weißes Stofftischtuch, bunte frische Blumen, viel Obst, Milch, Marmelade, Kuchen.

Angela Ulrich ARD-Hauptstadtstudio

Das eine wäre ein Frühstück ohne Insekten, das andere mit, sagt Umweltministerin Svenja Schulze, bevor sie sich Kaffee einschenkt und in ihr Kuchenstück beißt: "Das würde bedeuten: ohne Bestäuber würde es schwierig werden mit Blumen. Dann gibt es nur noch dieses Plastikzeug hier." Ohne Bestäuber wäre das mit dem ganzen Obst schwieriger, auch im Kuchen, es wäre deutlich weniger Obst vorhanden, erklärt die Ministerin.

Langes Ringen mit dem Agrarministerium

Das will Schulze nicht länger mit ansehen und hat ihr Aktionsprogramm Insektenschutz auf den Weg gebracht. Lange hat die SPD-Politikerin darum mit dem CDU-geführten Agrarministerium gerungen.

Jetzt soll es mehr Geld, mehr Schutzräume, und langfristig einen Ausstieg aus Pestizid-Nutzung wie Glyphosat geben, um dem Insektensterben entgegenzuwirken.

Glyphosat könne man ja erst verbieten, wenn europaweit die Genehmigung auslaufen, das sei erst 2023 der Fall, so Schulze. "Aber auf dem Weg dahin werden wir festlegen, dass es deutlich weniger Pflanzengift geben wird."

"Nur vage Absichtserklärungen im Programm"

Rund drei Kilometer entfernt, vor dem Kanzleramt, stehen unterdessen Naturschützer in Hummel- und Schmetterlingskostümen. "Insekten verstummen - lass es wieder brummen", skandieren sie, und halten ein Transparent in die Höhe.

Olaf Bandt vom BUND geht das nicht weit genug, was die Umweltministerin in ihrem Aktionsprogramm Insektenschutz auf den Weg bringt. Die Insekten würden nicht nur in Schutzgebieten leben, sondern bräuchten in der normalen Agar- und Landwirtschaft Lebensräume. "Die muss man gestalten, man muss Landwirte dafür fordern, dass sie die einrichten können." Da seien nur vage Absichtserklärungen im Programm, stellt der Naturschützer fest.

Auch den Ausstieg aus dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat hätte sich der BUND deutlich früher gewünscht. Doch Umweltministerin Schulze will sich ihr Aktionsprogramm nicht kleinreden lassen, weder von Umweltschützern noch vom Bauernverband. Auch der ist kritisch.

Tierwohllabel vorgestellt

Im Agrarpaket stellt Landwirtschaftsministerin Klöckner auch noch das neue staatliche Tierwohl-Label vor. Es soll den Kunden helfen, zu erkennen, unter welchen Bedingungen Schweine - später auch Hühner oder Rinder - zu Lebzeiten gehalten wurden.

Außerdem ging es im Kabinett um Agrarsubventionen. Hier wird künftig ein wenig mehr die Nachhaltigkeit statt der reinen landwirtschaftlichen Fläche honoriert.

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KOMMENTARE

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DoJo 04.09.2019 • 19:31 Uhr

Es ist schon viel zu spät für verordnete Programme,

denn bis die entsprechenden Gesetze beschlossen UND abgesegnet worden sind gehen wieder einige Jahre ins Land. Inzwischen wird auch den letzten Insekten der Garaus gemacht, da Nikotinoide verschiedenster Art ihr Unwesen im Nervensystem der Insekten treiben. Es gibt auch hier einen gewissen Kipp-Punkt, ab dem es zu spät ist, einzugreifen. Die verschiedenen Agrarminister/innen aus der (vorwiegend) CDU/CSU haben in den letzten Jahrzehnten nur für die Agrarlobby gearbeitet und die Agrarwirtschaft industriealisiert (siehe Seehofer ab 2005). Insekten und sog. Unkraut waren da eher lästig und wurden mit Stumpf und Stiel mit Chemie bekämpft. Dass ausgerechnet Frau Klöckner (CDU) nun so tut, als wolle sie zusammen mit Frau Schulze (SPD) die Umwelt retten, das grenzt schon an Unverschämtheit, denn bisher hat sie sich gegen alles in dieser Richtung gewehrt. Sie ist nicht mal willens, die sehr sinnvolle Lebensmittel-Ampel einzuführen, obwohl viele europ. Länder dies schon realisiert haben.