Bundeswehrsoldaten

"Zentrum Innere Führung" der Bundeswehr wird 60 Ja-Sager machen Karriere

Stand: 30.06.2016 02:22 Uhr

Das Prinzip der "Inneren Führung" wurde einst als Reaktion auf den Kadavergehorsam deutscher Soldaten in der Nazizeit entwickelt. Es gilt als Kern des Selbstverständnisses der Bundeswehr. Doch im Alltag spiele es kaum noch eine Rolle und verkomme zum Lippenbekenntnis, sagen Kritiker.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Nicht weit vom deutschen Eck, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, steht auf der Pfaffendorfer Höhe in Koblenz das "Zentrum Innere Führung" - ein schmuckloser Bürobau, der eher an Versicherung als an Kaserne erinnert. Wenn Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dort heute ihre Festrede zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr-Denkfabrik hält, dann wird viel vom "Staatsbürger in Uniform", von den Streitkräften in der Demokratie und der engen Verknüpfung von Bundeswehr und Gesellschaft die Rede sein.

Denn das Prinzip der "Inneren Führung" ist so etwas wie die DNA der bundesdeutschen Nachkriegsstreitkräfte. Grob vereinfacht ist es die Umsetzung des Menschenbildes des Grundgesetzes als verbindliches Leitbild für die Soldaten der Bundeswehr - mit Menschenwürde, Gleichheit und demokratischen Grundwerten. Jeder, der die Uniform der Streitkräfte trägt, soll gleichzeitig freier Mensch, verantwortungsbewusster Staatsbürger und einsatzbereiter Soldat sein.

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Gehorsam ja, aber auch Widerspruch ist in der Bundeswehr erwünscht.

Befehle dürfen keine Straftaten beinhalten

Das Prinzip, das wesentlich von General Wolf Graf von Baudissin entwickelt wurde, sollte eine Reaktion auf den kritiklosen Kadavergehorsam von Soldaten in der Nazizeit sein. Es wurde die Grundlage für das Soldatengesetz, in dem unter anderem festgeschrieben ist, dass die Truppe keine Befehle ausführen darf, die Straftaten beinhalten. Keiner soll sich mehr darauf zurückziehen können, "nur Befehle befolgt" zu haben.

Die Bundeswehr soll, anders als die Wehrmacht, niemals Ausführungsgehilfe einer menschenverachtenden Politik werden und stattdessen fest verankert in Gesellschaft und Demokratie stehen. Die Grundrechte von Soldaten werden deshalb nur eingeschränkt, wenn es für die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte erforderlich ist.

Natürlich kann eine Armee nicht ohne das Prinzip von Befehl und Gehorsam funktionieren und im Gefecht ist wenig Platz für Basisdemokratie. Doch in weniger dramatischen Lagen ermuntert die Innere Führung jeden Soldaten, Befehle auch konstruktiv zu hinterfragen. Und in der Freizeit, wenn die Uniform im Schrank hängt, können und sollen sich Soldaten auch politisch engagieren und äußern.

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Den Eid auf Hitler geschworen: Die Wehrmacht spielte eine zentrale Rolle bei den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Schadet Kritik der Karriere?

Doch wie viel Widerspruchsgeist und Zivilcourage steckt in den heutigen Militärs? Egon Ramms, jahrelang Deutschlands höchster NATO-General und selten um ein offenes Wort verlegen, hat seine Zweifel: "Offiziere haben die Pflicht als militärische Ratgeber, auch mal unliebsame Tatbestände bei ihren Vorgesetzten anzusprechen." Doch das passiere kaum noch, denn "es könnte ja der Karriere schaden".

Ramms, der immer noch als Mentor in der Ausbildung von Generalstabsoffizieren der Bundeswehr tätig ist, erzählt im Gespräch mit tagesschau.de, diese Haltung habe er bei weit über der Hälfte der Lehrgangsteilnehmer an der Hamburger Führungsakademie angetroffen. Die personelle Auswahl sei schlecht, klagt Ramms: "Wir fördern die falschen Leute."

Anders formuliert: Stromlinienförmige Ja-Sager machen Karriere, kritische Geister werden ausgebremst und verlassen die Streitkräfte frustriert. "Damit haben wir eine Entwicklung, die den Sinn der Inneren Führung unterläuft und dazu noch charakterschwache Leute nach oben spült", sagt Ramms.

Eine Frage der Verantwortung

Ähnliche Erfahrungen hat auch ein Stabsoffizier gemacht, der als Dozent jahrelang am Koblenzer "Zentrum Innere Führung" diente. Das Zentrum forscht zu gesellschaftlichen Fragen wie etwa Homosexualität in den Streitkräften, moderne Führungsphilosophie oder interkulturelle Kompetenz und vermittelt das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform auch in Lehrgängen.

Der Offizier, der anonym bleiben möchte, ist desillusioniert: "Die Innere Führung hat im Bewusstsein vieler Soldaten deutlich an Bedeutung verloren, sie wird kaum noch gelebt und spielt im Alltag eine immer kleinere Rolle", sagt er. Es herrschten Politikverdrossenheit und Misstrauen gegenüber der militärischen und politischen Führung: "Die Unteroffiziere beklagen, dass sich die Offiziere nur noch um ihre Karriere kümmern, dass Entscheidungen ausgesessen und keine Verantwortung mehr übernommen wird."

Schatten von Bundeswehrsoldaten, die zu einem Appell angetreten sind.
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Wer übernimmt noch Verantwortung? Viele Bundeswehrsoldaten sind enttäuscht von ihrer Führung.

Eine Errungenschaft im Niedergang

Droht das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform also zum reinen Lippenbekenntnis für ritualisierte Feierstunden zu verkommen? Auch Rainer Glatz, jahrelang als Befehlshaber des Einsatzführungskommandos für alle Auslandsmissionen der Bundeswehr verantwortlich, macht sich Sorgen: "Die Innere Führung ist eine unserer größten Errungenschaften - sie darf nicht verloren gehen. Aber das bedeutet nicht nur Mut zu haben, sich im Rahmen der Möglichkeiten zu äußern, sondern es braucht auch in der Gesellschaft und bei Vorgesetzten eine Akzeptanz gegenüber solchem Verhalten und eine gewisse Fehlertoleranz."

Das werde nicht in ausreichendem Maße gelebt, mahnt Glatz, der in seiner Dienstzeit immer wieder auch öffentlich die Politik kritisierte. So forderte er im Zusammenhang mit der Anti-Piraterie-Mission der Deutschen Marine am Horn von Afrika die politische und polizeiliche Austrocknung von Geldflüssen und die Einführung eines Seestrafgerichtshofes. Die militärische Operation allein könne kaum mehr als an Symptomen herumdoktern, mahnte Glatz damals.

Heute gibt es kaum noch Generäle, die auch in der Öffentlichkeit selbstbewusst gegenüber der Politik agieren und auch die engen Grenzen militärischen Handels aufzeigen. Für den früheren Dozenten und Stabsoffizier am Zentrum Innere Führung eine fatale Entwicklung, denn "wenn die Führung selbst nicht mit gutem Beispiel vorangeht, warum sollen es dann die Untergebenen tun"?

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