Schmähplastik "Judensau" an der Stadtkirche Wiitenberg.  | dpa

Verhandlung des BGH Muss das antisemitische Relief "Judensau" weg?

Stand: 30.05.2022 17:07 Uhr

Eine Sau säugt zwei Menschen - ein dritter schaut ihr in den After: Der Bundesgerichtshof hat darüber verhandelt, ob die Schmähplastik "Judensau" in Wittenberg entfernt werden muss.

Von Michael-Matthias Nordhardt und Jan Henrich, ARD-Rechtsredaktion

Worum geht es in dem Fall?

Es geht um die Frage, ob die "Wittenberger Sau", ein antisemitisches Relief an der Außenfassade der Wittenberger Stadtkirche, entfernt werden muss. Etwa seit dem Jahr 1290 prangt das Motiv an der Außenfassade der Kirche: eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen - durch ihre Spitzhüte sollen sie als Juden erkannt werden. Eine dritte Figur - laut BGH ein Rabbiner - hebt den Schwanz der Sau und blickt ihr in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Später hatte in Wittenberg Martin Luther gepredigt und im Jahr 1543 zwei antijüdische Schriften veröffentlicht. Ein Verweis auf diese Schriften wurde der Plastik im Jahr 1570 hinzugefügt. Solche Schmähbilder waren besonders im Mittelalter verbreitet. In Deutschland gibt es noch einige Dutzend davon.     

   

Michael Nordhardt

Wie kommt es, dass der BGH über den Fall entscheidet?

Michael Düllmann ist 79 Jahre alt und vor etwa 45 Jahren zum Judentum konvertiert. Er fühlt sich durch die Steinplastik beleidigt und in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt. Deshalb hat er geklagt - mit dem Ziel, dass die "Judensau" entfernt wird. Doch es geht ihm nicht nur um Persönliches: "Die 'Judensau' ist ein Mordaufruf und nicht nur eine Beleidigung. Die Geschichte hat das wieder und wieder bewiesen, dass es bei einer Beleidigung nicht geblieben ist", sagte er der ARD-Rechtsredaktion am Rande der Verhandlung vor dem BGH. Und: "Die Orte mit antijüdischen Bildnissen sind Wallfahrtsorte für die Rechtsradikalen." Die "Judensau" gehöre deshalb in ein Museum. In den ersten beiden Instanzen war Düllmann mit seiner Klage gescheitert. Jetzt verhandeln die höchsten deutschen Zivilrichterinnen und -richter in Karlsruhe über den Fall.      

Wie argumentiert die Kirche in dem Fall?

Die Beklagte in dem Fall, die Stadtkirche Wittenberg, möchte die "Judensau" nicht entfernen lassen. Auch sie sieht, dass die Plastik Juden verschmäht. Allerdings hatte die Gemeinde Ende der 1980er-Jahre unterhalb des Reliefs eine in Bronze gegossene Bodenplatte eingelassen. Zusammen mit einer Erklärtafel werde damit heute auf den antisemitischen Kontext der Schmähplastik hingewiesen. Deshalb wehrt sich die Kirche gegen den Vorwurf der Beleidigung uns sieht das Ensemble vor Ort als Mahnmal. Nach der Verhandlung sagte der Pfarrer der Wittenberger Gemeinde, Matthias Keilholz: "Wenn diese Skulptur verschwinden würde, würde dieses Erinnern, dieses Mahnen mit der Zeit auch verschwinden."

Um welche Punkte ging es in der Verhandlung?

Der Vorsitzende Richter ließ keine Zweifel aufkommen: Das Sandsteinrelief sei "in Stein gemeißelter Antisemitismus", sagte er in der Verhandlung. Es sei bei seiner Entstehung und in den folgenden Jahrhunderten massiv diffamierend und eine Verächtlichmachung von Juden gewesen.

Für sich genommen verletze es den Kläger auch heute noch in seinem Persönlichkeitsrecht. Bei der Frage, ob die Schmähplastik entfernt werden müsse, komme es allerdings darauf an, wie ein "unvoreingenommenes Publikum" das Gesamtensemble vor Ort wahrnehme. Entscheidend dürfte sein, ob die Bodenplatte und die Erklärtafel die Plastik zum Mahnmal für die Judenverfolgung machen und so die diffamierende Wirkung entfällt. Die Richterinnen und Richter wollen auch prüfen, ob sich die Kirche damit ausreichend vom Aussagegehalt der Plastik distanziert hat.            

Welche Wirkung könnte von der Entscheidung ausgehen?

Über die "Wittenberger Sau" hinaus könnte sich die Entscheidung auch auf andere ähnliche Fälle auswirken - wenn der BGH allgemeine Regeln zum Umgang mit solchen antisemitischen Darstellungen aufstellt. In Deutschland gibt es noch einige Dutzend vergleichbare Schmähungen an Kirchengebäuden.

 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 30. Mai 2022 um 06:17 Uhr.