Ein Mehrfachraketenwerfer des Typs Mars II der Bundeswehr | dpa

Lambrecht zu Waffenlieferungen Raketenwerfer und Dingos für Kiew

Stand: 15.09.2022 17:24 Uhr

Wie wichtig schwere Waffen sind, hat die erfolgreiche Offensive der ukrainischen Armee gezeigt. Verteidigungsministerin Lambrecht kündigte nun weitere Lieferungen an. Die geforderten Kampfpanzer sind aber nicht dabei.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Der Druck auf die Bundesregierung, der Ukraine noch deutlich schneller mit schweren Waffen zu helfen, war zuletzt gewaltig gewachsen. Die reagiert nun mit dem Versprechen weiterer Lieferungen - wenn auch nicht von Kampf- oder Schützenpanzern. Zwei weitere Mehrfachraketenwerfer vom Typ MARS II wird die Ukraine erhalten und dazu 200 Raketen an Munition. Dies hat Verteidigungsministerin Christine Lambrecht nun angekündigt.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Lieferungen werden Bundeswehr nicht schwächen"

Die nötige Ausbildung für die ukrainische Besatzung werde noch im September beginnen, betonte die SPD-Politikerin. Deutschland hatte dem angegriffenen Land bereits drei Artilleriesysteme dieser Bauart geliefert.

Außerdem bekommt die Ukraine erstmals gepanzerte Fahrzeuge vom Typ Dingo aus Deutschland - insgesamt 50 Stück. Dieses bewaffnete Transportfahrzeug war von der Bundeswehr etwa in Afghanistan insbesondere für Patrouillen genutzt worden.

"Diese Lieferungen werden die Bundeswehr nicht schwächen", war es Ministerin Lambrecht ein Anliegen zu unterstreichen.

Kein Wort zu geforderten Panzern

Auf die zuletzt immer lauter werdenden Forderungen auch aus der Ampelkoalition, der Ukraine auch direkt Kampf- oder Schützenpanzer zu liefern, die das Land für die Rückeroberung weiterer Gebiete braucht, ging die Verteidigungsministerin zunächst nicht ein. Die Ankündigungen Lambrechts dürften der Versuch sein, den Druck auf ihr Ministerium und auf den Bundeskanzler zu mindern.

Auch stehe der mit Griechenland geplante "Ringtausch" Zentimeter vor dem Abschluss, kündigte Lambrecht an. Man stehe im "mutigen Kampf der Ukrainer klar an ihrer Seite", befand die Ministerin: "Und es macht Mut zu sehen, welche Erfolge die Ukraine gerade in den letzten Tagen, auch mit Hilfe deutscher Waffen, erzielen konnte."

Im Zuge dieser Geländegewinne im Osten und Süden hatte die Regierung in Kiew von Deutschland ganz konkret Kampf- und Schützenpanzer gefordert - um diese Gebiete halten und weitere von Russland zurückerobern zu können.

Es wäre ein Fehler, Russland zu unterschätzen

Generalinspekteur Eberhard Zorn hatte mit Äußerungen im "Focus" für Aufsehen gesorgt, man solle diese Erfolge nicht überbewerten. Eine Einschätzung, die der ranghöchste deutsche Soldat auf der Bundeswehrtagung zu untermauern suchte, schließlich sei die Front 1300 Kilometer lang: "Eine großangelegte Gegenoffensive auf der gesamten Breite dieser langen Front sehen wir derzeit nicht", sagte Zorn. "Russland hat zwar infolge der erfolgreichen ukrainischen Gegenangriffe vorerst die Initiative verloren, hält aber nach unseren Erkenntnissen an seinen Zielen in der Ukraine fest."

Auch wenn etwa 60 Prozent von Putins Landstreitkräften im Ukraine-Krieg gebunden seien, verfügten vor allem die russische Marine und Luftstreitkräfte noch über ungebundene Kapazitäten, mahnte Zorn. "Wir müssen den Fokus weiten und uns auch auf andere Szenarien vorbereiten." Soll heißen: Es wäre ein Fehler, Russland zu unterschätzen. Die Landes- und Bündnisverteidigung hat für den Generalinspekteur wieder oberste Priorität.

"Momentan noch im freien Fall"

"Die Bundeswehr in der Zeitenwende", so ist die Tagung in Berlin betitelt, auf der am Freitag auch der Kanzler sprechen soll. Und bei der sowohl die Verteidigungsministerin als auch der ranghöchste deutsche Soldat, das 100-Milliarden-Euro-Paket lobten, das zu einer besser ausgerüsteten Bundeswehr führen soll.

"Momentan sind wir noch im freien Fall", befand allerdings der Chef des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, im ARD-Morgenmagazin. Soll heißen: Der Rettungsschirm ist der Truppe mit dem 100-Milliarden-Paket zwar umgeschnallt.

Doch geöffnet hat sich der noch nicht: Bis das Geld wirklich ausgegeben wird und die Truppe das nötige Material bekommt, wird es noch dauern. Der F35-Kampfjet und der schwere Transporthubschrauber sollen zum Beispiel erst im Jahr 2026 geliefert werden.

Dass es mit Geld nicht getan ist, sondern eine Reform - der Beschaffung etwa - unabdingbar ist, gehört mittlerweile zu den Binsenweisheiten. Bis die "Zeitenwende" bei den Soldatinnen und Soldaten nachhaltig spürbar wird, dürfte es also noch eine Weile dauern. Und ob die neuen Waffenlieferungsankündigungen für die Ukraine wirklich die offenen Fragen aus der Ampel an Kanzler und Verteidigungsministerin zum Verklingen bringen, ist zweifelhaft.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 26. Juni 2022 um 16:05 Uhr.