Proben stehen im Labor für Corona-Varianten in der Universitätsmedizin Greifswald für die Suche nach neuen Varianten und Mutationen des Corona-Virus bereit. | dpa
FAQ

Alpha, Delta, Omikron Wettlauf der Corona-Varianten

Stand: 16.01.2022 11:21 Uhr

Omikron hat das Infektionsgeschehen in Rekordzeit dominiert. Warum konnte sich die Virusvariante so schnell durchsetzen? Was droht noch? Und was ist eigentlich aus Alpha und Delta geworden?

Von Rebecca Stegmann, SWR

Vor etwas mehr als zwei Jahren wurde das Coronavirus das erste Mal sequenziert. Seitdem ist der Erreger bereits tausendfach mutiert, aber nur wenige Virusvarianten haben den Verlauf der Pandemie bestimmt.   

Alpha, Delta, Omikron: Wer verdrängte wen?

Die Ursprungsform des Coronavirus wird Wildtyp genannt. Doch der spielt in Deutschland keine Rolle mehr für das Infektionsgeschehen. Seit Beginn der Pandemie wurde der Wildtyp von mehreren Varianten abgelöst: Anfang 2021 setzte sich die zunächst in Großbritannien nachgewiesene Alpha-Variante durch, sie führte im Vergleich zum Wildtyp von SARS-CoV 2 zu schwereren Krankheitsverläufen und war leichter übertragbar. Doch auch Alpha wurde von einer noch infektiöseren Variante abgelöst: Die Delta-Variante trat in Deutschland erstmals Ende April 2021 auf und wurde innerhalb weniger Monate dominant. 

Ende November 2021 wurden die ersten Corona-Fälle mit der Omikron-Variante in Deutschland gemeldet, infiziert waren Reiserückkehrer aus Südafrika. Die Omikron-Variante weist mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein auf. Omikron ist nicht nur noch deutlich ansteckender als Delta, sondern entgeht dem Impfschutz zu einem gewissen Grad. Zurzeit sind Delta und Omikron zusammen für fast 100 Prozent der Infektionen in Deutschland verantwortlich, davon gehen laut dem zuletzt veröffentlichten RKI Wochenbericht inzwischen 73,3 Prozent aller Infektionen auf Omikron zurück.

Wie konnte Omikron die Delta-Variante so rasant verdrängen?

Omikron sei eine Flutwelle, die von West nach Ost über Europa hinwegfege, beschrieb der WHO-Regionaldirektor Hans Kluge die aktuell vorherrschende Virusvariante. Hochrechnungen zufolge könnten sich in den kommenden zwei Monaten über die Hälfte der Europäer mit Omikron anstecken. Kaum sieben Wochen nachdem Omikron von der Weltgesundheitsorganisation als besorgniserregend eingestuft wurde, dominiert die Variante das Infektionsgeschehen.

Das besondere an Omikron sei, dass die Variante so ansteckend ist, erklärt Richard Neher, Professor für Virusevolution an der Universität in Basel. "Wenn eine neue Variante Menschen mit existierender Immunität wieder infizieren kann, wie das bei Omikron der Fall ist, dann 'boostert' eine Infektion auch die Immunität gegen bisherige Varianten." So reduziere die Zirkulation von Omikron die Zahl der Menschen, bei denen sich diese "alten" Varianten verbreiten können, sie wird durch die neue Variante unterdrückt.

Neher hält die Prognose der WHO, dass sich bald über die Hälfte der Europäer mit Omikron angesteckt haben könnten, für realistisch. Die rasante Verbreitung der Omikron-Variante könnte den Übergang von der Pandemie zur Endemie beschleunigen. Aber er warnt vor einem Missverständnis: "Endemisch bedeutet nicht, dass die Krankheit irrelevant oder harmlos wird." In einer Endemie sei das Virus weiterhin dauerhaft präsent, allerdings gebe es weniger Infektionswellen.

Gibt es noch andere gefährliche Varianten?

Insgesamt ordnet die WHO fünf Coronavirus-Varianten als "besorgniserregend" ein. Neben Alpha, Delta und Omikron sind das Beta, früher als "südafrikanische Variante" und Gamma, früher als "brasilianische Variante" bezeichnet. Beide wurden in Deutschland bislang nur selten nachgewiesen. Außerdem beobachtet die WHO zurzeit zwei weitere Varianten. Die könnten ansteckender sein oder den bereits erworbenen Immunschutz umgehen. Diese beiden Varianten, Lambda und Mu, sind hierzulande nur vereinzelt aufgetreten.

Wird es noch weitere Virusvarianten geben?

Die Ursache für die verschiedenen Coronavirus-Varianten sind Mutationen - zufällige "Kopierfehler" in der Erbinformation des Virus, die bei der Vermehrung in den Körperzellen entstehen. Viren mutieren immer und von SARS-CoV-2 sind bereits Tausende Mutationen bekannt. Meistens beeinflussen diese Mutationen die Eigenschaften des Erregers nicht. Problematisch können neue Varianten werden, wenn sie zu schweren Krankheitsverläufen führen, extrem ansteckend sind oder die Impfungen nicht mehr vor einer Erkrankung schützen. Veränderte Eigenschaften allein machen eine Variante nicht gefährlich, wichtig ist, wie stark sie sich verbreiten kann.

"Von den allermeisten Varianten geht allerdings keinerlei Gefahr aus, einfach weil sie sich nicht weiter ausbreiten", sagt Neher. Berichte von neuen Varianten seien oft Strohfeuer. Neue Virusvarianten werden von der WHO überwacht und falls nötig als "unter Beobachtung stehend" oder besorgniserregend eingestuft.

Bei der in Frankreich aufgetauchten Variante B.1.640.2, die aufgrund vieler Mutationen vor Kurzem für Aufregung sorgte, hat die WHO inzwischen Entwarnung gegeben. Die Variante scheint sich nicht weiter zu verbreiten.

Anders war das bei der Entdeckung der Omikron-Variante: Hier ahnten Fachleute auf der ganzen Welt schnell, dass sie den weiteren Verlauf der Pandemie verändern wird: "Omikron war überraschend," sagt Neher von der Uni Basel. "Wir haben plötzlich dieses Virus gesehen, das sich an mehr als 30 Positionen von anderen Varianten unterscheidet. Das war ein großer Sprung." Und der sprunghafte Anstieg der Infektionen in Südafrika deutete bereits im November darauf hin, dass die Omikron-Variante deutlich ansteckender war als alle bisherigen Coronaviren.

Deltakron - ist eine kombinierte Variante möglich?

Diese Nachricht ließ viele vor Kurzem aufschrecken: Ein Professor der Universität Zypern behauptet, eine Misch-Variante, die Eigenschaften von Delta und Omikron aufweise, nachgewiesen zu haben. Er nannte sie Deltakron. Neher und andere Experten gehen jedoch davon aus, dass diese Variante nicht existiert, sondern durch eine Verunreinigung bei der Sequenzierung erklärt werden kann.

Prinzipiell möglich ist laut Neher eine Kombination aus Delta- und Omikron-Variante jedoch. Solche "rekombinanten" Viren können entstehen, wenn zwei verschiedene Viruslinien die gleiche Person infizieren.

Auch Christian Drosten sprach Anfang Januar im Podcast Coronavirus-Update des NDR von Rekombinanten. In einigen Konstellationen hätten diese gekreuzten Viren gewisse Vorteile. "Vielleicht zirkulieren bis zum nächsten Winter auch rekombinante Viren aus Omikron und Delta oder anderen Herkünfte." Es sei denkbar, dass diese Viren dann schwere Erkrankungen auslösen könnten, wie die Delta-Variante und gleichzeitig Eigenschaften von Omikron trügen.

So ein Mosaik von Eigenschaften, ist laut Neher für Coronaviren nicht ungewöhnlich. Bislang hätten solche rekombinanten Viren aber wenig zum Pandemiegeschehen beigetragen.

Was bringt die Zukunft?

"Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Virus weiter verändert", sagt Neher. Dabei gibt es aber noch viele Unklarheiten. Etwa, ob sich SARS-Cov-2 weiter so sprunghaft verändert, wie zuletzt bei der Omikron-Variante, oder eher langsam und kontinuierlich. Neher geht davon aus, dass Corona in den nächsten Jahren in Wellen auftauchen wird, ähnlich wie die Grippe. "Aber was tatsächlich nicht klar ist: Werden diese Wellen dreimal oder doppelt so schlimm wie die normale Grippewelle oder nur halb so schlimm?"

Während bei der Grippe ein gewisses Gleichgewicht mit der Immunität der Menschen bestehe, wisse man bei Corona noch nicht viel dazu, wie sich das Virus vor dem Hintergrund von Impfung und vorheriger Infektion verhält. "Mit Omikron ist es jetzt zum ersten Mal so, dass sich viele Geimpfte und Genesene infizieren werden. Und wir sehen einen klaren Unterschied zu vorherigen Wellen. Das macht in gewisser Weise Hoffnung: Diese Wiederinfektionen oder Impfdurchbrüche sind sehr viel milder, das heißt, der Impfschutz vor schweren Verläufen ist robust."