Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht während einer Pressekonferenz in der Antonow Flugzeugfabrik. | dpa
Analyse

Selenskyj-Besuch in Berlin Die Suche der Ukraine nach Beistand

Stand: 12.07.2021 11:53 Uhr

Die Beziehungen zwischen der Ukraine und Deutschland sind nicht ohne Spannungen - und dennoch wohl so eng wie noch nie. Staatspräsident Selenskyj wird bei seinem Besuch aber nicht jeden Wunsch erfüllt bekommen.

Von Stephan Stuchlik, ARD-Hauptstadtstudio

Es war ein Bild für die Geschichtsbücher und eine Wende in der deutschen Außenpolitik: Angela Merkel und der damalige französische Präsident François Hollande 2015 im riesigen Minsker Präsidentenpalast auf dem Weg zum Treffen mit den ukrainischen und russischen Präsidenten, Petro Poroschenko und Wladimir Putin. Russland hatte kurz zuvor die Krim annektiert und danach tatkräftig mitgeholfen, die Ostukraine in ein Kriegsgebiet zu verwandeln.

Stephan Stuchlik ARD-Hauptstadtstudio

Der Minsker Vertrag bremste nicht nur die russischen Ambitionen, er rückte die Ukraine endgültig ins Bewusstsein der deutschen Politik. "Seither sind die Beziehungen zwischen Berlin und Kiew intensiv geworden", sagt Wilfried Jilge vom Zentrum für internationale Friedenseinsätze, "man kann davon sprechen, dass die Ukraine einen Schwerpunkt der deutschen Außenpolitik bildet."

Deutschlands Expertise

In der Folge des Schocks von 2014 wurde im Auswärtigen Amt ein Ukraine-Arbeitsstab eingerichtet und Deutschland hat mittlerweile eine hohe Expertise, was das Land betrifft. Das, sagt Jilge, liege vor allem daran, dass man sich mittlerweile um eine breite Palette von Politikfeldern in der Ukraine kümmere. "Deutschland versucht, die Rechtsstaatsreform zu unterstützen und mit der Reform der Dezentralisierung die kommunale Selbstverwaltung zu stärken und so auch den Elitewechsel von unten zu fördern", so Jilge.

Wenn der jetzige Präsident Wolodymyr Selenskyj heute Kanzlerin Merkel trifft, so haben beide eine Lernkurve im Umgang mit der russischen Föderation hinter sich. Selenskyj, der zu Beginn seiner Amtszeit noch versucht hatte, mit einem Gefangenenaustausch Entspannung ins Verhältnis mit Russland zu bringen und Merkel, die, wie ihr Außenminister auch, Anstrengungen unternommen hatte, das immer noch nicht vollständige umgesetzte Minsker Abkommen wieder mit Leben zu erfüllen, um die kriegerischen Handlungen in der Ostukraine beenden zu helfen.

Dass der Status Quo vor allem den russischen strategischen Interessen nützt und Moskau daher keinerlei Anstalten macht, etwas daran zu ändern, ist eine Erkenntnis nicht nur in Berlin und Kiew, sie hat mittlerweile sogar Eingang in den Analysen der EU gefunden.

Wunsch nach Militärhilfe

Wahlen in den besetzten Gebieten, wie sie der ehemalige deutsche Außenminister mit der sogenannten Steinmeier-Formel ermöglichen wollte, sind daher kein kurzfristiges Ziel deutscher Politik mehr. Auch wenn der ukrainische Präsident Frank-Walter Steinmeier nun als deutsches Staatsoberhaupt trifft, wird es um andere Dinge gehen. Vorrangig scheint aber der Besuch bei Merkel.

"Es ist der Wunsch Selenskyjs, dass Deutschland noch mehr im Sinne der Ukraine handelt als ohnehin schon", sagt Susan Stewart von der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Natürlich wird es auch um den Wunsch der Ukraine nach Militärhilfe aus Deutschland gehen." Stewart, die erst kürzlich eine Studie zum Thema veröffentlicht hat, glaubt, dass eine solche Militärhilfe internationalem Recht entspreche.

"Auch die Auffassung, dass mehr deutsche Hilfe unbedingt eine Verschärfung der Situation herbeiführen werde, ist falsch", sagt sie. "Momentan herrscht trotz der Unterstützung der USA für Kiew ein Ungleichgewicht zwischen pro-russischen und ukrainischen Kräften, die pro-russischen sind wesentlich stärker. Man muss Moskau jetzt signalisieren, dass eine weitere Eskalation sehr teuer werden kann, sowohl im politischen als auch im militärischen Sinne." Man müsse Aktionen wie den russischen Aufmarsch im Frühjahr 2021 ernst nehmen.

Zeichen für Beistand

Selenskyj werde daher Merkel um ein öffentliches Zeichen für Beistand bitten. Die deutsche Regierung hat aber unlängst durchblicken lassen, dass Deutschland allenfalls im Bereich der Logistik und der Aufklärung technisch unterstützen könne und wolle. Angriffswaffen, wie immer man sie definiert, kann und will Deutschland nach Meinung der meisten Beobachter nicht liefern.

Jilge sieht den Akzent der Bundesregierung weiterhin vor allem auf der zivilen Hilfe. "Deutschlands Rolle muss sein, die ukrainische Gesellschaft widerstandsfähiger zu machen, das Oligarchentum einzuschränken und positive Entwicklungen in der Politik zu fördern, die auch in den besetzten Gebieten wahrgenommen werden können." Es sei kaum zu erwarten, dass sich die Haltung der Bundesregierung in der Frage der deutschen Militärhilfe bis zu Bundestagswahl noch ändere.

Die Frage von Nord Stream 2

Und natürlich wird in allen Gesprächen noch einmal Nord Stream 2 eine Rolle spielen, die russische Pipeline, die direkte Gaslieferungen zwischen Deutschland und Russland ermöglicht, dabei die Ukraine umgeht und Kiew so nachhaltig schädigt. "Nicht einmal die Zusatzvereinbarung, die nun in jedem Fall Rücksicht auf die Ukraine nehmen will, verhindert, dass die deutsche Politik in diesem Punkt von Kiew als inkonsequent wahrgenommen wird", sagt Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

"Einerseits unterstützt man die Ukraine, nicht nur auf dem zivilen Sektor, andererseits macht man einen Deal, der in jedem Fall zum wirtschaftlichen Nutzen Russlands ist." Trotzdem werde der ukrainische Protest eher leise ausfallen, zu sehr sei Selenskyj auf die Unterstützung Deutschlands angewiesen.

Wer die ukrainische Presse verfolgt, hat ohnehin den Eindruck, dass der ukrainische Präsident heute eine Zusicherung sucht, die ihm so ohne weiteres niemand geben kann, die nämlich, dass auch die künftige deutsche Bundesregierung weiterhin an der Seite der Ukraine stehe. Was das Ende der Ära Merkel für die deutsche Ukraine-Politik bedeutet, wird ihm keiner seiner Gesprächspartner heute genau vorhersagen können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Juli 2021 um 12:00 Uhr.