Ein junger ukrainischer Arzt im OP des Unfallkrankenhauses Berlin. | Nadine Bader
Reportage

Ukrainische Ärzte in Berlin "Kriegsverletzungen überall"

Stand: 02.12.2022 11:24 Uhr

Unter schwierigsten Bedingungen arbeiten derzeit viele Ärzte in der Ukraine. Ein Austausch mit deutschen Spezialkliniken soll sie dabei unterstützen, Schwerstverletzte zu behandeln.

Von Nadine Bader, ARD-Hauptstadtstudio

Oleksandr Yatskovyna steht mit grünem Kittel am Operationstisch im Unfallkrankenhaus Berlin. Der junge Chirurg aus der Ukraine südwestlich von Kiew hospitiert seit knapp zwei Wochen im Zentrum für Schwerbrandverletzte der Klinik. Vor ihm liegt ein Patient, der wegen Verbrennungen operiert werden muss. "Zunächst befreien wir den Patienten vom Verbrennungsschorf. Da haben wir verschiedene Techniken, die wir den ukrainischen Ärzten zeigen", erklärt Dr. Frank Sander. Der Arzt und sein Team wollen ihr Wissen für eine optimale Behandlung teilen.

Nadine Bader ARD-Hauptstadtstudio

Für den Chirurgen Yatskovyna sind es wichtige Erfahrungen, die er gut gebrauchen kann, seit Krieg in seinem Land herrscht. An seiner Klinik in der Ukraine muss er viele Schwerverletzte behandeln. Soldaten, die von der Front kommen, aber auch zivile Opfer. "Das sind Kriegsverletzungen an den verschiedenen Körperteilen: Kopf, Brust, Bauch, Beine, Arme. Überall und wegen der unterschiedlichsten Ursachen. Explosionsverletzungen, Schussverletzungen, Verbrennungen", berichtet der 29-jährige Arzt.

So wie bei einem ukrainischen Soldaten, der seit September mit schweren Brandwunden am ganzen Körper im Unfallkrankenhaus Berlin behandelt wird. Physiotherapeutin Katja Hauswald berührt sanft seine Finger. "Ich würde gerne die Hände mobilisieren", sagt sie zu dem Mann. "Ich zeige Ihnen, was Sie schon allein können. Wichtig ist, dass die Hände viel bewegt werden."

Die ukrainische Ärztin Yuliia Huk schaut aufmerksam zu. Auch sie ist für eine zweiwöchige Hospitanz mit dem Bus aus der Zentral-Ukraine angereist. Die 25-Jährige arbeitet seit einem Jahr in der Klinik ihres Heimatortes. Davor war sie in der Sportmedizin tätig. Doch wegen des Krieges hat sie sich für die Arbeit im Reha-Bereich im Krankenhaus entschieden. "Dort werde ich jetzt dringender gebraucht", sagt sie.

Eine junge ukrainische Ärztin hilft bei der Behandlung eines ukrainischen Soldaten im Unfallkrankenhaus Berlin. | Nadine Bader

Schwere Brandwunden: Im Unfallkrankenhaus Berlin wird ein Soldat aus der Ukraine behandelt. Bild: Nadine Bader

Stromausfälle in ukrainischen Kliniken

Oberärztin Dr. Jenny Dornberger, die Physiotherapeutin und die ukrainische Ärztin Yuliia Huk streifen dem Patienten gemeinsam ganz vorsichtig Kompressionsärmel über beide Arme. "Die fördern die Durchblutung der Narben und helfen bei der Verheilung", sagt die Oberärztin. Das sei quasi wie eine dauerhafte Massage der Narben. Auch eine Laserbehandlung könne noch zum Einsatz kommen. Der Patient müsse jetzt schnell in eine Reha-Einrichtung gebracht werden, damit er noch intensiver Physio- und Ergotherapie erhalte.

Dass hier in der Klinik schon früh mit Reha-Therapie begonnen wird, findet die junge ukrainische Ärztin gut. "Bei uns fangen wir damit deutlich später an. Ich wünsche mir, dass wir das auch so übernehmen, so dass Patienten mit den Verletzungen weniger leiden." Doch was ist, wenn im Krieg die Versorgung zunehmend eingeschränkt ist? Die medizinische Grundausstattung sei an ihrer Klinik in der Zentral-Ukraine noch vorhanden, sagt Ärztin Huk. Aber die Stromausfälle hätten weiter zugenommen, höre sie von ihrer Familie. Die Situation sei deutlich schlechter geworden, so dass derzeit an ihrer Klinik nur die Notfälle behandelt werden könnten.

Eine ukrainische Ärztin auf Station im Unfallkrankenhaus Berlin. | Nadine Bader

Die Ärztin Yuliia Huk und der Arzt Oleksandr Yatskovyna hospitieren im Unfallkrankenhaus Berlin. Bild: Nadine Bader

Mehrere Kliniken deutschlandweit machen mit

An dem Austausch mit den ukrainischen Ärzten nehmen mehrere Kliniken deutschlandweit teil. Neben Berlin etwa in Hamburg, Duisburg, Ludwigshafen und Murnau. Alle sind berufsgenossenschaftliche Unfallkliniken, die auf die Behandlung schwerverletzter Menschen spezialisiert sind. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte das Programm bei seiner Reise in die Ukraine im Juni angestoßen.

In Lwiw hatte sich der Minister auch über die Versorgung Schwerstverletzter mit Brandwunden informiert. Zusammen mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wiktor Ljaschko hatte Lauterbach damals beschlossen, Fachärzte zur Fortbildung nach Deutschland zu holen. Sein Ministerium unterstützt seitdem bei der Organisation und Logistik. Das ukrainische Gesundheitsministerium wählt die Gesundheitsfachkräfte aus, die teilnehmen können. Bis Ende Januar 2023 sollen 40 ukrainische Ärzte von dem Austausch profitieren. Lauterbach hatte zuletzt angekündigt, das Projekt zu verlängern.

Am Unfallkrankenhaus Berlin wollen sie das Programm zudem ausweiten und auch nach der Rückkehr der ukrainischen Ärzte in Kontakt bleiben. "Ziel ist auch, dass wir nicht nur schulen in diesen 14 Tagen, sondern dass wir den Kollegen auch telemedizinisch zur Verfügung stehen." Dann könnten sie von Berlin aus auch bei ganz konkreten Patientenschicksalen weiterhelfen, sagt Dr. Bernd Hartmann , Chefarzt am Zentrum für Schwerbrandverletzte. Für die beiden jungen Mediziner Yuliia Huk und Oleksandr Yatskovyna ist das eine Unterstützung, die sie gut gebrauchen können. Schon bald fahren sie zurück in die Ukraine, um dort wieder zu helfen, Leben zu retten. Sie wünschen sich vor allem eines: Frieden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2022 um 23:15 Uhr.