Die russische Flagge weht über der Russischen Botschaft. | dpa
Hintergrund

Krieg gegen die Ukraine Die Rolle der westlichen Geheimdienste

Stand: 29.04.2022 19:27 Uhr

Die Ukraine braucht nicht nur Waffen von ihren Verbündeten, um sich gegen den russischen Aggressor zu verteidigen. Das Land ist auch auf Informationen von westlichen Geheimdiensten angewiesen. Ein Überblick, wie diese in dem Konflikt aktiv sind.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Satellitenaufklärung

Eine wichtige Grundlage bei der Arbeit der Geheimdienste bildet die Satellitenaufklärung, die nach Ansicht von Geheimdienst-Experte Gerhard Conrad in den vergangenen Jahren immer leistungsstärker geworden ist. Satelliten machen nicht nur optische Aufnahmen, sie sind zudem teilweise mit Sensoren ausgestattet, die komplexe elektronische oder physikalische Emissionen auffangen und messen können.

Michael Stempfle ARD-Hauptstadtstudio

So könnten Satelliten auch versteckte Waffen ausfindig machen, so Conrad im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Die Sensoren könnten auch ein erhöhtes Aufkommen an Kommunikationssignalen erkennen, das Rückschlüsse zulässt - zum Beispiel auf eine Kommandozentrale.

Von allen westlichen Verbündeten seien die USA am besten aufgestellt. Doch sie dürften ihre Satelliten-Erkenntnisse nicht direkt an die Ukraine übermitteln, die ja nicht in der NATO ist, sondern zuerst an die NGA-Zentrale in den USA. Welche Informationen wann und wie zur Unterstützung der Ukraine freigegeben werden könnten, müsse dann politisch entschieden werden, durch den US-Präsidenten.

Luftaufklärung

Bis zum Kriegsausbruch flogen NATO-Aufklärungsflugzeuge und -Drohnen über der Ukraine. So konnten die westlichen Verbündeten die Aufmärsche der russischen Truppen an den Grenzen genau beobachten. Da Russland den Luftraum über der Ukraine zu Kriegsbeginn geschlossen hat, können NATO-Staaten dort nicht mehr weiter aufklären. Sonst gelte man als Kriegspartei, so Conrad.

Allerdings können die NATO-Partner natürlich weiterhin über NATO-Gebiet fliegen und dabei auch seitwärts schauen - ein paar Hundert Kilometer weit. Auch hier gelte aber: Informationen, die über Luftaufklärung generiert werden, können nicht direkt an die betroffenen ukrainischen Einheiten geschickt werden, die sich im Kampf befinden. Falls die Ukraine derart wichtige Informationen von den westlichen Verbündeten überhaupt erhält, dann nur mit Zeitverzug. Zur Wahrheit gehöre, so Conrad, dass manche Informationen taktisch nicht mehr wertvoll sind, bis sie in Kiew ankommen.

Kommunikationsüberwachung

Das Abhören von Kommunikation gehört zum Kerngeschäft von Geheimdiensten. Das gelinge nicht immer, so der Ex-BND-Agent, da die Kommunikation auf höherer Führungsebene vermutlich verschlüsselt sei. Bei großflächiger, geschützter Kommunikation der Russen, etwa bei der Vorbereitung oder Durchführung von Militäroperationen, sei allerdings mit sehr unterschiedlichen Kommunikationsformen zu rechnen, und damit auch mit schlecht oder nicht verschlüsselten Formen. Oft müssten die westlichen Geheimdienste diese Kommunikation erst aufwändig übersetzen.

Nicht zu unterschätzen sei, dass russische Soldaten auch schlicht und ergreifend ihre Familien anriefen, mit ihren eigenen Handys ihre Eltern anriefen und dabei das ukrainische Netz benutzten. Diese Telefonate könnten die ukrainischen Sicherheitsbehörden selbst abhören, meint Conrad. Auch dabei könnten wertvolle Informationen zur Sprache kommen.

Spione

Conrad geht davon aus, dass der Westen Spione in Moskau hat. Aus seiner Erfahrung berichtet der BND-Pensionär, dass frühzeitig angeworbene Quellen Jahre später in wichtige Positionen gekommen sein könnten. Entweder seien sie dann für westliche Nachrichtendienste besonders wertvoll oder, was auch passiere, die Quellen brechen die Kommunikation mit dem Westen ab.

Denkbar seien hochrangige "Innenquellen", die unmittelbaren Zugang zu zentralen Entscheidungs- und damit Wissensträgern haben, bis hin zu formal weniger exponierten, limitierten Wissensträgern auf Arbeitsebene, die am Ende ebenfalls wertvolle Lageinformationen und Lagebilder ermöglichen könnten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. April 2022 um 18:00 Uhr.