Georg Günther steht vor zwei Wahlplakaten von Angela Merkel. | dpa

Umkämpfte Wahlkreise Promis, Quereinsteiger und Neulinge

Stand: 08.09.2021 15:24 Uhr

Zwei frühere Olympiasieger, ein "Promi-Wahlkreis" und wer ist eigentlich Georg Günther? 299 Wahlkreise gibt es in Deutschland - wo ist es besonders spannend? Eine Auswahl.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

299 Wahlkreise gibt es in Deutschland, hier treten die Direktkandidaten und Direktkandidatinnen der Parteien gegeneinander an und buhlen um die Erststimme auf den Wahlzetteln. Direktmandate für den Bundestag sind begehrt, gelten sie doch auch als besondere Auszeichnung. Angela Merkel hatte ihren vorpommerschen Wahlkreis seit 1990 achtmal in Folge geholt. Nun muss ein Nachfolger ran.

Corinna Emundts tagesschau.de

Spannung verspricht auch der Wahlkreis 61. Hier konkurrieren mit Olaf Scholz und Annalena Baerbock gleich zwei mit Ambitionen aufs Kanzleramt um ein Direktmandat. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach wiederum braucht sein Direktmandat im Wahlkreis 101, um sicher in den Bundestag zu kommen. Doch es gibt noch weit mehr spannende Konstellationen - ein Überblick.

Wahlkreis 196 Suhl-Schmalkalden- Meiningen-Hildburghausen-Sonneberg

In diesem Wahlkreis in Südthüringen deuten Umfragen ein knappes Rennen zwischen Frank Ullrich (SPD) und Hans-Georg Maaßen (CDU) an. Ullrich, früherer Olympiasieger, Biathlon-Weltmeister und Bundestrainer ist populär in der Gegend - und neu in der SPD. Dem 63-Jährigen werden Chancen nachgesagt, das Direktmandat zu holen, was ein großer Sprung wäre: Sein Vorgänger landete 2017 bei 13,4 Prozent.

Ullrich tritt gegen Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen an, der von der örtlichen Union als Direktkandidat vom Niederrhein nach Thüringen geholt wurde. Als betont Konservativer und Merkel-Kritiker markiert Maaßen den Gegenpol zur Merkel-CDU, etwa wenn es um die Flüchtlingspolitik geht. Innerparteiliche Kritiker werfen ihm vor, sich nicht klar genug gegen Rechtsaußen-Positionen abzugrenzen und bewusst Ressentiments zu schüren. Kanzlerkandidat und Parteichef Armin Laschet lehnte ein Machtwort Richtung Maaßen ab.

Wahlkreis 61 Potsdam - Potsdam-Mittelmark II - Teltow-Fläming II

Nicht nur in den TV-Triellen oder im Bundestag stehen sich Annalena Baerbock und Olaf Scholz gegenüber - sie begegnen sich auch bei der ein oder anderen Wahlkampfdebatte vor Potsdamer Bürgerinnen und Bürgern. Dort konkurrieren beide nicht ums Kanzleramt, sondern um ein Direktmandat im Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2017 hatte die SPD in Ostdeutschland außerhalb von Berlin nur einen einzigen Wahlkreis gewonnen. Und zwar diesen "Wahlkreis 61" in Potsdam und Umgebung. 

Annalena Baerbock und Olaf Scholz (SPD), bei einer Wahlkampfveranstaltung mit Direktkandidaten des Wahlkreises Potsdam. | dpa

Sie konkurrieren ums Kanzleramt und ums Direktmandat: Annalena Baerbock und Olaf Scholz bei einer Wahlkampf-Veranstaltung mit Direktkandidaten des Wahlkreises Potsdam. Bild: dpa

2017 holte die damalige SPD-Kandidatin Manja Schüle dort das Direktmandat, nun könnte es der Neu-Potsdamer und SPD-Kanzlerkandidat Scholz schaffen. Die in Hannover aufgewachsene Baerbock dürfte der Potsdamer Wählerschaft allerdings besser bekannt sein - sie tritt hier bereits zum dritten Mal seit 2013 für den Bundestag an. Und noch jemand mit bundesweit bekanntem Namen will hier punkten: Linda Teuteberg, ehemalige FDP-Generalsekretärin.

Der Wahlkreis gilt nicht nur wegen der Kandidatinnen und Kandidaten als "Promi-Wahlkreis": Fernsehmoderator Günther Jauch und auch Modedesigner Wolfgang Joop wohnen dort beispielsweise.

Wahlkreis 101 Leverkusen - Köln IV

Würde die Wahl um das Direktmandat auf Twitter entscheiden, würde vermutlich Karl Lauterbach klar gewinnen: Mehr als eine halbe Million Menschen folgen dem SPD-Gesundheitsexperten, während die nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration Serap Güler (CDU) auf gerade einmal 14.120 Twitter-Follower kommt. Seit 2005 hat Lauterbach den Kreis für die SPD gewonnen - die Laschet-Vertraute Güler kandidiert erstmals für den Bundestag. Trotz seiner Popularität hat Lauterbach nur einen wackeligen Platz 23 auf der SPD-Landesliste erhalten, das Direktmandat bleibt also für ihn wichtig.

Serap Güler (CDU), Nordrhein-Westfalens Integrationsstaatssekretärin, bei einer Pressekonferenz. | dpa

Serap Güler (CDU), Nordrhein-Westfalens Integrationsstaatssekretärin, bei einer Pressekonferenz. Bild: dpa

Neun weitere Kandidatinnen und Kandidaten treten hier an - darunter die 27-jährige Grünen-Politikerin Nyke Slawik. Sie könnte die erste Transfrau werden, die in den Bundestag einzieht - allerdings bei der prominenten Wahlkreiskonkurrenz eher über die Landesliste.

Wahlkreis 157 Görlitz

Nahezu ein Drittel der Erststimmen konnte der AfD-Politiker und derzeitige AfD-Spitzenkandidat Tino Chrupalla im Wahlkreis Görlitz bei der Bundestagswahl 2017 für sich gewinnen. Und das, obwohl er gegen einen äußerst prominenten CDU-Politiker angetreten war: den CDU-Abgeordneten Michael Kretschmer, der kurz darauf zum sächsischen Ministerpräsidenten gewählt wurde. Kretschmer war ab 2002 stets direkt gewählter Abgeordneter im Bundestag. In diesem Jahr setzt die CDU mit Florian Oest auf ein neues Gesicht. Der 33-Jährige ist Landesvorsitzender der Jungen Union.

Wahlkreis 258 Stuttgart I

Der ehemalige Grünen-Vorsitzende und Ex-Spitzenkandidat der Grünen Cem Özdemir unternimmt in Stuttgart einen erneuten Anlauf, das Direktmandat zu erobern. Bei der Bundestagswahl 2017 unterlag er bereits zum dritten Mal dem CDU-Politiker Stefan Kaufmann. Mit Linken-Politiker Bernd Riexinger tritt hier ein weiterer bundesweit bekannter Politiker an.

Der Spitzenkandidat der Südwest-Grünen für die Bundestagswahl, Cem Özdemir am Steuer eines Feuerwehrfahrzeugs in Ulm. | dpa

Der Spitzenkandidat der Südwest-Grünen für die Bundestagswahl, Cem Özdemir am Steuer eines Feuerwehrfahrzeugs in Ulm. Bild: dpa

Wahlkreis 81 Berlin Tempelhof-Schöneberg

Der amtierende Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hätte im Wahlkreis 81 gerne für den Bundestag kandidiert. Doch dieser Kandidaten-Platz war bereits von dem populären Ex-Juso Kevin Kühnert besetzt. Der ehemalige Juso-Vorsitzende, der inzwischen Vize-Parteichef ist, strebt erstmals ein Mandat im Bundestag an.

Ob Kühnert gegen die in Berlin stadtbekannte Grünen-Politikerin Renate Künast gewinnen kann? Sie ist die Direktkandidatin der Grünen und damit Kühnerts prominente Mitbewerberin im bunten Wahlkreis 81, zu dem auch Schöneberg zählt. Künast ist bereits seit 2002 Bundestagsabgeordnete, amtierte im Kabinett Schröder als Bundesministerin und kandidierte zwischendurch im Jahr 2011 als Regierende Bürgermeisterin der Stadt, allerdings ohne Erfolg. Jetzt soll es, ähnlich wie bei Parteifreund Cem Özdemir im Wahlkreis Stuttgart, endlich ein Direktmandat werden. Drei Mal verlor sie allerdings gegen ihren Mitbewerber von der CDU - auch das verbindet sie mit Özdemir in Stuttgart.

Wahlkreis 84 Berlin Treptow-Köpenick

Bereits viermal gewann Linkenpolitiker Gregor Gysi dort ein Direktmandat für den Bundestag, 2009 errang er 44,8 Prozent der Erststimmen. 2017 holte er noch 39,9 Prozent - kein Gegenkandidat der anderen Parteien kam auf mehr als 19 Prozent. Die CDU versucht es nun mit einer Überraschungskandidatin: Sie nominierte die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein. Die 49-Jährige ist eine Politik-Quereinsteigerin. Möglicherweise kann sie über einen Platz auf der Landesliste ins Parlament einziehen, wenn sie Gysi nicht schlagen sollte. Angesichts der jüngsten Umfragewerte der Union ist laut "Tagesspiegel" jedoch mehr als fraglich, ob dazu ihr Platz sechs auf der Landesliste ausreichen wird.

Wahlplakat mit Gregor Gysi | AFP

Berlin-Treptow: Wer hier gegen Gregor Gysi antritt, braucht starke Nerven. Bild: AFP

Politik-Quereinsteigerin Claudia Pechstein tritt für die Berliner CDU an. | REUTERS

Politik-Quereinsteigerin Claudia Pechstein tritt für die Berliner CDU an. Bild: REUTERS

Wahlkreis 15 Vorpommern-Rügen - Vorpommern-Greifswald I

In dem ländlichen Wahlkreis, der auch die Touristeninsel Rügen umfasst, war Merkel seit 1990 unangefochten acht Mal vorne. Nach ihrem angekündigten Abgang aus der Politik wirkt der Wahlkreis etwas verwaist, was namhafte Kandidaten angeht. An Merkels Stelle bewirbt sich nun für die CDU ein junger Kandidat: Der 33-jährige Georg Günther ist bisher als Kommunalpolitiker tätig gewesen und verortet sich - ganz Merkel-Erbe - laut "taz" eher im liberalen Flügel der CDU.

Inzwischen hat die AfD in Merkels politischer Heimat auch Zulauf, hier kandidiert zum zweiten Mal der Bundestagsabgeordnete und AfD-Landesvorsitzende Leif-Erik Holm. Bei der Bundestagswahl 2017 hatte er im Wahlkreis mit 19,2 Prozent das zweitbeste Ergebnis nach Merkel errungen.

Georg Günther steht vor zwei Wahlplakaten von Angela Merkel. | dpa

Georg Günther tritt für die CDU in Merkels Wahlkreis an. Bild: dpa

Wahlkreis 198 Ahrweiler

Die ehemalige SPD-Chefin sowie Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles hatte hier lange ihr Bürgerbüro als Bundestagsabgeordnete. Sie unterlag jedoch stets der regional populären CDU-Kandidatin Mechthild Heil. Die Bauausschuss-Vorsitzende des Bundestages und Vorsitzende der katholischen Frauen in Deutschland errang 2013 sogar 55, 5 Prozent der Erststimmen. Die SPD tritt im früheren Nahles-Wahlkreis jetzt mit dem wenig bekannten Christoph Schmitt an.

In diesem Jahr ist im Wahlkreis 198 aber sowieso alles anders. Nach der Flutkatastrophe existieren vielerorts die für die Wahl wichtigen Strukturen nicht mehr. Als Wahllokale sollen daher auch Container und Zelte herhalten.

Mit Informationen von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio sowie Iris Sayram, rbb