Eine Frau steht an einem Corona Testzentrum im Stadtteil Hamburg-Altona und bekommt einen Schnelltest. | dpa
Reportage

Corona-Testzentren Wenn die Prüfer zum Testen kommen

Stand: 22.01.2022 02:12 Uhr

Ob in Pavillons oder Kiosk-Hinterzimmern: Immer mehr Corona-Teststellen werden eröffnet. Aber nicht alle arbeiten seriös. Kontrolleure prüfen, ob alles richtig läuft.

Von Christian Kretschmer, SWR

Anja Brilmayer schaut genau zu, wie das "Bürstchen" des Abstrichstäbchens in der Nase verschwindet. Die Leiterin der Hygieneabteilung im Gesundheitsamt Bad Kreuznach begutachtet, wie in einer Teststation in der Fußgängerzone ein Corona-Schnelltest durchgeführt wird - und ist bis hierhin zufrieden. "Viele haben zu große Angst, den Probanden weh zu tun", sagt Brilmayer. "Dabei ist ein falsch durchgeführter Corona-Test das größere Übel."

Christian Kretschmer

Beim weiteren Prozedere hat Brilmayer etwas zu bemängeln: Die Teststellen-Mitarbeiterin erklärt, dass sie immer vier bis fünf Tröpfchen der Flüssigkeit in die Testkassette gibt. Ein kurzer Blick in die Anleitung zeigt: Das ist zu viel. "Drei Tropfen, bitte nicht mehr!", mahnt Brilmayer.

Mario Maurer liest den Beipackzettel eines Corona-Tests. | SWR

Kontrollen in den Testzentren: Hygieneinspektor Mario Maurer schaut genau hin. Bild: SWR

Im schlimmsten Fall lebensgefährlich

Eine Abweichung von den Herstellervorgaben könne das Ergebnis verfälschen, sagt die Amtsärztin - und im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden, wenn eine Infektion unentdeckt weitergetragen wird. Im Schnitt 15 Teststellen kontrolliert Brilmayer mit ihren Kollegen jede Woche. Mehr sei nicht zu schaffen. Doch allein in Rheinland-Pfalz gibt es derzeit mehr als 2300 registrierte Teststellen. "Die schießen derzeit regelrecht aus dem Boden. Wir kommen kaum noch hinterher", sagt Brilmayer.

Unterstützt wird sie bei den Rundgängen von Hygieneinspektor Mario Maurer und Kerstin Schäfer, Mitarbeiterin der Hygieneabteilung im Gesundheitsamt. Schäfer führt bei der Inspektion Protokoll: Auf fünf Seiten wird dokumentiert, ob die Tests korrekt durchgeführt und ob Hygienestandards eingehalten werden.

Auch die vorgeschriebenen Schulungsnachweise der Teststellen-Mitarbeiter werden überprüft. Brilmayer blättert einen Ordner durch: Jeder Mitarbeiter der kontrollierten Teststelle hat ein offizielles Zertifikat des Landes Rheinland-Pfalz. Um das zu bekommen, reicht die Teilnahme an einem kurzen Online-Kurs. "Das ist besser als nichts", sagt Brilmayer. "Letztendlich hängt es dann von den einzelnen Mitarbeitern ab." Zu empfehlen seien zusätzliche Schulungen durch Ärzte.

Eine Frau erklärt den Ablauf eines Corona-Tests. | SWR

Amtsärztin Brilmayer erklärt den Ablauf eines Corona-Tests Bild: SWR

"Wir kennen alles nur vom Schriftlichen"

Bei der zweiten Teststelle, die von den Kontrolleuren angesteuert wird, fällt Hygieneinspektor Maurer vor allem das Lager auf. Er schiebt am Ende des Eingangsbereiches eine herabhängende Plastikplane zur Seite. Erst jetzt ist zu erkennen, dass die Station in einem leerstehenden Friseursalon eingerichtet wurde. Auf dem Boden: halboffene Müllsäcke mit gebrauchten Schutzkitteln; ein einziger unbenutzter Kittel auf Vorrat. "Das ist viel zu wenig. Sie sollten je Mitarbeiter mindestens fünf frische da haben", erklärt Maurer der zuständigen Mitarbeiterin. Denn die Kittel müssen spätestens nach einem positiven Corona-Test gewechselt werden - und die häufen sich zurzeit.

Die Mitarbeiterin zeigt sich einsichtig. "Wir kennen ja alles nur vom Schriftlichen", sagt sie. "Aber wenn man hier im Praktischen nochmal geprüft wird, ist das gut, damit wir wissen, ob es richtig läuft oder nicht.

In der Teststation läuft jedoch noch etwas falsch: Es ist zu kalt. Ein Thermometer an der Wand zeigt 13 Grad Celsius. "Die Tests sollten bei Raumtemperatur durchgeführt werden", sagt Hygieneinspektor Maurer. Sonst drohe ein falsches Ergebnis.

Das "mildeste Mittel" reicht nicht immer

Eine Teststation mussten die Kontrolleure des Gesundheitsamtes bereits dauerhaft schließen lassen. Die Mitarbeiter hatten Testnachweise herausgegeben, obwohl mehrere Testergebnisse ungültig waren. Außerdem sei der Betreiber "beratungsresistent" gewesen, sagt Ärztin Brilmayer. Die Inspekteure versuchen immer zum "mildesten Mittel" zu greifen - aber manchmal helfen auch Ratschläge nicht aus.

Bei denen soll es bei der dritten Inspektion an diesem Tag nicht bleiben: Die Kontrolleure drängen sich in einen schmalen, leerstehenden Juwelierladen, umfunktioniert zur Teststelle. Sie schauen sich die verpackten Tests genau an: Die haben zwar die vorgeschriebene "CE"-Kennung, dürfen hier trotzdem nicht verwendet werden. Denn es handelt sich um Selbsttests, was deutlich auf der Verpackung zu lesen ist. Die Teststellen müssen jedoch sogenannte PoC-Tests verwenden, also Schnelltests zur Anwendung durch geschultes Personal.

Teststelle wurde geschlossen

"Was Sie machen, ist ja ein offizieller Test. Sie rechnen die Tests ja auch offiziell ab", erklärt Brilmayer dem Betreiber. Der sagt, er habe davon nichts gewusst; ihm sei von seinem Händler zugesichert worden, die Tests benutzen zu dürfen. Eine vierstellige Zahl der Tests habe er bereits geordert, an mehrere Standorte gebracht und teils verwendet.

Das bedeutet nicht zuletzt: Die Testnachweise, die so bislang ausgestellt wurden, hätten eigentlich nie ausgestellt werden dürfen. Brilmayer und ihre Kollegen greifen durch und lassen die Teststelle schließen, bis der Betreiber die richtigen Tests besorgt hat. Später schauen sie wieder vorbei: Neue, dieses Mal korrekte Tests sind da - der Betrieb geht weiter.

Über dieses Thema berichtete DLF am 21. Januar 2022 um 06:07 Uhr