Schüler eines Magdeburger Gymnasiums beim Corona-Selbsttest (Archivbild) | dpa

Infektionsschutzgesetz  Testpflicht statt Testchaos an Schulen?

Stand: 15.04.2021 21:09 Uhr

Mal ist es verpflichtend, mal freiwillig - je nach Bundesland. Künftig sollen die Tests in Schulen bundesweit einheitlich gehandhabt werden. Aber warum ist das so schwierig?

Von Johanna Wahl, SWR

"Bei manchen Schülerinnen und Schülern muss ich Überzeugungsarbeit leisten, damit sie sich testen", sagt Schulleiter Ralf Früholz. Auch an seiner Realschule in Mainz können sich alle zweimal in der Woche testen lassen. Allerdings: Nur, wer will. Es besteht keine Pflicht in Rheinland-Pfalz. Gerade erst wollten sich in einer geteilten 8. Klasse vier der 15 anwesenden Jugendlichen nicht testen lassen. Er suche dann gezielt das Gespräch, sagt Früholz. "Ich appelliere an Respekt und Fairness, schließlich seien die anderen im Raum alle getestet."

Johanna Wahl

Meist bekommt der Pädagoge so die skeptischen Schüler dazu, sich das nächste Mal testen zu lassen. Ab und zu gibt er auch mal ein Testpäckchen mit nach Hause. So könnten auch Ängste mancher Eltern abgebaut werden, die sich um die Unversehrtheit ihrer Kinder sorgen. Inzwischen lasse sich die ganz große Mehrheit der Schüler testen.

Aber auch wer sich nicht testen lässt, darf aktuell am Unterricht in der Anne-Frank-Realschule in Mainz teilnehmen. Schließlich ist das Testen an rheinland-pfälzischen Schulen freiwillig. Das bedeutet: Nicht-Testen hat nicht den Ausschluss aus dem Klassenraum zur Folge.

Testpflicht soll kommen

Dass die Bundesregierung nun in ganz Deutschland eine Testpflicht für Schulen einführen will, sieht die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin kritisch. Die Rechtsfolge sei erheblich: Kinder, die keine Einwilligung ihrer Eltern für einen solchen Test haben, hätten keinen Anspruch, in die Schule zu kommen, sagt Malu Dreyer. Die betroffenen Kinder müssten in den Fernunterricht.

Die SPD-Politikerin argumentiert, für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gebe es auch keine Testpflicht, sondern lediglich das Angebot, sich zu testen. Dennoch bereite sich das Land für den Fall vor, dass die Testpflicht kommt, betont Kultusministerin Stefanie Hubig.

Wunsch nach Tests

Anders als die rheinland-pfälzische Landesregierung wünscht sich Schulleiter Armin Rebholz verpflichtende Tests. An seinem Gymnasium im pfälzischen Bad Dürkheim lassen sich zur Zeit rund drei Viertel der 1000 Schülerinnen und Schüler testen. Ein Viertel geht also ohne Test in den Klassenraum. "Damit besteht natürlich ein Restrisiko für alle. Das könnte durch eine Testpflicht weiter verkleinert werden", sagt Rebholz.

Auch das Land Hessen hatte bei den Tests an Schulen zunächst auf Freiwilligkeit setzen wollen, sich aber nach einer kurzen Pilotphase doch für eine Verpflichtung entschieden: Mit rund 70 Prozent sei der Testrücklauf an den Pilotschulen schlicht zu niedrig gewesen, heißt es aus dem Kultusministerium. Minister Alexander Lorz betrachtet die Verpflichtung daher als unerlässlich für einen sicheren Schulbetrieb. Nun ist an hessischen Schulen ein negatives Testergebnis Voraussetzung für Unterricht im Klassensaal. Das bedeutet: Wer also keinen Test macht, kann in Hessen nur am Distanzunterricht teilnehmen.

Zu Hause testen

Wo die Tests durchgeführt werden, wird je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Während die Landesregierung von Rheinland-Pfalz vorsieht, dass das Testen vor Ort in den Schulen stattfinden soll, ist das in Hessen ausdrücklich auch außerhalb der Schule möglich.

Das Land Niedersachsen wiederum setzt komplett auf eine Teststrategie zu Hause vor Beginn des Unterrichts. Eltern müssen das negative Testergebnis ihrer Kinder schriftlich bestätigen, Schulen können zur Kontrolle auch die Vorlage des benutzten Testkits verlangen. Das Testen zu Hause vor Schulbeginn hat aus Sicht des niedersächsischen Kultusministeriums mehrere Vorteile: Zum Beispiel findet dadurch kein Testen vor der gesamten Klasse statt, was manchen Kindern unangenehm ist. Auch ist die Infektionsgefahr geringer, wenn das Ergebnis vor einer Schulbusfahrt und vor Betreten des Klassenraums feststeht.

Ob es sinnvoller ist, die Tests zu Hause oder in der Schule durchzuführen, darüber herrscht auch innerhalb der Lehrerschaft Uneinigkeit. Das bestätigt auch der deutsche Lehrerverband. Schulleiter Früholz aus Mainz findet es grundsätzlich gut, dass die Tests in der Schule stattfinden. "Ansonsten ist das nur schwer kontrollierbar."

Geschultes Personal

Sinnvoller als Selbsttests im Klassenraum wäre aus Sicht des Mainzer Schulleiters allerdings ein Testen durch geschultes Personal zum Beispiel in der Sporthalle. Armin Rebholz wäre hingegen dafür, seine Schülerinnen und Schüler würden sich schon zu Hause vor Schulbeginn testen. "Das wäre aus Infektionsschutzgründen sinnvoller", ist der Direktor des Bad Dürkheimer Gymnasiums überzeugt. "Und es würde auch weniger Unterrichtszeit verloren gehen."

Obwohl in Rheinland-Pfalz das Testen zu Hause von der Politik so nicht vorgesehen ist, hat sich ein Schulleiter aus Rheinhessen genau dafür entschieden. Seinen Namen und den seiner Schule möchte er nicht öffentlich machen. Das Konzept sei durchdacht und mit Eltern und Lehrpersonal abgestimmt, betont der Pädagoge, aber es entspreche nicht den Vorgaben des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums. Die Vorteile seiner Vorgehensweise liegen für den Schulleiter auf der Hand: vertrautes Umfeld, keine Stigmatisierung, keine Hygieneprobleme, positiv Getestete blieben direkt zu Hause. Außerdem gebe eine höhere Teilnahmebereitschaft, mehr als 90 Prozent seien es aktuell. Eine Testpflicht hält der Schulleiter daher nicht für notwendig. Er befürchtet viel mehr eine falsche Sicherheit durch die Tests.

Verlässlichkeit der Tests

Auch der Bundeselternrat sieht die Verlässlichkeit der Tests eher kritisch. Die Frage der Testpflicht sei umstritten. "Wo Freiwilligkeit vorherrscht, scheint die Akzeptanz zum Testen höher zu sein", sagt Sabrina Wetzel vom Vorstand des Bundeselternrats. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands hingegen hält regelmäßige verpflichtende Tests für zwingend. "Wenn man die Schnelltests als freiwillig kennzeichnet, wie dies drei Bundesländer machen, dann kann man sie gleich ganz sein lassen", kritisiert Heinz-Peter Meidinger. Überschätzen sollte man die Aussagekraft und Verlässlichkeit der Selbsttests aus Sicht des Lehrerverbands außerdem nicht. Sie seien lediglich ein Baustein für besseren Gesundheitsschutz an Schulen. 

Über dieses Thema berichtete NDR 1 MV Radio am 08. April 2021 um 18:00 Uhr in den Nachrichten.