Taliban-Kämpfer patrouillieren in einem Fahrzeug auf einer Straße in Kabul. | AFP
Hintergrund

Warnung von Sicherheitsexperten Terrorgefahr durch Taliban-Triumph

Stand: 31.08.2021 13:11 Uhr

Die Taliban haben eine Supermacht besiegt und den Westen gedemütigt. Terrorexperten warnen vor einem gefährlichen Motivationsschub für Islamisten weltweit. Auch hierzulande sind die Sicherheitsbehörden alarmiert.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Aus dem Bundesinnenministerium heißt es: Die Sicherheitsbehörden tauschten sich zur Lageentwicklung laufend aus, unter anderem im "Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum" (GTAZ). "Ziel dabei ist es, etwaige Gefährdungsaspekte frühzeitig zu erkennen und entgegenzuwirken", so ein Sprecher des Ministeriums gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio. Hinweise oder Erkenntnisse über Auswirkungen auf die Sicherheits- und Gefährdungslage in Deutschland, gebe es bislang allerdings nicht.

Michael Stempfle ARD-Hauptstadtstudio

Ausnutzen von Flüchtlingsrouten

Doch Verfassungsschützer, wie etwa Stephan Kramer aus Thüringen, warnen: "Hinsichtlich der inneren Sicherheitslage in Deutschland und Europa dürfen wir es nicht zulassen, dass wir nicht wissen, welche Personen derzeit nach Deutschland einreisen." Dies gelte sowohl für Evakuierungsmaßnahmen als auch für Flüchtlingsströme über Dritt-Länder aktuell und in den nächsten Wochen und Monaten, so der Thüringer Verfassungsschutzpräsident.

"Wenn nach derzeitigen Schätzungen unter den rund 5000 Evakuierten rund 500 Personen nach Deutschland gekommen sind, deren Personalien nicht bekannt sind und teilweise auch deren aktueller Aufenthaltsort, dann ist das alles andere als beruhigend." Zwar sei die Rettung humanitär geboten, aber die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik seien ebenso wichtig und müssten ernsthaft verfolgt werden.

"Wir müssen davon ausgehen, dass die Dschihadisten natürlich wieder versuchen, die Flüchtlingsströme zu nutzen, um potentielle Terroristen ins Land zu schleusen", warnt Kramer. Ihm gehe es nicht um Paranoia oder einen fremdenfeindlichen Generalverdacht, sagt er, sondern um eine Vorsichtsmaßnahme und darum, die Bevölkerung und die Flüchtlinge zu schützen. 

Motivationsschub für Islamisten

Carlo Masala, Professor für internationale Politik der Bundeswehr-Universität München, geht davon aus, dass der Taliban-Triumph bereits einen "Motivationsschub" für Islamisten weltweit ausgelöst hat. Schließlich habe eine islamistische Bewegung die USA und ihre westlichen Verbündeten in einem 20-jährigen Krieg besiegt. Dieses Signal sei nicht zu unterschätzen. Es sei noch größer als die Errichtung des Kalifats durch den sogenannten Islamischen Staat im Jahr 2014, so Masala. 

Zum ersten Mal seit der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan 1989 hätten Islamisten einer Supermacht ein ganzes Land entrissen, ergänzt Verfassungsschützer Kramer. Das sei eine "nicht zu unterschätzende Inspiration und Motivation" für andere Islamisten, ihren Kampf fortzusetzen, so Kramer. 

Sorge vor Unterstützung für Dschihadisten

Terroristische Organisationen auf der ganzen Welt lobten den Erfolg der Taliban. Mehr noch. Einige riefen zum Nachahmen auf, berichtet Yan St-Pierre, Berater für Terrorismusbekämpfung. Dazu zählten Verbündete Al Kaidas, extremistische Chat-Gruppen oder in einigen Fällen sogar rechtsextremistische Gruppen. Derzeit sei es zwar noch zu früh, um abschätzen zu können, welche Folgen dies konkret haben könnte. Denkbar sei zum Beispiel eine stärkere Unterstützung finanzieller Art oder gar bei der Planung von Operationen.

Frühere Beispiele hätten gezeigt, "wie solche Erfolge extremistischer Organisationen Unterstützung und Zulauf förderten und dadurch zusätzliche Ressourcen für extremistische Gruppen bereitgestellt wurden". St-Pierre schätzt, dass auch die islamistische Szene in Deutschland versuchen werde, von dieser Situation zu profitieren. Im Falle des Erfolges könnte das Bedrohungspotential auch bei uns steigen. 

Einsame Wölfe

Dabei gehe es nicht um Anschläge wie der 11. September 2001, sondern eher Anschläge mit sogenannten "einsamen Wölfen" in den Heimatländern des Westens, ergänzt Verfassungsschützer Kramer. Es komme neu hinzu, dass sich viele Afghaninnen und Afghanen vom Westen im Stich gelassen fühlten. Also ausgerechnet diejenigen, die an den Westen und offene Gesellschaften geglaubt hatten und die der Westen den Islamisten jetzt ausgeliefert zurücklasse.

"Ein beliebtes Argument der Islamisten ist, Muslime davon zu überzeugen, dass sie niemals im Westen respektiert und anerkannt werden und sich auf die eigenen - religiösen - Werte besinnen müssen." Für viele Afghanen dürfte sich dieses Vorurteil nun leider bestätigen. 

Normalerweise hätten solche Siege wie der Taliban einen vereinheitlichenden Effekt unter den verschiedenen islamistischen Gruppierungen, erklärt Politikwissenschaftler Masala. Allerdings zeigten sich gerade in Afghanistan besondere Rivalitäten zwischen Taliban, Al Kaida und IS. Welche Auswirkungen dies auf die internationale Sicherheitslage haben wird, lässt sich noch nicht endgültig abzuschätzen. 

Bislang keine einheitliche Front

Kramer listet auf, welche Gruppen den Erfolg der Taliban gefeiert haben:

Zu den ersten Gratulanten nach dem Taliban-Triumph gehörten die Hamas und die Untergruppen von Al Kaida: Al Shabab (Somalia) und Hayat Tahir al-Shaun (Syrien). Auch Dschihadisten in Pakistan, Ländern des Mittleren Ostens, Afrika, Indien, Indonesien, Thailand und den Philippinen feierten den Sieg der Taliban.

Grund seien gemeinsame Ursprünge und der gemeinsame Glaube der salafistischen Dschihadisten. Allerdings bedeutete dies nicht, bestätigt auch er, dass es eine einheitliche Front gebe. Zumindest noch nicht. 

Rekrutierung von Terroristen

"Dass die Taliban zur Bekämpfung des IS eng mit den USA zusammenarbeiten, wird sie sicherlich Sympathien kosten", schätzt Politikwissenschaftler Masala. Oder in den Worten von Verfassungsschützer Kramer: "Der afghanische IS hält die Taliban für amerikanische Lakaien". Die Unterstützer des IS würden sich darauf konzentrieren, die Taliban als Verräter ihres Glaubens zu diffamieren, erwartet auch Berater St-Pierre. 

"Wir haben jedoch in den letzten Jahren gelernt, dass die Rivalität zwischen den Organisationen nur eine begrenzte Rolle spielt für die Rekrutierung", erklärt St-Pierre weiter. Vielmehr entscheidend seien lokale Dynamiken, in denen extremistische Unterstützer und Netzwerke aktiv sind. Das gelte auch für Deutschland.

Instagram-Dschihadismus

Was den islamistischen Gruppierungen dabei hilft, Dynamiken zu entwickeln: Propaganda in den sozialen Medien. Anders als früher sind die Dschihadisten nicht mehr darauf angewiesen, dass die Ideologien von klassischen Medien eingeordnet werden. Längst können sie ihre Propaganda auf Instagram in ihren Worten verbreiten - weltweit, für ein gigantisches Publikum. Auch dabei rekrutierten die Extremisten neue Anhänger, erklärt St-Pierre:

Ihre Unterstützungsnetzwerke sind sehr versiert darin, den Erzählstil sozialer Medien zu bedienen und die Reichweite für ihre Bedürfnisse zu nutzen. Dies stellt eine ernsthafte Bedrohung dar, da das Potential wächst, Unterstützung für Extremisten zu vergrößern und zu bündeln.

Der Westen habe der Internet-Propaganda der Islamisten "nur wenig" entgegenzusetzen, analysiert Politikwissenschaftler Masala nüchtern. Die islamistische Ideologie beschränke sich ja zumeist auf den Kreis der ohnehin Radikalisierten und der dafür Anfälligen. Und die sind für Gegennarrative der westlichen Gesellschaften wohl kaum empfänglich.

Glaubwürdigkeit des Westens geschwächt

"Das westliche Narrativ erlebt eine äußerst schwierige Periode in Bezug auf Terrorismus", ergänzt St-Pierre. "Das Chaos rund um die Situation in Afghanistan, die zahlreichen Fehler und Versäumnisse, die Darstellung des Abzugs der Truppen als ein Rückzug aus Afghanistan und eine Niederlage der NATO und noch wichtiger, der Fakt, dass die Taliban als informelle Hauptmacht Afghanistans anerkannt werden, tragen alle zur Stärkung der terroristischen Propaganda bei."

Dies schwäche die Glaubwürdigkeit des Westens immens, so der Sicherheitsberater. Unter den aktuellen Bedingungen ist es seiner Ansicht nach zum Beispiel wichtig, die Reichweite extremistischer Propaganda einzuschränken, insbesondere auf leicht zugänglichen Plattformen wie den sozialen Medien. 

Der Westen und seine Sicherheitsbehörden sind gefordert: Hunderttausende Flüchtlinge vor den Toren Europas könnten die politische Lage hierzulande weiter destabilisieren, befürchtet Verfassungsschützer Kramer. Nicht zuletzt auch deshalb, weil autokratische Länder wie Russland, China und der Iran etwa ein Interesse daran hätten, wenn westliche Staaten unter Druck seien.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 26. August 2021 um 12:17 Uhr sowie BR24 am 31. August 2021 um 12:34 Uhr und 13:50 Uhr.

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