Atomkraftwerk Isar 1 und Isar 2 - daneben zwei Radfahrer. | picture alliance / dpa

Energieversorgung Diese AKW-Szenarien sind denkbar

Stand: 09.08.2022 11:00 Uhr

Noch vor einigen Monaten schien es undenkbar: Inzwischen spricht sich eine Mehrheit für längere Laufzeiten der Atomkraftwerke aus. Die Politik ist sich uneins. Welche Szenarien sind denkbar - und wie wahrscheinlich sind sie?

Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio

Mit der Sorge vor einer akuten Energiekrise im Winter ist die Frage nach längeren Laufzeiten wieder auf die Tagesordnung gekommen. Eine längere Laufzeit könne "Sinn machen", wie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vor wenigen Tagen sagte. Auch die öffentliche Stimmung hat sich gedreht: Laut dem jüngsten ARD-DeutschlandTrend sind mehr als 80 Prozent der Deutschen für eine längere Nutzung der Kernkraftwerke. Die einen befürworten nur eine Nutzung im kommenden Jahr, die anderen plädieren sogar für eine längerfristige Nutzung. Drei Szenarien für eine längere Laufzeit sind denkbar.

Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio

Szenario eins: "Streckbetrieb" bis Sommer 2023

Es würde sich um eine kurze Laufzeitverlängerung handeln. Die drei noch aktiven Kraftwerke verbrauchen in diesem Szenario lediglich die vorhandenen Brennstäbe. Um den Winter besser zu überstehen, wenn Sonne und Wind nicht so viel Strom liefern, könnte man den Betrieb jetzt im Sommer drosseln und die Stromgewinnung damit "strecken". Dafür müssten das Atomgesetz geändert sowie Sicherheits- und Haftungsfragen geklärt werden. Die Betreiber von Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg haben aber grundsätzlich erklärt, dass sie für einen Weiterbetrieb bereitstünden.

Klar ist: Wenn ein "Streckbetrieb" Sinn ergeben soll, muss die Entscheidung dafür möglichst bald getroffen werden. Ein Anlass könnte das Ergebnis eines aktuell laufenden Stresstests für den Strombereich in Deutschland sein: Das Bundeswirtschaftsministerium hat die Verantwortlichen der großen Stromnetze aufgefordert, die Risiken für die Stromversorgung unter besonders harten Bedingungen zu prüfen. Das Ergebnis soll noch im August vorliegen. Sollte der Test auf größere Risiken deuten, dürften die politischen Widerstände gegen einen Streckbetrieb, zumindest für Isar 2 und Neckarwestheim 2, nicht allzu groß sein.

Schätzung der Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario: 80 bis 90 Prozent.

Szenario zwei: Eine Laufzeitverlängerung um zwei bis drei Jahre

Sowohl die Unionsparteien als auch die FDP setzen sich für eine längere Laufzeit der Atomkraftwerke über einen reinen Streckbetrieb hinaus ein. So warb der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei seinem Besuch im Kernkraftwerk Isar 2 für eine Verlängerung bis mindestens Mitte 2024. Dafür muss aber nicht nur das Atomgesetz geändert werden wie in Szenario 1; vielmehr müssten die Reaktoren über die laufenden Sicherheitskontrollen hinaus umfassend gecheckt werden.

So verlangt das Atomgesetz alle zehn Jahre eine sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfung. Eigentlich wäre diese 2019 fällig gewesen; wegen des anstehenden Atomausstiegs wurde aber darauf verzichtet. Wenn diese großen Sicherheitschecks nun doch anfallen, müssten dafür zeitweilige Ausfälle der Kraftwerke eingeplant werden. Außerdem müssten schnellstens neue Brennstäbe für die Reaktoren besorgt werden.

Sollte sich die Politik für eine mittelfristige Laufzeitverlängerung entscheiden, könnten auch die bereits Ende 2021 stillgelegten Reaktoren Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C wieder ins Spiel kommen. Nach Einschätzung von Joachim Bühler, dem Geschäftsführer des TÜV-Verbands, wäre es technisch durchaus möglich, diese Reaktoren wieder anzufahren. Die juristischen und vor allem politischen Hürden sind aber deutlich höher als bei einem reinen Streckbetrieb bis in den Sommer 2023.

Schätzung der Wahrscheinlichkeit für eine mittelfristige Nutzung der Kernkraft: 30 bis 40 Prozent.

Szenario drei: Der Ausstieg vom Ausstieg

Mit Ausnahme der AfD ist keine der im Bundestag vertretenen Parteien für eine dauerhafte Nutzung der Kernenergie. In manchen Diskussionen klingt aber durchaus die Frage an, woher der Strom in den kommenden Jahren kommen soll, wenn die deutsche Wirtschaft im Rahmen der Energiewende mehr und mehr auf Strom umgestellt wird. So wies der FDP-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Christian Lindner darauf hin, dass nicht nur in den nächsten Monaten, sondern auch in den kommenden Jahren verstärkt mit Strom geheizt werden dürfte: "also müssen wir alle Kapazitäten zur Energieerzeugung erhalten und ausbauen", so Lindner.

Auch wenn der FDP-Chef klargestellt hat, dass er nicht für den Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg plädiert: In anderen Ländern feiert die Atomenergie eine Renaissance. Und die EU-Kommission in Brüssel hat die Mitgliedsstaaten aufgefordert, angesichts der aktuellen Notlage die Ausstiegsbeschlüsse zu überprüfen.

So dürfte, wenn andere Länder aus Solidarität mit Deutschland Gas sparen, von Deutschland im Gegenzug Solidarität in Sachen Strom erwartet werden. Derzeit ist beispielsweise Frankreich auf Strom aus Deutschland angewiesen, weil just die französischen Atomkraftwerke wegen notwendiger Sicherheitschecks und Wartungen nur begrenzt einsatzfähig sind. Das zeigt: Auch wenn neue Reaktoren in Deutschland derzeit nicht denkbar sind - die Debatte über längere Laufzeiten der Atomkraftwerke könnte über die aktuelle Gaskrise hinaus weitergeführt werden.

Einschätzung der Wahrscheinlichkeit für den Ausstieg aus dem Ausstieg: maximal zehn Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. August 2022 um 08:28 Uhr.