Erzieherin läuft mit Kindern durch den Gang in einer Kita | dpa

Förderprogramm endet Droht Sprach-Kitas das Aus?

Stand: 19.09.2022 10:12 Uhr

Seit 2016 fördert der Bund Kitas, die sich besonders darum kümmern, Kinder sprachlich zu fördern. Doch das Programm läuft aus. Erzieherinnen und Erzieher schlagen Alarm - und auch die Länder machen Druck.

Von Jonas Kühlberg, ARD-Hauptstadtstudio

Mehrere hundert Erzieherinnen und Erzieher haben Anfang Mai in Berlin für den Erhalt der sogenannten Sprach-Kitas demonstriert. Auch Sandra Mielke aus Thüringen war dabei. Sie berät dort Kitas, die sich ganz besonders darum kümmern, Kinder sprachlich zu fördern.

Mielke fürchtet um ihren Job. Die Sprach-Kitas, für die Mielke und weitere 7000 Fachkräfte arbeiten, werden vom Bund gefördert - noch. Ende des Jahres läuft das Programm aus. Zwar soll die Sprachförderung in ein neues Gesetz integriert werden, Mielke aber ist skeptisch. "Wenn das Programm endet und wenn die Fachkräfte einmal weg sind, bringt es auch nichts mehr, wenn man mit dem Qualitätsgesetz später ansetzen will, die sprachliche Bildung zu fördern." Die Leute seien dann weg.

Jede achte Kita ist eine Sprach-Kita

Derzeit profitiert jede achte Kita vom Bundesprogramm Sprach-Kitas. Nach Auslaufen des Programms soll die Sprachförderung Teil des geplanten Kita-Qualitätsgesetzes werden, kündigte Bundesfamilienministerin Lisa Paus an. Die Grünen-Politikerin will in den kommenden zwei Jahren insgesamt für das Gesetzesvorhaben vier Milliarden Euro in die Hand nehmen.

Aber Mittel darüber hinaus allein für die Sprachförderung sind nicht vorgesehen. Im Kita-Qualitätsgesetz ist die Sprachförderung nur noch eines von mehreren Handlungsfeldern. Auch sollen sich künftig die Länder an der Finanzierung beteiligen. "De facto ist es auch Bundesgeld, aber eben kein Modellprojekt mehr, sondern eine Regelfinanzierung. Das ist das, was wir schaffen wollen."

Sprach-Kitas

Seit 2016 finanziert der Bund zusätzliches Personal an Kitas zur Sprachentwicklung, vor allem an Einrichtungen mit vielen Kindern mit Sprachförderbedarf. Ab kommendem Jahr sollen nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Lisa Paus die Bundesländer die Förderung übernehmen. Doch dagegen regt sich Widerstand. Der Bundesrat forderte die Bundesregierung auf, das Förderprogramm "Sprach-Kitas" über 2022 hinaus zu verlängern und als dauerhaftes Bundesprogramm zu verstetigen. Das hat die Länderkammer in ihrer jüngsten Sitzung einstimmig beschlossen. Laut den Ländern sind durch die Bundesförderung aktuell fast 7500 zusätzliche Fachkräfte in rund 6900 Kitas tätig. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sprach-Kitas von 1. Januar bis 1. Juli 2023 weiter beschäftigen zu können, ist eine Übergangsfinanzierung nötig.

Unterschriften für Petition

Mit dem Kita-Qualitätsgesetz hat Bundesfamilienministerin Paus nicht nur viele Erzieher, sondern auch Fachpolitiker aus der Ampel-Koalition gegen sich aufgebracht. Erik von Malottki, Familienpolitiker der SPD-Fraktion, sammelte sogar Unterschriften für eine Petition. Das von Paus ins Kabinett gebrachte neue Gesetz befürwortet er zwar. Von Malottki kritisiert jedoch, dass die Länder mit der Finanzierung der Sprach-Kitas allein gelassen werden: "Das rettet nicht die Sprach-Kitas, weil diese Dinge ja schon für Qualitätsmaßnahmen entweder verwendet oder schon geplant werden. Das heißt, um die Sprach-Kitas und die sprachliche Förderung zu unterstützen, brauchen wir zusätzliche Mittel. Und wir können das den Ländern nicht vorschreiben."

Auch Erzieherin Mielke bezweifelt, dass das Geld so am Ende bei den Sprach-Kitas ankommt. "Es ist wichtig, dass man sich nicht mit dem Gesetz zufrieden gibt, sondern dass man das Bundesprogramm weiterhin fördert. Und wie die Bundesländer die Gelder letztlich investieren, liegt bei jedem Land. Das heißt, wir nehmen das Geld für die Sprache, dann müssen wir es an einer anderen Stelle kürzen."

16 Einzelverhandlungen

Familienministerin Paus beschwichtigt, dass jetzt erstmal Bund und Länder verhandeln müssen. Damit durch das Kita-Qualitätsgesetz regelmäßig Geld vom Bund fließen kann, muss der Bund mit allen 16 Ländern einzeln verhandeln. Das dauert. Das Kita-Qualitätsgesetz soll zum 1. Juli 2023 in Kraft treten. Bis dahin übernehme der Bund erstmal weiter die Finanzierung der Sprach-Kitas, versichert Paus. "Aber es ist jetzt an den Ländern den Ball aufzunehmen und es tatsächlich in die Regelfinanzierung zu überführen."

Sandra Mielke hofft, auch im kommenden Jahr noch weiter für ihre Sprach-Kitas arbeiten zu können. Die Petition, die sie auch unterschrieben hat, hat inzwischen mehr als 50.000 Unterschriften erhalten. Damit muss sich der Bundestag im Herbst nochmal mit der Sache beschäftigen. Der Druck auf die Politik, eine schnelle Lösung für die Sprach-Kitas zu finden, bleibt bestehen.

Über dieses Thema berichtete Radio MDR Sachsen-Anhalt am 09. September 2022 um 17:00 Uhr.