Norbert Walter-Borjans will als SPD-Chef aufhören. | dpa
Analyse

Rückzug als SPD-Chef Warum der Brückenbauer fehlen wird

Stand: 29.10.2021 16:14 Uhr

Vom Tiefpunkt bis zum Kanzleramt in gut zwei Jahren: Die SPD hat einen beispiellosen Wiederaufstieg geschafft - und das lag auch an Walter-Borjans. Wird die SPD nun wieder zum Unruhezentrum?

Eine Analyse von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Norbert Walter wer? So ging das damals vor gut zwei Jahren, als der Mann, der die SPD in einem Jahr auf 30 Prozent führen wollte, in den Ring stieg, um Parteichef zu werden. Jetzt nennen sie ihn zärtlich "Nowabo". Und auch wenn es mit den 30 Prozent nichts wurde, für die SPD dürfte der 69-jährige Genosse, der eigentlich schon ein Gewesener war, ein Politrentner, ein großer Glücksfall gewesen sein.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Denn dieser ungewöhnlich uneitle Mensch hat zusammen mit der ein kleines bisschen weniger uneitlen Saskia Esken aus der dysfunktionalen "Klimbimfamilie SPD" eine beinahe beunruhigend verschworene Gemeinschaft geformt. In zwei Jahren hat es die Partei vom Totalschaden nach der Flucht einer tief frustrierten Andrea Nahles bis zum Kanzleramt geschafft, wo künftig vermutlich der Name Olaf Scholz auf dem Klingelschild stehen wird.

Funktionierende Parteizentrale statt Schlangengrube

Dabei hatte das Team Esken und Nowabo am Anfang in der SPD-Fraktion und bei jenen, die immer schon dazugehörten zum Klub der Sozibesserwisser für Spott und Häme gesorgt. Doch sie haben geliefert und in zwei Jahren aus der Schlangengrube Willy-Brandt-Haus eine funktionierende Parteizentrale gemacht. Dem Basta-Prinzip folgte auf Parteiebene, was Scholz zuletzt im Wahlkampf predigte: Respekt. Walter-Borjans selbst sprach in seinem Schreiben an die SPD-Spitze von einer "Kultur des Vertrauens", die entstanden sei. 

Es gab Schweiger als Parteichefs wie Franz Müntefering. Es gab Instinktpolitiker, die den Laden aus dem Bauch führten und manchmal wahnsinnig machten wie Sigmar Gabriel - und es gab Norbert Walter-Borjans. Dessen größter Vorteil war vermutlich, dass er nichts mehr werden wollte oder musste. Außer vielleicht ein glücklicher Mensch an der Spitze einer Volkspartei, der zeitweilig das Volk abhanden gekommen war.

Mission erfüllt

Dass Walter-Borjans keine Karriere mehr brauchte, dürfte überdies hilfreich gewesen sein, um Scholz demnächst möglicherweise zum Kanzler zu machen. Walter-Borjans zeigte Scholz damals im Rennen um die Parteispitze dessen Grenzen auf und erkannte zugleich die eigenen. Nicht jeder wohl hätte die Größe gehabt, den Konkurrenten dann zum Kanzlerkandidaten zu machen. Jetzt schreibt Nowabo: "Mission accomplished", Mission erfüllt. Jetzt sei Zeit für Verjüngung an der Spitze. Für Erneuerung ohnehin.

Beinfreiheit für Scholz

Scholz dürfte die vergangenen zwei Jahre und vor allem das vergangene Jahr als Kanzlerkandidat in bester Erinnerung behalten, denn vor allem Walter-Borjans hat Scholz als Kandidat das gegeben, was ein Kandidat namens Peer Steinbrück einst vergeblich laut einforderte: Beinfreiheit. Scholz kandidierte, die Partei assistierte. So war das.   

Wer kommt?

Die Co-Vorsitzende Esken zitierte einst Konfuzius. "Wenn Du die Absicht hast, dich zu erneuern, dann tue es jeden Tag." Die SPD ist jetzt mal wieder dabei. Ob sie sich auch künftig mit einer Doppelspitze erneuern wird? Ob Esken weiter macht? Ob der Ex-Juso und Spiritus Rector des Duos Esken/Walter-Borjans, der 32-jährige Kevin Kühnert, jetzt die Hand hebt oder doch der Generalsekretär Lars Klingbeil aufsteigt?

Es bleiben viele Fragen und auch für die potenziellen Koalitionspartner Grüne und vor allem FDP ein paar Ungewissheiten, ob aus der jetzt befriedeten Partei SPD demnächst nicht doch wieder ein Unruhezentrum werden könnte, je nachdem wer dort künftig Kurs und Tonlage bestimmt. 

Auch wenn die Tage der Klimbimfamilie namens Sozialdemokratie seit zwei Jahren vorbei sind, langweilig wird es mit der SPD auch in Zukunft nicht werden.

Über dieses Thema berichtete mdr AKtuell am 29. Oktober 2021 um 15:06 Uhr.