Olaf Scholz | via REUTERS
Reportage

SPD im Wahlkampf Scholz und die Generation T

Stand: 23.06.2021 04:04 Uhr

Die SPD will jetzt ernst machen mit Wahlkampf. Dafür organisiert sie "Zukunftscamps" mit dem Kanzlerkandidaten und der Generation T oder schickt ihren General zu den Giraffen. Und setzt auf die Fehler der Anderen.

Von Nicole Kohnert, ARD-Hauptstadtstudio

Er gehe immer alkoholfrei durch den Wahlkampf, erklärt Olaf Scholz dem 19-Jährigen Neu-Wahlkämpfer und hebt sein großes alkoholfreies Bier. Leonard Schneider ist der jüngste SPD-Kandidat aus Wittenberg-Dessau. Im Biergarten sitzen sie sich jetzt gegenüber, in Sichtweite das Bundeskanzleramt.

Nicole Kohnert ARD-Hauptstadtstudio

Da wolle er rein, hatte der Kanzlerkandidat kurz zuvor Schneider und allen anderen Anwesenden erklärt. Helfen dabei sollen ihm die jungen Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag - 109 sind jünger als 40 Jahre. Sie sind an diesem Wochenende ins "Zukunftscamp" der SPD gekommen, zwei Tage gemeinsames Einschwören auf die Wahlkampfthemen im Willy-Brandt-Haus, abends dann Beisammensein im Biergarten. Das alles für das Wir-Gefühl. Damit die SPDler selbstbewusst bundesweit in den Wahlkampf starten - ungeachtet der mauen Umfragewerte.

SPD-Kanzlerkandidat Scholz mit Jugendlichen beim "Zukunftscamp" der Partei im Willy-Brandt-Haus. | EPA

SPD-Kanzlerkandidat Scholz mit Jugendlichen beim "Zukunftscamp" der Partei im Willy-Brandt-Haus. Bild: EPA

Wofür steht das T nochmal?

Bei den jungen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten kommt Scholz gut an mit seiner Rede: kämpferisch, ja sogar teilweise ungewohnt emotional, so der Tenor. "Wir brauchen euch, die Generation T", sagt Scholz zum Beispiel. Wobei das T für Transformation stehe, die Veränderung bewirke. "Die Konservativen können das nicht." Zum Regieren brauche man Mut, die jungen Kandidatinnen und Kandidaten seien nun die Generation, auf die es ankomme.

Nachhaltig scheint Scholz' Begriff von der Generation T bei seinen Zuhörern aber kaum zu sein. Wofür steht das T nochmal? Nicht nur Jung-Wahlkämpfer Schneider zuckt mit den Schultern. Sind wir nicht Generation Z? Welche Generation sind wir gerade eigentlich?, fragt man sich hier.

Der Wahlkampf ist schwer genug

Egal, jetzt ist Wahlkampf - und der ist schon schwer genug gegen die jugendlich wirkenden Grünen und die konservative CDU. Die Grünen finden viele junge Wählerinnen und Wähler unter den Fridays-for-Future-Anhängern, das frustriert die jungen Sozialdemokraten. Und der CDU scheinen ihre Anhängerinnen und Anhänger schon wieder vieles verziehen oder vergessen zu haben, Stichwort: Maskenaffäre.

Mit Themen wie bezahlbarem Wohnraum, Zwölf-Euro-Mindestlohn oder der Kindergrundsicherung sollen die jungen sozialdemokratischen Kandidatinnen und Kandidaten nun ins Rennen gehen und die Menschen daran erinnern, wofür das S in SPD steht - sozial. Denn so manch ein Wähler hat es wohl vergessen: Zuletzt dümpelte die Partei im ARD-DeutschlandTrend bei 14 Prozent - wenig motivierend für die Wahlkämpfer.

Optimismus, Optimismus, Optimismus

Dennoch will Generalsekretär Lars Klingbeil Optimismus versprühen. "Wir sind in Schlagdistanz. Nach neuesten Umfragen geht es um 1,5 Prozent, die wir gewinnen können und die Grünen verlieren könnten", sagt er eisern. "Wir können den Kanzler stellen."

Klingbeils Strategie: Präsenz zeigen, Haustürbesuche machen. Je mehr der 400.000 Parteimitglieder unterwegs seien, desto besser. Ein bis zwei Mal pro Woche schickt er den 299 SPD-Kandidaten über Messenger-Dienste wie Telegram Botschaften und Informationen für den Wahlkampf. Es dürfte zugleich eine Motivationshilfe sein. Motto: Noch ist nichts verloren. Klingbeil setzt auch auf die Briefwählerinnen und Briefwähler. Die jüngsten Landtagswahlen hätten ja gezeigt, wie wichtig die sind.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil | AFP

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil: "Wir können den Kanzler stellen." Bild: AFP

Wahlkampf zwischen Schule und Serengeti

Präsenz zeigen vor Ort - das gilt auch für den obersten Wahlkämpfer der Partei selbst. Kürzlich war Klingbeil in seinem niedersächsischem Wahlkreis, dem Heidekreis, unterwegs. In der Gesamtschule Schneverdingen diskutierte er mit den Jugendlichen über Bundespolitik, über die SPD. Klingbeil ließ sich das Konzept der "summer school" erklären, eine Ferienschule mit Studierenden als Nachhilfelehrer - etwas, das die SPD nur gut finden kann, geht es hier doch auch um Bildungsgerechtigkeit. Klingbeil freute sich, hier in der Schule scheint also alles auf dem richtigen Weg zu sein.

Doch die Harmonie wurde vom Schulleiter gestört: "Wir haben das alles aus eigener Tasche zahlen müssen, das Land, die Stadt, keiner hat uns bisher geholfen" , klagte Mani Taghi-Khani. Aber es gebe doch das zwei Milliarden schwere Aufholpaket der Bundesregierung, das sei eigentlich auch für solche Projekte, antwortete Klingbeil. Das müsste man also nochmal prüfen.

Hausaufgaben für den SPD-Generalsekretär, der jetzt im Heidekreis, egal wohin er auch kommt, Lösungen finden soll. Auch im Tier- und Freizeitpark Serengeti. Emotional wird diskutiert über Hygieneregeln, Kurzarbeiter-Geld, Corona-Schutzverordnungen. Der Herr Klingbeil sollte es richten, dass sein Park nicht pleite geht, so Park-Betreiber Fabrizio Sepe.

Die Fehler der anderen

Und natürlich geht es bei dieser Wahlkampftour auch um Bilder. Der General mit Giraffen etwa. Klingbeil witzelt selbst über das "Robert-Habeck-Foto", in Anlehnung an die Pferde-Fotos des Grünen-Chefs im Sommer 2020.

Klingbeil versucht, den Wahlkampf sportlich zu nehmen, er sieht die Fehler, die die Grünen machen. "Annalena Baerbock hat es nicht geschafft, auf dem Parteitag zu überzeugen", meint Klingbeil. "Erst die Debatte um die Bonuszahlungen, dann die Debatte um ihren Lebenslauf, so etwas belastet eine Kampagne."

Der General und die Giraffe: Klingbeil auf Wahlkampftour in Niedersachsen. | Fionn Große/SPD

Der General und die Giraffe: Klingbeil auf Wahlkampftour in Niedersachsen. Bild: Fionn Große/SPD

Merkel und der "Vampir-Effekt"

So richtig rund läuft die SPD-Kampagne bisher aber auch nicht. Die Partei hat dafür Raphael Brinkert eingekauft. Der Werber soll Scholz als Merkel-Nachfolger aufbauen. Früher hat Brinkert PR für die Kanzlerin gemacht, Kampagnen für die Firmen Sixt oder Zalando. Jetzt ist er in die SPD eingetreten, weil er die sozialdemokratischen Ideen gut finde, versichert er.

Angela Merkel bescheinigt er einen "Vampir-Effekt". Sie habe alle sozialdemokratischen Themen aufgesogen. "Merkel war eine gute sozialdemokratische Kanzlerin. Jetzt müssen wir klar machen, dass das SPD-Themen sind."

Brinkert setzt dabei auch auf klare Farben. Jedes SPD-Plakat müsse auf 50 Metern erkennbar sein, die Farbe der SPD sei rot. Das schwarz-weiße Design müsse einheitlich sein. Dass Scholz eher emotionslos wirke, hält der Werber nicht für einen Nachteil: "Es ist nicht die Zeit für Stammtisch-Redner oder Fähnchen im Wind, sondern die Zeit für Erfahrung und Kompetenz."

Der Werber ist es auch, der die Scholz-Botschaften immer wieder digital übersetzt, etwa die Einführung der globalen Mindeststeuer: "Sorry Alexa, Amazon wird endlich global Steuern bezahlen", heißt es dann auf Instagram.

Apropos Geld. Das Wahlkampf-Budget der SPD ist in diesem Jahr eher schmal. Rund 15 Millionen Euro stehen der SPD zur Verfügung, 2013 waren es laut Partei noch gut 24 Millionen. Dennoch übt sich auch Brinkert in Optimismus: "Die Grünen haben bereits zum Parteitag in Großstädten auf digitalen Flächen geworben, dennoch verlieren sie gerade in allen Umfragen." Geld allein macht eben noch keinen Wahlsieg.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Juni 2021 um 08:45 Uhr.