Blick ins Plenum bei der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags. | dpa

Neue Studie Vier von zehn Politikerinnen mit Sexismus-Erfahrungen

Stand: 04.11.2021 14:30 Uhr

Anzügliche Sprüche, respektlose Bemerkungen, eine Hand auf dem Knie: Sexuelle Belästigung ist Alltag im politischen Geschäft und ein parteiübergreifendes Problem. Zu diesem Fazit kommt eine Studie, über die das ARD-Mittagsmagazin zuerst berichtete.

Vier von zehn Politikerinnen in Deutschland klagen über Sexismus-Erfahrungen im Alltag. Das geht aus einer Studie des Instituts Allensbach für die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF Berlin) hervor, über die das "Team UPWARD" im ARD-"Mittagsmagazin" zuerst berichtete. Es ist die erste große empirische Studie zum Thema Sexismus in der Politik.

Besonders stark betroffen seien jüngere Frauen. 40 Prozent der befragten Politikerinnen - quer durch das Parteienspektrum - gaben demnach an, schon einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben, drei Prozent erlebten sie "schon häufiger". Bei den unter 45-Jährigen seien es sogar 60 Prozent - sieben Prozent "schon häufiger".

Für die Untersuchung, die dem "Team UPWARD" zunächst exklusiv vorlag, befragte das Institut Allensbach demnach mehr als 818 Amts- oder Mandatsträger aus Bund, Ländern und Kommunen. 525 von ihnen waren Frauen. Ergänzt wurde die Studie um 34 qualitative Interviews, davon 27 Frauen. Zwei von ihnen berichteten darin von Vorfällen, bei denen sogar sexuelle Gefälligkeiten für Förderung oder politische Unterstützung verlangt wurden.

Zu sexueller Belästigung zählten die Autorinnen der Studie unangemessene Berührungen, aber auch sexistische Bemerkungen, taxierende Blicken und unerwünschte Anmache. Zu den Übergriffigkeiten kam es den Angaben zufolge vor allem bei informellen Zusammenkünften, etwa bei abendlichen Treffen auf Parteitagen, Wahlpartys oder Klausurtagungen.

"Parteiübergreifend wird von unangemessenen, anzüglichen Bemerkungen über Aussehen, Figur oder Kleidung berichtet", heißt es weiter. Sexuelle Belästigung und sexistische Sprüche kämen dabei auf allen politischen Ebenen vor.

Kulturwandel schwierig - zu wenig Frauen in Ämtern

Gefordert wird daher ein Kulturwandel in der Politik. Dieser wird der Studie zufolge vor allem dadurch erschwert, dass Frauen in politischen Ämtern weiterhin unterrepräsentiert seien. Dies gelte besonders auf kommunaler Ebene. Nicht einmal ein Drittel der Stadt- und Gemeinderäte seien Frauen, 90 Prozent der Spitzenpositionen in den Städten und Kommunen würden von Männern eingenommen.

Die frühere FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg sagte im Beitrag des ARD-Mittagsmagazins, das Thema Sexismus begleite sie durch ihre gesamte politische Karriere bis hin zum FDP-Bundesvorstand. "Es ist schon so, dass gerne Frauen auch aufgrund von Äußerlichkeiten unterstellt wird, irgendwie weniger ernsthaft oder kompetent zu sein", kritisiert sie.

Linda Teuteberg und Christian Lindner auf dem FDP-Bundesparteitag in Berlin | HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Die FDP-Generalsekretärin Teuteberg bekam auch schon von Parteichef Lindner anzügliche Sprüche vom Podium aus gesagt - wie das Video hier im Beitrag zeigt. Lindner sah seinen Fehler ein und entschuldigte sich danach. Bild: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Diese Ansicht teilen 65 Prozent der befragten Frauen in der Studie. Sie meinen, dass an sie andere Erwartungen gestellt würden, sowohl was ihre Leistung betrifft als auch ihr Aussehen und ihr Verhalten. Knapp die Hälfte nimmt wahr, dass Äußerungen von Frauen weniger ernst genommen und sie häufiger unterbrochen würden.

Die Quotenfrage spaltet

Bei der Frage nach Quoten und gesetzlichen Paritätsregelungen sind die Befragten gespalten, tendenziell sind aber mehr Frauen für feste Vorgaben. So halten der Studie zufolge 58 Prozent der Frauen Quoten in den Parteien für wirksam, während das nur 31 Prozent der befragten Männer finden. Die Hälfte der Politikerinnen ist für gesetzliche Vorgaben für eine paritätische Besetzung von Ämtern und Mandaten, bei den Männern sind es nur 23 Prozent.

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 04. November 2021 um 13:00 Uhr.