Ein leeres Klassenzimmer | dpa

Reaktionen auf Schulschließungen "Ein Leben lang Nachteile"

Stand: 20.01.2021 18:07 Uhr

Politik und Bildungsverbände verteidigen die Schulschließungen. Eltern sind besorgt, Kinderärzte gar alarmiert. Wird sich das Lerndefizit je wieder aufholen lassen? Zumindest bei einigen.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Wieder kein Aufatmen für Eltern und Kinder. Die Schulen bleiben bis Mitte Februar "grundsätzlich" zu, heißt es in dem Beschluss der gestrigen Bund-Länder-Gespräche. Die Präsenzpflicht an den Schulen ist aufgehoben. Doch die Politik hat es sich dabei nicht leicht gemacht. "Heftige Diskussionen" gab es laut Manuela Schwesig bei diesem Thema. Am Ende lenkten auch die Skeptiker ein, von denen die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern eine war.

"Sehr schwierig" und zugleich notwendig findet Schwesig die Entscheidung. Man mute den Kindern und Schülern viel zu. Wegen der neuen Virus-Mutanten sei aber noch mehr Vorsicht geboten. Ähnlich argumentiert Kanzleramtschef Helge Braun: Es gebe ernstzunehmende Hinweise darauf, dass die mutierte Virus-Variante, die in Großbritannien entdeckt worden war, sich bei Kindern ähnlich ausbreite wie bei Erwachsenen. Deshalb "müssen wir so viele Maßnahmen wie möglich gleichzeitig durchhalten."

GEW: "Zu viele Schlupflöcher"

Vertreter von Lehrer- und Bildungsverbänden sind einerseits erleichtert. Schulen seien Teil des Infektionsgeschehens. Es sei notwendig, auch dort auf die hohen Infektionszahlen zu reagieren, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Hans-Peter Meidinger in einem Zeitungsinterview. "Jetzt zu lockern und die Schulen dann innerhalb kürzester Zeit wieder dichtzumachen, wäre das verkehrteste, was man tun kann."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert allerdings, dass es zu viele Schlupflöcher für die Länder gebe, den Beschluss zu umgehen, und fordert ein einheitliches Vorgehen. Zudem bräuchten "Schulen und Kitas eine klare Strategie und einen verlässlichen Stufenplan, der vorgibt, bei welchen Ansteckungszahlen welche Maßnahmen greifen", sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. Und zwar für alle Bundesländer gleichermaßen.

Es fehlt an Konzepten und Ausstattung

Auch die Ausstattung an den Schulen bemängelt sie: Trotz aller Fortschritte gebe es bis heute keine flächendeckende Versorgung mit digitalen Endgeräten, stabilem WLAN oder ausreichend Geld für IT-Administratoren. "Die Kultusministerinnen und -minister müssen hier endlich mehr Tempo machen."

Damit allein ist es aber nicht getan. Denn: Je länger die Phase des Distanzunterrichts dauere, desto deutlicher werde auch, dass die Lerndefizite gerade bei jüngeren Schülern und denen mit Förderbedarf zunähmen, betont Lehrervertreter Meidinger. Die Politik müsse ein Konzept dazu vorlegen, wie man diese Kinder fördern könne. Sorge bereiteten ihm dabei vor allem Grundschüler ohne elterliche Unterstützung. Außerdem Schüler mit Förderbedarf oder Migrationshintergrund sowie sozial benachteiligte Mädchen und Jungen, "die abtauchen, wenn sie nicht in die Schule gehen müssen". Bei diesen Gruppen seien die Lücken jetzt schon groß.

Sorge über Lerndefizite

Besorgt sind auch viele Eltern. Welche Lerndefizite werden die Kinder am Ende dieses Schuljahres vor sich herschieben? Wird das je wieder aufzuholen sein? Die Hamburger Elternkammer beispielsweise bemängelt, dass derzeit nur die wichtigen Fächer unterrichtet würden. "Viele Fächer wie Kunst, Musik oder Sport, die auch eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Kinder spielen, werden gar nicht mehr gegeben", sagt Elternkammer-Vorsitzender Marc Keynejad. So würden die Schüler zwar durch ihre Prüfungen gebracht, aber die Schüler hätten im Vergleich weniger gelernt als vor der Pandemie. "Das macht uns große Sorgen."

Um das abzufedern, könnte sich die Elternkammer vorstellen, das Schuljahr zum Aufholen der Lerndefizite zu strecken. Das würde zwar auch den Studien- und Ausbildungsbeginn nach hinten verschieben. In dieser gesellschaftlich "dramatischen Lage" müssten aber "alle ran und zusammenarbeiten, damit wir eine junge Generation auf die Straße schicken, die genauso gut ausgebildet ist wie der Jahrgang davor."

"Bildungsdefizit führt zu niedrigerem Einkommensniveau"

Noch viel drastischer schätzen Kinder- und Jugendärzte die Situation ein. Sie zeigen sich entsetzt von der erneuten Verlängerung der Schul- und Kitaschließungen. "Wir wissen mit Sicherheit, dass eine ganze Generation von Schülern infolge der jetzigen Beschlüsse ein Leben lang Nachteile erfahren wird", sagte der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, Hans-Iko Huppertz, in einem Zeitungsinterview. "Das derzeit entstehende Bildungsdefizit bei Schülern wird dazu führen, dass sie im späteren Leben ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen und dauerhaft ein signifikant niedrigeres Einkommensniveau erreichen werden, als es möglich gewesen wäre."

Ebenso bedeutend seien die psychosozialen und motorischen Defizite, die sich derzeit aufbauten. Die Schließungen von Schulen führten unmittelbar zur Zunahme von Fettleibigkeit und Online-Spielsucht, Ängsten und Aufmerksamkeitsstörungen, fügte Huppertz hinzu. Weitergehende Nachteile erführen Familien aus prekären Verhältnissen, mit Migrationshintergrund, mit behinderten Kindern oder mit psychisch kranken Eltern.

Psychologin: "Neue Situation birgt auch Entwicklungschancen"

Ganz so pauschal teilt Entwicklungsneuropsychologin Anja Karlmeier diese Prognosen nicht. Zwar bereite ihr gerade die Dauer der Einschränkungen Sorge. "Ein Jahr und länger, das sind riesige Zeitspannen für Kinder und Jugendliche. Da werden Entwicklungsphasen bedeutsam geprägt", sagt sie im Gespräch mit tagesschau.de. Andererseits gebe es auch keine Zwangsläufigkeit, dass Kinder und Jugendliche für ihr ganzes Leben unter den jetzigen Defiziten leiden.

Je nachdem, wie die Situation gestaltet wird, gebe es auch Chancen. "Jedes Adaptieren an die neue Situation, jede Bewältigungserfahrung, wie zum Beispiel die neuen Formen des Lernens auch in Kleingruppen oder auch die Erfahrung, sich auf bestehende Bindungen verlassen zu können, bergen auch Entwicklungschancen für Kinder- und Jugendliche."

Kinder in prekären Verhältnissen besonders benachteiligt

Unbestritten sei aber, dass die Schere zwischen Kindern in guten Lebensverhältnissen und benachteiligten Kindern noch größer werde. Kinder mit prekären Lebensverhältnissen, schlechterer technischer Ausstattung, ohne Unterstützung der Eltern und zusätzlichen familiäre Problemlagen in der Krise seien besonders gefährdet, jetzt erhebliche Bildungsnachteile und negative Folgen für die weiteren Ausbildungschancen zu erleiden.

Karlmeier, die die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel leitet, plädiert deshalb dafür, eher die Maßnahmen für die gesamte Gesellschaft jetzt noch zu verschärfen, um insbesondere für Kinder- Und Jugendliche die Zeit der Kita- und Schulschließungen zu verkürzen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2021 um 20:00 Uhr.