Olaf Scholz | EPA
Analyse

Kommunikation des künftigen Kanzlers Drei Baustellen des Olaf Scholz

Stand: 08.12.2021 06:01 Uhr

Er kommuniziert eher spröde und wird bei unliebsamen Themen gern wortkarg: Kommt Olaf Scholz damit auch als Bundeskanzler durch?

Von Corinna Emundts, ARD-Hauptstadtstudio

Das Selbstverständnis

Wer Olaf Scholz in den vergangenen Jahren erlebt hat, vernahm einen, der für sich weiß, wo es lang geht - und das auch selbstbewusst kommuniziert. Er liest viel. Politische Weggefährten, die ihn aus Verhandlungsrunden kennen, berichten, er umgebe sich gern mit der Aura, alles besser zu wissen. Das Wörtchen "Ich" kommt da oft vor: "Ich möchte, dass die 20er-Jahre eine Zeit des Aufbruchs werden. Das hat sich die künftige Regierung vorgenommen", sagte er gerade in einem Gespräch mit der "Zeit". Jetzt, da Scholz einem großen Kabinett vorsteht und zudem versprochen hat, mit Grünen und FDP "auf Augenhöhe" zu regieren - wird er wohl üben müssen, es öfter in ein "Wir" zu wandeln.

Corinna Emundts tagesschau.de

Gesine Schwan, SPD-Freidenkerin und Vorsitzende der Grundwerte-Kommission der Partei, sieht bei Scholz zwar Schlüsselqualifikationen: Analytische Kompetenz, die Fähigkeit zu Verhandlungsführung und Projektmanagement. Sie sieht aber auch Schwächen hin zum autoritären Führungsstil, "dass man den Eindruck hatte, er kann führen durch Ansage". Da habe er aber dazugelernt, sagte sie im Gespräch mit dem RBB-Inforadio.

Bei seinen spärlichen Auftritten seit der Bundestagswahl verströmt der 63-Jährige die Botschaft, jetzt endlich anpacken zu wollen: Scholz, der Anpacker - und das auch mit einem gewissen Talent, bei Auftritten beflissentlich zu ignorieren, dass er bereits seit acht Jahren in zentraler Funktion mitregierte.

Der Kommunikationsstil

Olaf Scholz bleibt sich treu, wenn es um ansatzweise kritische Fragen an ihn geht - auch am Tag es unterschriebenen Koalitionsvertrages. Er sitzt neben Robert Habeck und Christian Lindner in der Bundespressekonferenz und antwortet einfach nicht vollständig auf die Frage einer Journalistin: "Herr Scholz, Sie wollten ein Kabinett der Parität, aber jetzt sitzen Sie hier als drei Männer - welches Signal geht davon aus?" Der designierte SPD-Kanzler holt aus und lobt die Besetzungen wichtiger Kabinettsposten durch Frauen. Die Antwort auf die Drei-Männer-Riege bleibt er einfach schuldig. Ein typischer Scholz also.

Unangenehme Fragen lässt Scholz gern teflonartig an sich abperlen, wo seine Vorgängerin Angela Merkel noch wenigstens ansatzweise um eine - wenn auch gern ausweichende - Antwort bemüht war. Fragende können sich an dem trockenen Hanseaten schon mal die Zähne ausbeißen: So fand er die tagesthemen-Frage in der vergangenen Woche, ob es in der Pandemie nicht einen verheerenden Eindruck hinterlasse, dass noch kein Gesundheitsminister benannt sei, "ok, aber völlig unberechtigt".

"Wäre, wäre, wäre - ist ja ganz anders", antwortete er ZDF-Moderatorin Marietta Slomka im Jahr 2018, die aus ihm herausfragen wollte, wie Union und SPD die Personalie des entlassenen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen intern regelten.

Olaf Scholz ist nicht gerade dynamisch im Auftritt und im Sprechen. Das brachte ihm schon länger das Image ein, kauzig, dröge und langweilig zu wirken. Noch aus seiner Zeit als SPD-Generalsekretär in der ersten rot-grünen Regierungskoalition der Republik stammt die Zuschreibung des "Scholz-O-Maten", der stoisch gegen Kritik von innerhalb und außerhalb der Partei die Agenda-2010-Politik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder vertrat. "In der Scholz-O-Mat-Phase wirkte er nicht sympathisch, da hat er auf alles schematisch sehr reagiert", befindet Schwan.

Seine spröde Art hat er sich bis in den Wahlkampf erhalten, aber interessanterweise wandelte sich die Wahrnehmung: "Auf einmal wurde das zum Ausweis von Gelassenheit und Zurückhaltung", sagt Kommunikationsexperte Frank Brettschneider, "aus dem Langweiligen wurde der Bedächtige". Und damit punktete Scholz gerade mitten in der Corona-Krise bei einer großen Wählergruppe - den über 60-Jährigen, auf die er damit beruhigend und zuverlässig wirkte. "Ob diese Art für ihn noch zum Problem wird oder er einen Kult daraus machen kann, ist offen", sagt Brettschneider, der an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaft lehrt - und die Wählergunst während der Bundestagswahl analysierte. Bei den Älteren konnte Scholz seine Werte in Vertrauenswürdigkeit sogar steigern.

Der Umgang mit Kritik

Sich bei kritische Themen und Fragen wegzuducken, in eine andere Richtung zu antworten oder gar das Thema zu wechseln: Zu beobachten war dieses Scholz-Muster im Wahlkampf sowohl im Bundestag, bei Medieninterviews wie in den TV-Triellen. Wenn es um für ihn heiklere Themen seiner politischen Vergangenheit ging - wie etwa die Ausschreitungen beim Hamburger G20-Gipfel, beim Wirecard-Skandal und dem Cum-Ex-Steuerbetrug rund um die Hamburger Warburg Bank, stellte Scholz auf Durchzug. Einfach nicht auf Angriffe des Wettbewerbers Armin Laschet inhaltlich eingehen: Gerade bei den TV-Triellen sei Scholz das gut gelungen, so Brettschneider. "Agenda Cutting" nenne man diese Kommunikationsstrategie - nichts hinzuzufügen, was öffentliche Aufmerksamkeit für das unliebsame Thema verlängern könnte.

An die heikelsten Fragen der Hamburger Cum-Ex-Affäre konnte sich Scholz bei der Befragung im Bundestag einfach nicht mehr erinnern - sollte er für sich da im Nachhinein selbst ein Fehlverhalten analysiert haben: Seine Sache ist es nicht, das dann öffentlich einzuräumen.

Olaf Scholz | picture alliance/dpa

Wenns um heiklere Themen geht, wird Scholz gern wortkarg - oder lenkt auf ein anderes Thema. "Agenda-Cutting" nennt man das. Bild: picture alliance/dpa

Ob er diese Art, nach außen hin den nahezu Unfehlbaren zu geben, über seine Kanzlerschaft hinwegträgt, ist offen. Hier wird es darauf ankommen, inwiefern die breite Öffentlichkeit von ihm Transparenz, Aufklärung und Offenheit erwartet und einfordert.

Unter Parteifreunden gilt Scholz als einer, der politisches Handeln und damit auch politische Kommunikation stark nach dem ausrichtet, was es für seine Wahlchancen bedeutet. Solange also die Umfragewerte anzeigen, dass ihn eine Mehrheit für einen integren, vertrauenswürdigen Kanzler hält, wird er wohl den bisherigen Scholz-Kurs halten. "Jeder hat seinen eigenen Stil - auch ich werde so reden, wie ich es tue, wie die meisten mich kennen", antwortet er einen Tag vor der Kanzlerwahl mit leise verschmitztem Lächeln in der Bundespressekonferenz auf die Frage, wie er Politik künftig zu erklären gedenke.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2021 um 22:30 Uhr.