Rohre an den Anlandungseinrichtungen der Nord Stream 2-Gaspipeline in Lubmin. | REUTERS
Hintergrund

Deutsche Energiepolitik Kein russisches Gas mehr - was dann?

Stand: 10.03.2022 16:01 Uhr

Der Krieg in der Ukraine hat zu einem Umdenken geführt: Deutschland will möglichst schnell von Russlands Energielieferungen unabhängig werden. Doch wie geht das - und wie schnell?

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Szenario, das auf unterschiedliche Weise eintreten kann: Entweder Russland entscheidet, kein Erdgas mehr zu liefern. Oder Deutschland schafft es, "Alternativen zur russischen Energie zu entwickeln", wie es Bundeskanzler Olaf Scholz jüngst formulierte. Wohlwissend: "Das geht aber nicht von heute auf morgen." Denn aktuell ist Deutschland noch auf Importe aus Russland angewiesen: bei Erdöl und Kohle, aber besonders bei Erdgas.

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Kann sich Europa von russischem Gas unabhängig machen? Ja, aber nicht ohne erhebliche Kosten - so lautet die Antwort des Bruegel-Instituts, einer Brüsseler Denkfabrik. Die EU bekommt aktuell 40 Prozent ihres Erdgases aus Russland. Etwa die Hälfte ließe sich aus alternativen Quellen ersetzen, erklärt der Energie-Ökonom Georg Zachmann: Erdgas könnte aus Norwegen und Nordafrika kommen, dazu verflüssigtes Erdgas (LNG) aus den USA und Katar. Allerdings braucht es dafür die entsprechenden Vorbereitungen: Terminals, in denen das LNG vom Schiff abgeladen und weiterverarbeitet wird, gibt es in Deutschland noch nicht. Die Bundesregierung will nun zwei Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven bauen, es soll möglichst schneller gehen als die bisher angesetzten drei Jahre Bauzeit.

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Beim Heizen sparen

Doch ohne zu sparen, wird es nicht klappen: Denn rund die Hälfte der russischen Gasimporte in die EU lassen sich laut Bruegel-Institut nicht ersetzen. Bleibt also nur: Die Heizung zuhause herunterzudrehen, sagt Zachmann und verweist auf Berechnungen der Internationalen Energie-Agentur: "Wenn wir die Temperatur um ein Grad reduzieren, sparen wir 7,5 Prozent des Gases in der Wärmenutzung." Es könnten also alle einen signifikanten Beitrag leisten.

Den größeren Anteil müsste jedoch die Industrie erbringen. Da Erdgas etwa gebraucht wird, um Düngemittel herzustellen, hält Energie-Ökonom Zachmann es für wahrscheinlich, dass diese Produktion aus Deutschland abwandert. Dass die Wirtschaft aber stark einbricht, erwartet Veronika Grimm nicht. Sie ist Professorin für Wirtschaftstheorie an der Universität Erlangen-Nürnberg und im Sachverständigenrat der Bundesregierung: "Meine Vermutung ist, dass keine Bänder stillstehen, sondern dass sich die Unternehmen umorientieren und einfach neue Geschäftsfelder suchen." Auch andere Bereiche der Industrie, wie die Stahl- und Chemieproduktion, wo Erdgas für die Wärmeerzeugung nötig ist, arbeiten wegen der geplanten Energiewende an einer Umstellung. Zwischenzeitlich könnten sie Öl oder Kohle als Ersatz nutzen, aber langfristig müssten sie die Produktion auf grünen Wasserstoff umstellen.

Zurück zu Kohle und Atom?

Erdgas wird nicht nur fürs Heizen und die Industrie gebraucht, sondern auch für die Stromerzeugung. Um mögliche Ausfälle zu kompensieren, stellen Politiker aus CDU und CSU inzwischen den geplanten Ausstieg aus Braunkohle und Atomkraft infrage. Doch die Bundesregierung ist zurückhaltend: Lediglich Braunkohlekraftwerke sollten als Reserve dienen. Aber die Laufzeit der Atomkraftwerke zu verlängern, schließt die Koalition aus SPD, Grünen und FDP aus. Dabei würden Kohle- und Atomstrom - in einer Krisensituation und für den Übergang - durchaus helfen, meint Energie-Ökonom Zachmann.

Das alles ist auch mit Blick auf Strom- und Heizkosten sowie die allgemeine Teuerung nicht unwichtig. Wie sich die Preise entwickeln, kann auch die Wirtschaftsweise Grimm derzeit nicht genau abschätzen. In jedem Fall müsste die Bundesregierung mit weniger Abgaben, Steuersenkungen sowie gezielter Unterstützung vor allem Menschen mit geringeren Einkommen entlasten.

Alles in allem ist der Faktor Zeit entscheidend: Der Umbau hin zu erneuerbaren Energien, zu einer grünen Wirtschaft hat bereits begonnen. "Das wird jetzt beschleunigt werden in vielen Dimensionen", erwartet Grimm. Langfristig kann es damit klappen, sich von russischen Energielieferungen unabhängig zu machen - doch je schneller es gehen muss, desto schwieriger dürfte es werden.

Über dieses Thema berichtete WDR5 im "Morgenecho" am 10. März 2022 um 08:05 Uhr.