Cem Özdemir kommt mit dem Fahrrad zur Amtsübergabe im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. | dpa
Porträt

Minister Özdemir Im Zick-Zack-Kurs ins Kabinett

Stand: 26.12.2021 04:50 Uhr

Cem Özdemirs politische Karriere verlief alles andere als geradlinig. 2018 hatte er sich schon aus der ersten Reihe der Grünen verabschiedet. Dass er nun Minister ist, verdankt er auch seinem Erfolg an der Basis.

Von Jim-Bob Nickschas, ARD-Hauptstadtstudio

Als einziger der neuen Ministerinnen und Minister kam Cem Özdemir auf zwei statt vier Rädern zu seiner Ernennung im Schloss Bellevue, und das war kein PR-Gag - oder wenn, dann nur ein kleiner, denn: Özdemir sieht man in Berlin immer schon zum Bundestag radeln.

Jim-Bob Nickschas ARD-Hauptstadtstudio

Konsequent und gut gelaunt, genau wie seine Pläne für das neue Ministeramt: "Ich hab mir nichts Geringeres vorgenommen als das Thema Spaß, das darf man ruhig auch haben."

Auch wenn Özdemir damit eher den Spaß am Essen meinte, denn das Thema Ernährung gehört für den langjährigen Vegetarier genauso zu seiner neuen Aufgabe wie die Landwirtschaft. Dabei hatten viele den bald 56-Jährigen - wenn überhaupt im Kabinett - eher im Verkehrsministerium gesehen. Schließlich leitete er zuletzt doch entsprechenden Ausschuss im Bundestag.

Kann er denn überhaupt Landwirtschaft? Özdemir selbst glaubt, "dass die fachliche Kompetenz das eine ist". Das andere sei, dass man mit den Leuten reden kann. Oder "schwätze", wie der Schwabe Özdemir sagt.  

Und schwätzen, das kann "der Cem", wie sie ihn in seiner Heimat Baden-Württemberg nennen. Er gilt als bodenständig, nahe bei den Leuten - das zeigte sich auch bei der zurückliegenden Bundestagswahl: Özdemir holte in seinem Wahlkreis Stuttgart I 40 Prozent der Erststimmen - so viele wie sonst kein Grüner bundesweit. 

Die Karriere war kein Selbstläufer

Ein starkes Argument für die Grünen-Spitze, ihn und nicht Anton Hofreiter zum Minister zu machen - neben seinen rhetorischen Fähigkeiten, seinem Verhandlungsgeschick und auch seinem Migrationshintergrund.

Özdemirs Eltern kamen in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Nun ist ihr Sohn der erste deutsche Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund: "Natürlich spielt das indirekt eine Rolle", gibt Özdemir zu. Er habe eine Zuschrift bekommen, das werde er nicht vergessen: Da habe jemand geschrieben: "Du kommst jetzt dahin, wo noch keiner von uns war. Das bedeutet mir sehr viel, das berührt mich sehr."

Dass er einmal dahin kommen würde, war keineswegs ein Selbstläufer: Politisch ging es für Özdemir die vergangenen Jahre immer wieder auf und ab: Von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender seiner Partei, 2017 sogar im Gespräch als neuer Außenminister - dann aber scheiterte die Idee einer Jamaika-Koalition im Bund und Özdemir zog sich aus der ersten Reihe zurück. 2019 scheiterte er mit dem Versuch, sich an die Spitze der grünen Bundestagsfraktion wählen zu lassen. Damals unterlag er Hofreiter.

Die Angriffslust ist geblieben

Angriffslustig blieb Özdemir allerdings: "Wie Sie da sitzen von der AfD: Wenn Sie ehrlich sind, würden Sie zugeben, dass Sie dieses Land verachten. Sie verachten alles, wofür dieses Land in der ganzen Welt respektiert wird."

Für seine Wutrede gegen die AfD im Februar 2018 bekam Özdemir in den sozialen Medien viel Zuspruch - aber auch Gegenwind, genau wie für seine Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Folge: Morddrohungen, Özdemir brauchte plötzlich Personenschutz. Mundtot hat ihn das aber nicht gemacht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. November 2021 um 11:05 Uhr.