Ein 9-Euro-Ticket des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart GmbH (VVS) ist auf dem Display eines Smartphones zu sehen. | picture alliance/dpa
FAQ

Debatte über Nachfolge Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket?

Stand: 02.08.2022 10:22 Uhr

Seit gut zwei Monaten gibt es das 9-Euro-Ticket. Wie sind die Erfahrungen? Wird es auch in Zukunft etwas Vergleichbares geben - und was könnte es dann kosten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Tina Handel, ARD-Hauptstadtstudio

Ist ein Nachfolgeticket politisch gewünscht?

In der Koalition drängen die Grünen auf ein Anschlussticket, so rasch wie möglich. Das Ticket sei eine "Inspiration", die jetzt nicht abreißen dürfe, sagt Stefan Gelbhaar, Verkehrsexperte der grünen Bundestagsfraktion. "Wir könnten eine Zwischenlösung für den Herbst finden." Das gebe Zeit, genau zu analysieren, wie ein dauerhaftes Angebot aussehen kann.

Aber dafür müssten sich Bundesverkehrsministerium und Länder einigen - und zwar möglichst rasch. Volker Wissing (FDP) hat das Ticket zwar immer wieder als "Erfolg" bezeichnet, blockt aber ab, wenn es um die entscheidende Finanzierungsfrage geht. Wissing verweist auf die Bundesländer. Die Länder wiederum sind durchaus an einer Anschlussregelung interessiert, sehen aber den Bund am Zug, der seine Mittel aufstocken müsse.

"Die gehören alle an einen Tisch", sagt Stefan Gelbhaar, Verkehrsexperte der Grünen-Fraktion. "Da darf sich der Verkehrsminister keinen schlanken Fuß machen und die Länder auch nicht." Das Ticket ist in der Politik also beliebt, auch um die Inflationskosten für die Bürger abzufangen, aber weiter finanzieren will es bislang kaum einer. Das Verkehrsministerium will jetzt erst einmal Studien abwarten, wie genau das Ticket den Verkehrsalltag verändert.

Welche Wirkung hat das Ticket bislang?

Am Anfang war das 9-Euro-Ticket vor allem ein sozialpolitisches Instrument: ein Geschenk an die Bürger, freilich aus Steuermitteln, in teuren Zeiten. Jetzt ist die Hoffnung, dass es auch eine umweltpolitische Wirkung hat - nur so wären die Milliardensubventionen zu rechtfertigen.

Doch die ersten Analysen sind ernüchternd: "Wir haben ganz wenig Verlagerungswirkung", sagt Christian Böttger, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. "Also die Idee, dass Leute umsteigen vom Auto, die scheint nicht zu funktionieren." Das zeigten erste Mobilfunkdaten, mit denen Wege ausgewertet werden können. Stattdessen würden Kunden, die ohnehin öffentliche Verkehrsmittel nutzen, jetzt noch mehr damit fahren. "Damit bringen sie aber auch das System an den Rand des Zusammenbruchs", so Böttger.

Der Dresdner Mobilitätsforscher Jan Schlüter kommt in seiner Umfrage auch auf eine überschaubare Zahl von Umsteigern: Sieben Prozent der Autofahrer würden jetzt mal den öffentlichen Verkehr ausprobieren. Er wertet das aber positiver: "Sieben Prozent ist eine gewaltige Zahl, weil es ja auch nur ein begrenzter Zeitraum ist. Wie viele Leute ändern da mal eben ihre Gewohnheiten?"

Wie viel könnte ein dauerhaftes Ticket kosten?

Auch wenn es dafür mittlerweile Petitionen gibt - kaum einer glaubt, dass ein Dauerticket für neun Euro zu haben ist. "Für die drei Monate war es ein Superschnäppchen-Angebot", sagt Stefan Gelbhaar von den Grünen. "Aber jeder weiß, dass Mobilität Geld kostet. Die Menschen sind bereit, das auszugeben." Dass es nicht superbillig sein muss, dafür sprechen auch erste Umfragedaten.

Je nach Wohnort sind die Menschen bereit, deutlich mehr zu zahlen: In den Städten liege die Schmerzgrenze der Befragten derzeit bei etwa 60 Euro, sagt Jan Schlüter von der TU Dresden. "Im ländlichen Raum geht es Richtung 100 Euro oder sogar mehr." Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat ein Ticket für 69 Euro vorgeschlagen. Aber selbst dieser Preis würde bedeuten, dass es Subventionen von zwei Milliarden Euro jährlich bräuchte. Mindestens, denn auch hier steigen Energie-, Material- und Personalkosten.

Diskutiert wird auch, ob es mittelfristig nicht ein Ticket für alle, sondern sozial gestaffelte Preise geben könnte. Das können sich zum Beispiel die Grünen vorstellen. Aber alle sagen auch: Einfachheit ist Trumpf. Ein Tarif-Klein-Klein hätte eher abschreckende Wirkung.

Wo könnte das Ticket künftig gelten?

Der Charme des jetzigen Tickets ist ganz klar die bundesweite Gültigkeit - das sehen Wissenschaft und Politik so: "Den Leuten gefällt sehr gut, dass man einsteigen kann, ohne sich zu sorgen, welches Ticket man braucht", sagt Tim Alexandrin, Sprecher im Bundesverkehrsministerium.

Die größte Attraktivität habe ein bundesweites Ticket, sagt auch Jan Schlüter mit Blick auf seine laufende Umfrage. Daneben würden aber laut Umfragen auch regionale Tickets Akzeptanz finden: "Ganz Bayern oder ganz Nordrhein-Westfalen in einem einfachen, günstigen Ticket - das wird auch als attraktiv bewertet", so Schlüter.

Auch die Grünen können sich Regionaltickets vorstellen, so lang es nicht zu kompliziert wird: "Es ist schon wahnsinnig einfach, wenn es einen einheitlichen Preis gibt - das sollten wir nicht unterschätzen", sagt Stefan Gelbhaar.

Könnten die Verkehrsbetriebe das überhaupt leisten?

Nicht zum Billigtarif. Für Philipp Kosok von der Denkfabrik Agora Verkehrswende ist das die wichtigste Schlussfolgerung aus den vergangenen zwei Monaten. Das 9-Euro-Ticket habe gezeigt, "dass vielerorts die Eisenbahnstrecken überhaupt nicht in der Lage sind, die zusätzlichen Leute zu bewältigen". In den Städten mit ihren engen Takten falle das nicht so auf, aber zum Beispiel auf vielen Regionalbahnstrecken.

Bei den sonst eher verfeindeten Bahngewerkschaften GDL und EVG hat das Ticket zu einer seltenen Einigkeit geführt: gegen eine Fortsetzung. Infrastruktur und Personal seien "völlig überlastet", warnt GDL-Chef Claus Weselsky. Beim Bahnpersonal dürfte sich nach zwei Monaten Billigticket also eher eine abschreckende Wirkung neuer Experimente entwickelt haben. Und gegen den Willen der Bahner wird wohl kaum eine Dauerlösung möglich sein.

Manche Wissenschaftler sehen genau das als unüberwindbar: "Ich kann mir nicht vorstellen, angesichts der Widerstände, dass man das 9-Euro-Ticket in der Form verlängert", sagt Christian Böttger. "Deswegen glaube ich, das wird einfach auslaufen."

Ist ein Anschlussticket ab September überhaupt noch machbar?

Kaum noch. Die Verkehrsunternehmen haben schon Mitte Juli gesagt, dass sie sofort ein Signal brauchen, damit sie sich vorbereiten können. Da Bund und Länder sich seit Wochen gegenseitig die Verantwortung für die Finanzierung zuschieben, scheint eine schnelle Einigung unwahrscheinlich. Der Abschied vom 9-Euro-Sommer könnte also in vier Wochen kommen. Vielleicht gibt es ein - teureres - Wiedersehen zum kommenden Jahr.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Juli 2022 um 09:48 Uhr.