Friedrich Merz | AFP

CDU-Parteitag Warum Merz auch enttäuschen könnte

Stand: 22.01.2022 02:58 Uhr

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht, doch die Erwartungen sind groß: Die CDU macht heute Friedrich Merz zum neuen Chef - und dann?

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Wohl noch nie hat sich Friedrich Merz einer Wahl so entspannt stellen können. Ausgestattet mit einem klaren Mitgliedervotum wird nichts anderes passieren als die Bestätigung seines politischen Comebacks. Nun soll ausgerechnet er die CDU in die Zukunft führen, dabei klebt doch an ihm das Image des Politikers von gestern.

Das ist ein mir zum Teil bösartig verpasstes Image, das zu meiner Grundeinstellung und Lebenseinstellung und auch zur politischen Einstellung überhaupt nicht passt.
Sabine Henkel ARD-Hauptstadtstudio

Erfolg im dritten Anlauf

Friedrich Merz - geschätzt wie verachtet, geliebt wie verpönt. Nach zwei gescheiterten Versuchen, Angela Merkel an der Parteispitze zu ersetzen, sehnt sich die Partei nach einem starken Mann. Und an Merz' Stärke dürfte niemand zweifeln. Kaum jemand tritt mit so viel Selbstbewusstsein auf, obwohl er noch nie eine Wahl für die Partei gewonnen hat und sogar die eigene zum Parteichef erst im dritten Anlauf.

Kein Rechtsruck

Dennoch: Die Erwartungen in der Partei sind hoch, die frustrierte Basis sucht den Heilsbringer. Aber wer glaubt, dass Merz die CDU konservativer aufstellen wird oder sogar scharf nach rechts rückt, der könnte enttäuscht werden.

Es wird mit mir keinen Rechtsruck geben, es wird ein klares Profil geben und ich möchte, dass alle, die sich im weitesten Sinne als Christdemokraten sehen in dieser CDU eine politische Heimat finden.

Inhaltliches Vakuum

Ein klares Profil für alle - das kommt einem politischen Spagat nahe. Was das bedeutet, ist noch offen. Erstmal tauscht die CDU an der Spitze fast das komplette Personal aus. Dann muss das inhaltliche Vakuum gefüllt werden - das Grundsatzprogramm ist schließlich lange überholt. Viele erhoffen sich darin klare Kante und konkret Konservatives. Aber möglicherweise wird das nichts. Denn Merz arbeitet an seinem Image. Eine Frauenquote lehnt er nicht mehr zwingend ab, und er will Schwulen und Lesben Adoptionsrechte einräumen.

Das ist ein Thema, das wir schon seit längerer Zeit diskutieren, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen.

Der konservative Flügel mag sich bei solchen Aussagen die Augen reiben. Merz macht plötzlich Politik für die Mitte? "Nein, aber sie haben mich vielleicht etwas anders wahrgenommen, so wahrgenommen, wie ich immer schon war", sagt er dazu.

Der neue Merz ist auch der alte

Merz ist Profi genug, um zu wissen, dass er als Vorsitzender einer Volkspartei Politik für alle anbieten muss. Der neue Merz ist aber auch der alte, wenn er gnadenlos mit seiner Partei abrechnet. "Kein Programm, kein Kandidat, keine Kommunikation" sagte er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Er will es besser machen - als CDU-Chef in der Opposition und vermutlich auch als Fraktionschef, denn Merz wäre nicht Merz, würde er auf dieses Amt tatsächlich verzichten. Seine Ziele jedenfalls sind klar.

Wir werden eine moderne Volkspartei sein und ich stelle an mich den Anspruch, die modernste Volkspartei Europas zu sein - und das werde ich auch ganz konkret zeigen.

Letztlich wird er an Wahlergebnissen gemessen werden. Los geht es mit den Wahlen im Saarland und Schleswig-Holstein. Und dann natürlich die wichtige Landtagswahl in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen im Mai - sie dürfte die absehbar größte Hürde werden. Auf sie wird er weniger entspannt zulaufen können als auf seine eigene Wahl.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Januar 2022 um 09:00 Uhr.