Friedrich Merz | AFP

Künftiger CDU-Vorsitzender Die Herausforderungen des Friedrich Merz

Stand: 03.01.2022 10:59 Uhr

Friedrich Merz soll in knapp zwei Wochen bei einem digitalen Parteitag zum neuen CDU-Vorsitzenden gewählt werden. Dann übernimmt er eine CDU am Tiefpunkt. Auf ihn warten 2022 viele Herausforderungen - zu viele?

Von Jim-Bob Nickschas, ARD-Hauptstadtstudio

Die CDU hat ein hartes Jahr hinter sich: Der Streit mit der CSU um die Kanzlerkandidatur, das historisch schlechte Ergebnis bei der Bundestagswahl und ein dramatischer Bedeutungsverlust im Schatten der neuen Ampel-Koalition. Eine Mehrheit an der Basis hat entschieden: Friedrich Merz soll die Partei aus diesem Tal führen. Auf ihn warten in diesem Jahr gewaltige Aufgaben.

Jim-Bob Nickschas ARD-Hauptstadtstudio

Die wohl größte Baustelle für Merz ist wohl die inhaltliche Erneuerung der CDU nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel. Das Wahlprogramm der Union für die Bundestagswahl 2021 sprach Bände: Ein bisschen Klimaschutz, weniger Belastungen für Unternehmen, eine Generationenrente, eine modernere Verwaltung, von allem war etwas dabei. Aber der große Wurf, die Überschrift, die DNA der Partei - sie fehlte. Die Quittung dafür bekam die CDU am Wahltag.

Mehr nach rechts?

Merz sagt nun: Die Themen lägen auf der Hand. Es gehe um die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft in Zeiten des Klimawandels, um die innere und äußere Sicherheit und um einen neuen Generationenvertrag. Doch Merz weiß auch, dass die inhaltliche Erneuerung einer Partei Zeit braucht. Das gehe alles "nicht innerhalb von zwei Jahren", ließ er vor Kurzem wissen und wollte damit wohl auch überhöhte Erwartungen an ihn lieber gleich dämpfen.

Viele Konservative wünschen sich von Merz, dass er die CDU wieder mehr nach rechts rückt. Er selbst dagegen bemüht sich inzwischen eher darum, sein Image als Hardliner abzulegen: Gerade erst bekräftigte Merz zum Beispiel seine Zustimmung zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und drohte Parteimitgliedern bei einer Zusammenarbeit mit der AfD mit dem Rausschmiss. Der CDU dürften spannende Diskussionen bevorstehen.

Die CDU jünger und weiblicher machen

Die Partei muss jünger, weiblicher und diverser werden, so hört man es immer öfter auch innerhalb der CDU. Wenn Merz - selbst ein Gesicht der Vergangenheit - das glaubhaft umsetzen will, sollte er um sich herum also möglichst viele neue Köpfe aufbauen.

Frischen Wind mitbringen sollen unter anderem der frühere Berliner Sozialsenator Mario Czaja als Generalsekretär und die 34-jährige Christina Stumpp aus Baden-Württemberg als dessen Stellvertreterin. Außerdem könnten Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und der frühere Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Carsten Linnemann, als neue CDU-Vizechefs aufrücken - die gehen als Mittvierziger zumindest parteiintern als Nachwuchskräfte durch.

Doch reichen wird das nicht: Merz muss es gelingen, das Klima innerhalb der CDU zu verändern und alte Strukturen aufzubrechen, damit deutlich mehr Frauen künftig eine Chance in der vordersten Reihe bekommen. Eine ziemlich große Baustelle in einer Partei, deren Mitglieder im Schnitt 61 Jahre alt und zu mehr als 70 Prozent männlich sind.

Aus der Union wieder eine Union machen

Entscheidend wird im Jahr 2022 aber auch sein, ob Merz die CDU wieder versöhnen kann - auch mit ihrer Schwesterpartei. Der Kampf um die Kanzlerkandidatur war heftig, die anschließenden Attacken von CSU-Chef Markus Söder auf den gemeinsamen Kandidaten und CDU-Vorsitzenden Armin Laschet haben tiefe Wunden hinterlassen. Auch Merz sieht das so, bemühte sich aber bereits um Versöhnung: CDU und CSU seien gegenseitig aufeinander angewiesen, betonte er. Das Verhältnis zur Schwesterpartei über ein reines Zweckbündnis hinaus zu definieren, wird wohl eine der härtesten Aufgaben für Merz in diesem Jahr.

Wie viel ihm selbst an Einigkeit gelegen ist, auch innerhalb der CDU, das kann Merz schon im Frühjahr beweisen: Dann stimmt die Unionsfraktion im Bundestag erneut über ihren Vorsitz ab. Ralph Brinkhaus will unbedingt Oppositionsführer bleiben, ist es doch einer der wenigen Posten, auf denen ein CDU-Politiker aktuell sichtbar sein und Einfluss ausüben kann.

Doch Merz hat bisher demonstrativ offengelassen, ob er nicht doch lieber selbst nach diesem Posten greifen und seine Macht damit ausbauen will. Damit aber würde er wohl ziemlich sicher einen neuen Streit in der CDU vom Zaun brechen, vor allem innerhalb der Fraktion. Und noch mehr Streit kann sich die Union eigentlich nicht leisten.

Und dann noch Wahlen gewinnen

Denn 2022 stehen gleich mehrere Landtagswahlen an - die nächste große Baustelle für Merz. Schon im März wird im Saarland gewählt, im Mai folgen Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Mit Tobias Hans, Daniel Günther und Hendrik Wüst kämpfen gleich drei CDU-Ministerpräsidenten um ihre Ämter und in allen drei Bundesländern sah es in den letzten Umfragen nicht nach einem klaren Sieg für die CDU aus, eher im Gegenteil.

Als neuer Parteichef wird Merz gleich zu Beginn des neuen Jahres zeigen müssen, ob er im Wahlkampf den Unterschied machen und seinen Parteifreunden zum Sieg verhelfen kann. Denn gehen die Landtagswahlen verloren, droht der CDU ein ähnliches Schicksal wie ehemals der SPD: Ein noch tieferer Fall. Und dann dürfte der Zauber des Anfangs auch bei glühenden Merz-Anhängern schnell verfliegen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Dezember 2021 um 18:00 Uhr.