G7-Gipfel 2018 | AP

G7-Gipfel Ein letztes Mal mit Merkel

Stand: 11.06.2021 14:33 Uhr

Berlusconi, Sarkozy, Trump: Alle kamen. Und gingen. Sie blieb. Angela Merkel hat auf G7-Treffen schon viel erlebt. Doch dieser Gipfel ist auch für sie der letzte als Kanzlerin.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

"We can do it. Wir schaffen das", zitierte Boris Johnson auf deutsch die Kanzlerin. 2019 war das. Da war der schrille Brite erstmals als Premier Gast in Berlin und Angela Merkel die Gastgeberin.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Heute ist die Sache umgekehrt. Merkel ist ein letztes Mal im Kreise der G7-Chefs. Und Johnson in Carbis Bay in Cornwall der Gastgeber einer selbstbewussten Langzeitkanzlerin: "Ich gehöre schon zu denjenigen, die sehr klar aussprechen können, was sie möchten", sagte Merkel einst auf einem G7-Treffen. Das haben seither alle längst begriffen oder mühsam begreifen müssen.

Merkel - die vertrauensbildende Maßnahme

Merkel ist mittlerweile länger dabei im G7 - früher G8-Zirkus - als die eiserne Lady Margaret Thatcher. Die Kanzlerin hat viel erlebt und viele politisch überlebt. Die Berlusconis dieser Welt, den zappeligen Franzosen Nicolas Sarkozy und am Ende auch noch Donald Trump. Alle kamen. Alle gingen. Sie blieb. "Die Bundeskanzlerin ist eine wandelnde, vertrauensbildende Maßnahme", sagt Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Er meint es ausdrücklich als Kompliment. Berechenbar. Ohne Allüren. Verlässlich sei sie. Das galt und gilt nicht für jeden der Teilnehmer.

Es ist Merkels 15. Gipfel im Kreise der wichtigsten Industrienationen dieser Welt. Aber auch sie hatte über die Jahre eine steile Lernkurve. "Ich habe noch nie einen Regierungschef erlebt, der die Zusagen seines Vorgängers wieder infrage gestellt hat", sagte Merkel einst auf dem G8-Gipfel in Japan. 2008 war das.

Seit Trump aber war alles anders. Seit ihm gilt nicht mehr, was sieben Jahrzehnte Bestand hatte: Ischinger spricht von einer Zeitenwende im deutsch-amerikanischen Verhältnis, denn bis zu einem Präsidenten Trump war es für Deutschland unwichtig, ob ein Republikaner oder ein Demokrat im Weißen Haus sitzt: "Es war im Grunde egal, wer da gewinnt. Es waren alles unsere Freunde. Das aber ist nicht mehr so", sagt Ischinger.

Europa, Deutschland müsse jetzt Joe Biden helfen, damit Amerika der Welt wieder helfen könne. Ischinger sagt es dramatischer. Biden werde die nächste Wahl verlieren, wenn er den Amerikanern nicht erklären könne, warum seine Außenpolitik der Kooperation gut für sie war.

Wiederaufbau mit Biden

Höchste Zeit für die Partner, Biden eine helfende Hand zu reichen. Mit ihm, sagt der deutsche Außenminister Heiko Maas, beginne der Wiederaufbau von einst internationalen Selbstverständlichkeiten. "Es gehört auch zur Ehrlichkeit dazu, dass wir darauf lange gewartet haben. In den letzten Jahren der Trump-Administration gab es doch Vorgänge, die befürchten ließen, dass die internationale Ordnung nachhaltigen Schaden erleiden wird."

Jetzt also gibt es wieder Ordnung in der internationalen Ordnung. Johann Wadepfuhl, Unionsvizefraktionschef und Außenpolitiker setzt auf dieses Signal beim G7-Gipfel: "Wenn die Bezeichnung 'hirntot' irgendwo stimmte, dann war mindestens eine große Gefahr da, dass das für G7 gelten würde. Jetzt gibt es die große Hoffnung, dass dieses Format wieder funktioniert", sagt Wadepfuhl im ARD-Gespräch.

Untergegangen in der Trump-Sprachlosigkeit

Und die G7-Staaten haben ab heute viel auf dem Zettel stehen: Klimaschutz, multilaterale Ansätze, das Werben für die westliche Demokratieform im Wettstreit mit anderen Systemen, allen voran dem chinesischen. Manches war liegengeblieben und untergegangen in der Trump-Sprachlosigkeit. Anderes neu dazugekommen. Die Pandemie zum Beispiel. Präsident Biden reist deshalb heute wohl mit einem Gastgeschenk der USA an. 500 Millionen Impfdosen für bis zu 100 ärmere Staaten - allerdings über zwei Jahre verteilt.

Über 40 Prozent der US-Amerikaner sind bereits jetzt zwei Mal geimpft. 21 Prozent der Europäer. 0,5 Prozent beträgt die traurige Impfquote in Afrika. Entwicklungsminister Müller macht das wütend. Die G7 müssten jetzt handeln, fordert er. Denn zwei Drittel der Menschheit gehe es nicht wie Bürgern aus G7-Staaten. "Zwei Drittel leben nicht im Reichtum wie wir. Die leben von zwei oder drei Dollar pro Tag. Und diese Menschen haben derzeit keine Perspektive auf einen bezahlbaren Impfstoff."

Auch darum geht es bis Sonntag. Die Stimmung, heißt es aus deutschen Regierungskreisen, sei schon jetzt bestens. Der multilaterale Geist sei zurück, eine umfangreiche Abschlusserklärung bereits in Arbeit.

Über dieses Thema berichtete am 11. Juni 2021 Deutschlandfunk um 08:38 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen" und die tagesschau um 14:00 Uhr.