Angela Merkel | dpa
Analyse

Merkel und die CDU Es ist vorbei

Stand: 02.02.2022 11:41 Uhr

Leidenschaftlich war das Verhältnis zwischen Merkel und der CDU nie, aber das Tempo der beiderseitigen Entfremdung ist fast atemberaubend. Und das liegt nicht allein an Friedrich Merz.

Von Hanni Hüsch, ARD-Hauptstadtstudio

Wo eigentlich ist Angela Merkel? Man soll sie in einem Geschäft auf der Berliner Mohrenstraße gesehen haben, wo sie auch schon als Kanzlerin den Einkaufswagen an Wursttheke und Weinregal vorbeichauffierte.

Hanni Hüsch ARD-Hauptstadtstudio

Andere wollen gesehen haben, wie sie ihr neues Büro einrichtete. Da, wo einst auch Helmut Kohl nach der Abwahl residierte. Und davor Margot Honecker. Merkel ging als Einzige freiwillig.

Wieder andere wollen wissen, dass Merkel jüngst das Theater besuchte und den "Zerbrochenen Krug" von Heinrich Kleist anschaute. Sicher ist nur, dass die nun mehr Ruheständige die ein oder andere Verwendungsofferte dankend ablehnte. Auch den Ehrenvorsitz der CDU, den ihr Friedrich Merz antrug.

Ehrenvorsitz? Nein, danke

Muss man darin den endgültigen Bruch zwischen Merkel und der CDU sehen, das Ende einer Beziehung, die zwar zweckdienlich war, aber eben nie leidenschaftlich? Wäre eine Ehrenvorsitzende Merkel also eine Mogelpackung?

Oder ist so ein Ehrenvorsitz einfach aus der Zeit gefallen? Tand von gestern, für diejenigen, die nicht loslassen können? Dem letzten Ehrenvorsitzenden gereichte die Anerkennung nicht zur ewigen Ehre. Kohl wurde den Titel Anfang 2000 los im Zuge der Parteispendenaffäre. Ausgeführt hat das Merkel.

Die Merz-Wahl markiert das Ende der Ära Merkel

Sie selbst ist nicht für überbordende Eitelkeit und ausdauernde Geltungssucht bekannt, man darf also getrost annehmen, dass ihr der Titel herzlich wenig bedeutete. Und doch markiert die Wahl von Merz zum neuen CDU-Chef endgültig das Ende der Ära Merkel.

Merkel-Vertraute spielen keine Rolle mehr in der Parteispitze. Helge Braun, getreuer Kanzleramtschef unter Merkel, ging bei der Vorsitzendenwahl krachend unter, die Merkel-Vertraute Anette Widmann-Mauz flog aus dem Präsidium, andere traten erst gar nicht mehr an. Und Armin Laschet ist jetzt Hinterbänkler im Bundestag, Annegret Kramp-Karrenbauer hat Berlin verlassen.

Merkels Antipode übernimmt

An der Spitze der CDU steht wieder einer mit klassisch christdemokratischer DNA: Männlich, aus dem Westen, konservativ, einst Mitglied des legendären CDU-Männerbundes "Andenpakt". Kurz: Merz ist Merkels Antipode.

Er ist so anders, als die Frau aus der Uckermark, die die Wendewirren aus dem Wissenschaftsturm der Berliner Akademie der Wissenschaften in den brodelnden Bonner Politbetrieb gespült hatte. Und 2000 auf den Spitzenposten der CDU: Frau, aus dem Osten, geschieden, Außenseiterin, ohne Stallgeruch und Hausmacht. Undogmatisch in jedem Fall, pragmatisch sowieso. Sie zog vorbei an mächtigen Ministerpräsidenten, die die Rechnung ohne sie gemacht hatten.

Ein Unfall der Geschichte, wie mancher dachte und einige auch sagten. "Die kann es nicht", trompetete jedenfalls Merz an jeder Häuserecke. Er irrte sich.

Die CDU näherte sich Merkel - nicht umgekehrt

Die "Physikerin der Macht" lernte schnell und vor allem die einfache Gleichung: Machtgewinn und Machterhalt funktionieren nur mit und über die Partei. Echte Heimat war ihr die CDU nie. Und nicht Merkel näherte sich der CDU, die Partei näherte sich ihr.

Denn im sogenannten Kanzlerwahlverein zählt seit jeher vor allem eins - das Kanzleramt. Die Quereinsteigerin Merkel lieferte. Wahlerfolge und Regierungsmacht.

Das angestaubte Wertekorsett der West-CDU wendete sie auf bunt, erschloss neue städtische Wählerschichten. Konservative aber machte sie heimatlos. Spätestens 2015, als sie Flüchtenden die Tür nicht verschloss aber eine konsistente Flüchtlingspolitik schuldig blieb. "Merkels Hypothek ist eine Partei rechts von der CDU",  formulierte Stephan-Andreas Castdorff vom Berliner "Tagesspiegel" anlässlich Merkels Abschied aus dem Kanzleramt im September 2021.

Sie blieben sich seltsam fremd

Dass sie Ende 2018 zum eigenen Machterhalt Kanzlerschaft und Parteivorsitz trennte, kreiden ihr Kritiker an. Sie sehen hier den Beginn der parteipolitischen Abwärtsspirale. Es sind auch diejenigen, die es sich im Windschatten von Merkels Kanzleramtsmacht gemütlich gemacht hatten.

16 Jahre war sie Bundeskanzlerin, 18 Jahre stand sie an der Spitze der CDU - und doch blieben sich CDU und Merkel seltsam fremd. Bis zum Schluss. 

Fast schon unfreiwillig entlarvend ihr letzter Auftritt im Sommer 2021 vor der Hauptstadtpresse: Wo sie denn den Wahlabend verbringe, wird die scheidende Kanzlerin gefragt: "Ich werde schon Verbindung zu der Partei haben, der ich - ähm - nahe ... deren Mitglied ich bin." Mehr Distanz geht kaum.

Eine Parteipatriarchin in Rente - und auf Distanz zu einer Partei, die sich nach dem Verlust der Macht schnell und mit Eifer Neuem zuwendet. Die Ära Merkel ist Geschichte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Dezember 2021 um 19:05 Uhr.