Kanzlerin Merkel bei der Regierungserklärung vor dem Bundestag | EPA

Merkel zu Afghanistan "Diese neue Realität ist bitter"

Stand: 25.08.2021 13:31 Uhr

Kanzlerin Merkel hat die späte Entscheidung zur Evakuierung von Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und Ortskräften aus Afghanistan verteidigt. Im Bundestag sprach sie von einem "Dilemma". Deutschland sei aber keinen Sonderweg gegangen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ein Ende der Luftbrücke nach Afghanistan "in einigen Tagen" angekündigt. Dies dürfe aber nicht heißen, dass danach vor allem ehemalige Ortskräfte und andere Menschen in Not in Afghanistan nicht geschützt würden, sagte Merkel in ihrer Regierungserklärung vor dem Bundestag. Daran werde "auf allen Ebenen" gearbeitet.

Die Kanzlerin sprach in ihrer Rede von einer schwierigen Entscheidung über den Abzug von Ortskräften. "Stellen wir uns für einen Moment vor, Deutschland hätte im Frühjahr nicht nur mit dem Abzug der Bundeswehr begonnen, sondern gleich auch mit dem Abzug von Mitarbeitern und Ortskräften deutscher Hilfsorganisationen. Manche hätten dies sicher als vorausschauende Vorsicht gewürdigt." Von anderer Seite hätte man sich dem Vorwurf stellen müssen, Menschen in Afghanistan im Stich zu lassen. "Beide Sichtweisen hätten ihre Berechtigung", so Merkel.

"Verantwortung nicht abwälzen"

Die Bundesregierung habe damals sehr gute Gründe dafür gesehen, den Menschen in Afghanistan nach dem Abzug der Truppen wenigstens in der Entwicklungszusammenarbeit weiter zu helfen - "ganz konkrete Basishilfe von Geburtsstationen bis zur Wasser- und Stromversorgung", sagte Merkel. Dafür sei man weiterhin auf Ortskräfte angewiesen gewesen, von denen viele zur Weiterarbeit in Afghanistan bereit waren. "Ich will keinesfalls die Verantwortung für getroffene Entscheidungen auf diese Menschen und ihre Haltung zur Hilfe abwälzen".

Im Nachhinein sei es leicht, die Situation zu analysieren und zu bewerten. "Hinterher, im Nachhinein alles genau zu wissen und exakt vorherzusehen, das ist relativ mühelos", sagte Merkel. Doch die Entscheidung habe in der damaligen Situation getroffen werden müssen. Jetzt konzentriere man sich "mit ganzer Kraft" auf die Evakuierungsflüge.

Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt

Die Entwicklungen der letzten Tage nannte Merkel "furchtbar". Für viele Menschen in Afghanistan seien sie "eine einzige Tragödie". Die Taliban "sind jetzt Realität in Afghanistan, und viele Menschen in Afghanistan haben große Angst", sagte die Kanzlerin weiter. "Diese neue Realität ist bitter." Ihre Regierung werde nicht "davor zurückscheuen", auch Gespräche mit den radikalislamischen Taliban zu führen. "Unser Ziel muss es sein, dass so viel wie möglich von dem, was wir in den letzten 20 Jahren in Afghanistan an Veränderungen erreicht haben, bewahrt wird."

Die Entwicklungen seien auch für die Verbündeten bitter, die hier jahrelang für freiheitliche Strukturen und gegen den Terrorismus gekämpft hätten. Die Kanzlerin erklärte, dass immer klar gewesen sei, "dass der gesamte Einsatz mit der Haltung des militärisch Stärksten im Bündnis - den USA - buchstäblich steht und fällt."

Auch dass es Kämpfe mit den erstarkten Taliban geben würde, habe die internationale Gemeinschaft erwartet. Überrascht sei man aber über die Geschwindigkeit gewesen, in der die afghanischen Sicherheitskräfte ihren Widerstand aufgegeben hätten - bzw. dass sie den Widerstand gar nicht erst aufnehmen würden. Das habe sich noch einmal beschleunigt in dem Moment, als die politische Führung Afghanistans aus dem Land geflohen sei. "Wir alle haben die Geschwindigkeit der Entwicklung offensichtlich unterschätzt. Das gilt auch für Deutschland."

Merkel sagte, die Bundeswehr habe bislang mehr als 4600 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Es seien Personen aus insgesamt 45 Nationen, fast die Hälfte davon Frauen. Merkel betonte, es habe keinen Sonderweg Deutschlands in Afghanistan gegeben. Alles geschehe in enger Abstimmung mit den Verbündeten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. August 2021 um 14:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Sisyphos3 25.08.2021 • 16:37 Uhr

16:26 von melancholeriker

was haben sie denn immer mit dem Begriff "deren Mentalität" die werden eben für ihre Werte einstehen die sie haben offensichtlich sind die unterschiedlich zu den unsrigen vermute ich mal, wissen tue ich es so wenig wie sie es tun ! im Übrigen wie kommen sie drauf dass die Taliban alles kleine Amris sind ?