Martin Schirdewan | picture alliance / Geisler-Fotop
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Spitzenduo mit Wissler Schirdewan kandidiert als Linken-Chef

Stand: 24.05.2022 11:30 Uhr

Der Europapolitiker Martin Schirdewan will für den Vorsitz der Linkspartei kandidieren. Das erklärte er im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Mit Janine Wissler will er ein Führungsteam bilden.

Von Kerstin Palzer und Sarah Frühauf, ARD-Hauptstadtstudio

Einen Mann und aus dem Osten - das hat Linken-Chefin Janine Wissler als Partner für die Kandidatur um den Parteivorsitz gesucht. Diese beiden Kriterien erfüllt der geborene Ost-Berliner Martin Schirdewan jedenfalls. Viele in der Partei hatten sich zudem ein neues Gesicht gewünscht. Auch das passt in gewisser Weise: Denn für den Großteil der Öffentlichkeit ist Schirdewan ein Unbekannter. Der 46-Jährige sitzt seit knapp fünf Jahren für die Linkspartei im Europa-Parlament. Dort ist er Co-Vorsitzender der linken Fraktion.

Kerstin Palzer ARD-Hauptstadtstudio
Sarah Frühauf ARD-Hauptstadtstudio

Nun will er auch in der Partei eine Führungsposition übernehmen. Er wolle dazu beitragen, die Linke aus der Krise zu führen, sagte er im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. In einem Team, das vertrauensvoll zusammenarbeite. Dazu müsse man das Profil der Linken als moderne sozialistische Gerechtigkeitspartei wieder stärken.

Schirdewan sieht sich als Pragmatiker

Bei Schirdewans Familie kann man fast schon von einer Linken-Dynastie sprechen. Sein Großvater war ein führender SED-Politiker, der aber unter Walter Ulbricht in Ungnade fiel. Seine Tante war Mitglied der letzten, frei gewählten Volkskammer.

Martin Schirdewan studierte in Berlin Politikwissenschaften. Im EU-Parlament beschäftigte er sich schwerpunktmäßig mit Steuer- und Netzpolitik. Als möglicher Vorsitzender will er die Linke programmatisch neu aufstellen. Also die soziale und ökologische Frage versöhnen, eine strukturelle Erneuerung insbesondere mit Blick auf die Sexismus-Vorwürfe in der Partei angehen und die Positionen zur Außen- und Sicherheitspolitik neu definieren. Auch die Linke habe, so Schirdewan, die russische Regierung in der Vergangenheit falsch eingeschätzt. Alle müssten sich nun neu sortieren. Wichtig sei nun, so schnell wie möglich unabhängig von russischem Energieträger zu werden, am besten durch einen Kurswechsel hin zu erneuerbaren Energien. Schirdewan selbst will sich innerparteilich keinem Lager zuordnen lassen, sieht sich aber als Pragmatiker.

Im Dauerkrisenmodus

Auch Schirdewan ist sich der dramatischen Lage bewusst, in der sich die Partei zurzeit befindet. Die Linke ist im Streit- und Dauerkrisenmodus. Das liegt seiner Ansicht nach daran, dass die Linke zuletzt zu vielstimmig auftrat. Die Gremien in der Partei müssten besser zusammenarbeiten. Einzelmeinungen hätten eine Prominenz erlangt, die ihnen nicht gebühren würde. Ein klarer Seitenhieb auf Sahra Wagenknecht, auch wenn ihr Name in dem Zusammenhang nicht fällt.

Schirdewan führte in den vergangenen Tagen einige Gespräche. Zahlreiche Landesverbände hätten ihm Unterstützung zugesagt. Tatsächlich stehen seine Chancen für eine Wahl nicht schlecht. Das gilt ebenso für Wissler. Auch, weil es kaum Alternativen gibt.

Auch Sören Pellmann will kandidieren

Bisher gibt es keine andere Frau, die Interesse für das Amt angemeldet hat. Wissler würde also auf dem Frauenplatz allein kandieren. Schirdewan hat mit Sören Pellmann zwar noch einen Konkurrenten, ihm werden aber wenig Chancen vorausgesagt. Pellmann hatte bei der Bundestagswahl das dritte Direktmandat gewonnen und der Partei somit den Fraktionsstatus im Bundestag gerettet. Er gilt als Wagenknecht-Anhänger und Russland-nah. Zuletzt erschien im "Spiegel" ein Artikel über sein, so hieß es, ungewöhnlich hohes Wahlkampfbudget. Woher die Gelder kamen, sei unklar. Pellmann wollte sich dem "Spiegel" gegenüber nicht dazu äußern.

Schirdewan betont, nicht gegen jemanden kandidieren zu wollen. Er wolle der Partei ein Angebot machen, mit ihm den Weg der Erneuerung zu gehen. Welchen Kurs die Linke einschlägt, werden die Delegierten auf dem Parteitag Ende Juni in Erfurt entscheiden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Mai 2022 um 11:46 Uhr.