Heidi Reichinnek | dpa

Vorsitz der Linkspartei Kandidatin Nummer vier

Stand: 25.05.2022 12:50 Uhr

In vier Wochen will die Linkspartei ihre neue Führungsspitze wählen. Und das Bewerberfeld wächst. Nun bringt sich die vierte Kandidatin in Position. Heidi Reichinnek gilt als politisches Talent in der Fraktion.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

In vier Wochen muss sich die Linkspartei entscheiden, wer zukünftig der oder die neuen Parteivorsitzenden sein sollen. Jetzt wirft die vierte Kandidatin ihren Hut in den Ring: Heidi Reichinnek.

Kerstin Palzer ARD-Hauptstadtstudio

Eine Doppelspitze muss es bei der Linken sein. Und mindestens eine Frau auch. Außerdem ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass eine der beiden Führungspersonen aus dem Osten kommt und eine aus dem Westen.

Am Samstag hatte bereits die amtierende Parteivorsitzende Janine Wissler ihre erneute Kandidatur bekanntgegeben, am Dienstag dann zwei Männer: der Europa-Abgeordnete Martin Schirdewan und Sören Pellmann, der mit seinem Direktmandat, das er in Leipzig errungen hat, der Partei überhaupt den Einzug in den Bundestag ermöglicht hat.

Jetzt also Kandidatin Nummer vier: die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. In der Fraktion, der sie erst seit September angehört, gilt sie als politisches Talent, engagiert sich vor allem in der Kinder- und Jugendpolitik.

Außerhalb der Partei nahezu unbekannt

Reichinnek will als Einzelkandidatin antreten, sie ist also nicht festgelegt, mit wem sie ein Vorsitzenden-Team bilden will. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass sie politisch eher eine Nähe zu Pellmann hat. Reichinnek findet, dass die Erneuerung ihrer Partei nur mit einem neuen Gesicht funktioniert - und das sei sie ja. Das ist auch insofern richtig, als dass Reichinnek außerhalb der Linkspartei nahezu unbekannt ist.

Die Linken-Bundesvorsitzende Janine Wissler sitzt beim niedersächsischen Landesparteitag neben der niedersächsischen Landesvorsitzenden Heidi Reichinnek (r). | dpa

Linken-Chefin Wissler und Landeschefin Reichinnek (r) beim Linken-Parteitag in Niedersachsen am 22. Mai. Bild: dpa

Als Mitbegründerin und ehemalige Sprecherin der linken Jugendorganisation solid ist sie allerdings bei den jüngeren Parteimitgliedern gut vernetzt. Die jüngste Sexismus-Diskussion innerhalb der Linken ist ihr ein besonderes Anliegen. "Sexismus und erst Recht sexualisierte Gewalt haben Konsequenzen und werden auf keiner Ebene unserer Partei toleriert", schreibt Reichinnek in ihrer Bewerbung. Sie findet, dass es auch externe Strukturen für Opfer in der Partei geben muss, da man "manche Probleme im eigenen Laden einfach nicht klären kann. Als feministische Partei müssen wir da ran", so Reichinnek.

Streit über Russland-Politik

Und die Russland-Politik? Da gab es in den vergangenen Monaten heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen. Beispielsweise hatten einige Genossen, darunter auch Sahra Wagenknecht, eine Erklärung veröffentlicht, die mehr die Politik der NATO kritisierte als den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Pellmann hat diese Erklärung mitunterschrieben. Nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur nannte er dies eine Fehleinschätzung und Putin einen "Turbo-Kapitalisten, der die Ursache für diesen Konflikt ist". Dies sieht Reichinnek ähnlich. Sie scheint froh zu sein, dass Pellmann seine Position zum Krieg Russlands verändert hat.

Die Vielstimmigkeit überwinden

Ebenso wie Pellmann findet auch Reichinnek, dass es ein Fehler wäre, nicht mehr mit Wagenknecht zu reden. Pellmann hatte angekündigt, dass er alle linken Promis integrieren wolle. Den Namen Wagenknecht nannte er in diesem Zusammenhang explizit. Aber auch Wagenknechts innerparteiliche Langzeit-Gegnerin Katja Kipping.

Sie wolle nicht in einer Partei sein, die bestimmte Menschen ausschließe, sagte Reichinnek mit Blick auf Wagenknecht. Das sehen viele - gerade jüngere - in der Partei anders. Sie sprechen Wagenknecht ab, die linke Parteilinie zu vertreten.

Alle Kandidaten für den Parteivorsitz betonen übrigens, dass man die Vielstimmigkeit in der Partei überwinden müsse. Tatsächlich streiten sich die verschiedenen Flügel der Linken öffentlich in bemerkenswerter Härte. Reichinnek betonte nun, dass zukünftig "alles, was geklärt werden muss, zuerst in der Partei geklärt werden muss, damit wir nach außen mit einer Stimme sprechen."

Kaum jemand hätte nach dem Rücktritt von Susanne Hennig-Wellsow vor fünf Wochen die Namen derer, die jetzt kandidieren, nennen können. Die linken Aushängeschilder halten sich bislang zurück. Mit Ausnahme von Wissler will es nun offenbar die zweite oder dritte Reihe versuchen, die Linke aus ihrer existenziellen Krise zu holen. Wer immer beim Parteitag Ende Juni in Erfurt von den Delegierten gewählt wird, hat eine Mammutaufgabe vor sich.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Mai 2022 um 11:46 Uhr.