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Analyse

Linkspartei Traumpaar gefunden?

Stand: 02.05.2021 16:22 Uhr

Die Suche nach Spitzenkandidaten ist bei der Linkspartei traditionell kompliziert. 2013 gab es daher schon mal acht Spitzenleute. Diesmal sollen es nur zwei sein - und die scheinen gefunden.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Auch den größten Optimisten in der Linkspartei ist klar: Hier geht es nicht um eine Kanzlerkandidatur. Doch schon seit Monaten überlegt man sich, wer die Partei als Spitzenkandidaten in den Wahlkampf 2021 führen kann. Am besten sollte es jemand sein, der möglichst viele Strömungen und Lager der traditionell diskussionsfreudigen, zuweilen zerstrittenen, Partei repräsentiert. Außerdem sollte der- oder diejenige natürlich auch bekannt und bei möglichen Wählerinnen und Wählern beliebt sein.

Kerstin Palzer ARD-Hauptstadtstudio

Diese Problematik führte in der Vergangenheit der Linkspartei schon mal zu acht Spitzenkandidaten. 2013 war das. Da sahen dann nicht nur die Anhänger nicht mehr durch. Es brachte auch klare Verluste bei den Wahlen ein.

Dietmar Bartsch - und wer noch?

2021 will es die Linkspartei besser machen. Höchstens zwei Leute sollen den Job übernehmen, hörte man schon im März. Und seit einiger Zeit ist eigentlich auch klar: Einer der Spitzenkandidaten wird Fraktionschef Dietmar Bartsch sein. Bartsch sprach schon vor Wochen davon, dass er den Job ja machen würde, er wollte allerdings gefragt werden. Offenbar wurde er das jetzt.

Bartsch ist seit Jahrzehnten im politischen Betrieb der Linken, davor war er bei der PDS und noch früher in der SED. Ein norddeutscher Pragmatiker mit Machtbewusstsein. An Bartsch kommt man nur schwer vorbei. Innerhalb der Partei gilt das "Forum Sozialistischer Demokraten" als seine Spielwiese. Das ist der Teil bei den Linkspartei, der sich gut vorstellen kann, in Zukunft mitzuregieren - in einer Regierung, die dann Grün-Rot-Dunkelrot sein könnte.

Janine Wissler (l), die neue Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, nach ihrer Wahl beim Online-Bundesparteitag Ende Februar. Neben ihr: Susanne Hennig-Wellsow und Dietmar Bartsch | dpa

Dietmar Bartsch (rechts) könnte zusammen mit Parteichefin Janine Wissler (links) die Linke in die Bundestagswahl führen. Es spricht viel dafür. Bild: dpa

Vier Frauen zur Auswahl

Blieb die Frage: Wer könnte es gemeinsam mit Bartsch machen? Zur (Aus-)Wahl stehen vier Frauen: Ex-Parteichefin Katja Kipping, Co-Fraktionschefin Amira Mohamed Ali und die beiden relativ neuen Parteivorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler.

Und weil Bartsch aus Mecklenburg-Vorpommern kommt und dem Reformerflügel der Partei angehört, bleiben zwei Kriterien: Die Spitzenkandidatin sollte möglichst aus dem Westen kommen und dem linken Parteiflügel angehören.

Damit fielen Kipping aus Sachsen und Hennig-Wellsow aus Thüringen raus. Wobei neben der reinen geografischen Quote auch eine Rolle spielen dürfte, dass beide Frauen nicht unbedingt als Wahlkampf-Zugpferde eingeschätzt werden.

Letzteres scheint aus Parteisicht auch für Mohamed Ali zu gelten. Die 41-Jährige aus Niedersachsen hat es zwar geschafft, in der komplett zerstrittenen Fraktion im Bundestag zumindest für so viel Frieden zu sorgen, dass wieder normales Arbeiten möglich ist, aber sie wird in der Öffentlichkeit als nicht so präsent wahrgenommen, dass man sie als Spitzenkandidatin für den Wahlkampf sieht. Selbst wenn sie als Muslima den auch in der Linkspartei unterrepräsentierten Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund verstärken würde.

Janine Wissler | dpa

Seit Ende Februar Parteichefin - und bald vermutlich auch Spitzenkandidatin: Janine Wissler. Bild: dpa

Bleibt ein Name

Bleibt Janine Wissler. Die Parteivorsitzende aus Hessen führt seit zwölf Jahren die linke Fraktion im Wiesbadener Landtag. Sie gilt als politischer Profi aus "dunkelrotem Holz". Bis 2020 war sie Mitglied bei "Marx21", einem Netzwerk, das der Verfassungsschutz beobachtet. Eine Trotzkistin war sie zumindest früher, und auch jetzt hat Wissler immer noch große Schwierigkeiten, wenn es um die Frage nach einer möglichen Regierungsbeteiligung nach der Wahl geht. Und obwohl viele in der Partei diese extrem linke Ausprägung kritisch sehen, gilt Wissler als Hoffnung der Partei.

Ihre Pluspunkte: Sie kann die Bühne rocken. Die Politikwissenschaftlerin kann sich in Szene setzen. Die 39-Jährige spricht druckreif, wirkt souverän, klug und freundlich. Das kommt an bei der Wählerschaft, das braucht eine Spitzenkandidatin. Und das weiß auch die Linkspartei.

Das Quoten-Traumpaar?

Gemeinsam mit Bartsch entsteht aus linker Sicht das Quoten-Traumpaar. Mann und Frau. Ost und West. Ehemals PDS und WASG-Mitbegründerin. Reformer und linker Flügel. Bei all diesem Quoten-Happy-End kommt inhaltlich aber eine wichtige Sache dazu, die die Harmonie des Paares schwierig macht: Bartsch spricht sich klar für Regierungsbeteiligung der Linkspartei aus, Wissler war zumindest bis vor kurzem dagegen.

Wisslers Forderungen nach einem deutschen NATO-Austritt, einem Rüstungsexportstopp und dem Ende der Auslandseinsätze würden eine Regierungsbeteiligung sehr schwierig bis unmöglich machen. Und wenn sie davon spricht, dass die Macht- und Eigentumsverhältnisse in Deutschland grundlegend verändert werden müssen, klingt es eher nach Revolution als nach Regieren.

Mittlerweile spricht sie allerdings davon, dass es um einen Politikwechsel gehe und man über Inhalte reden müsse. Erst danach über Koalitionen. Und sie verweist darauf, dass sie in Hessen bereits 2008 dabei war, als die Linkspartei angekündigt hatte, eine rot-grüne Landesregierung zu tolerieren.

Es spricht viel dafür, dass die Linke ihr Traumpaar gefunden hat. Offiziell will der Parteivorstand die Entscheidung am 10. Mai verkünden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Mai 2021 um 18:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 02.05.2021 • 19:52 Uhr

18:52 von Olivia59

«Wenn´s eng wird werden doch selbst die Marktradikalsten zu Kommunisten. Ob nun bei der Verstaatlichung von "bad banks" oder Atommüll.» Wo wohnt das Fabelwesen Atommüll-Kommunist? Wahrscheinlich in einer anderen Galaxie …